hinten ein Bein . Von den Mädchen gingen einige Arm in Arm in den Gängen spazieren . Sie hatten sich um die Taille gefaßt und kicherten miteinander . Die meisten waren ihm fremd , einige schienen besonders vornehm , sie trugen feine graue Regenmäntel und hatten Federhüte auf dem Kopfe . Ihnen mußten die Karossen draußen gehören . Er sah auf seine Jacke herunter , um sich zu vergewissern , daß er sich nicht zu schämen brauchte . Sie war von feinem schwarzen Tuche , aus einem alten Fracke des Studenten gefertigt , und schien so gut wie neu , nur daß die Nähte ein wenig glänzten . Alles in allem : er brauchte sich nicht zu schämen . Die Glocke ertönte . Die Konfirmanden wurden in die Kirche gerufen . - Paul fühlte sich frei und fromm , als ihn die feierliche Dämmerung des Gotteshauses umfing . - Er dachte nicht mehr an seine Jacke , die Gestalten der Knaben ringsum wurden wie Schatten . Zu beiden Seiten des Altars waren Bänke aufgestellt . Rechts sollten die Knaben , links die Mädchen ihre Plätze erhalten . Paul wurde in die hinterste Reihe gedrängt , wo die Kleinen und die Armen saßen . Zwischen zwei barfüßigen Häuslerkindern , die grobe , durchlöcherte Jacken trugen , nahm er Platz . An den Schultern seiner Vordermänner vorbei sah er drüben die Mädchen sich ordnen , die Vornehmsten zuerst , dann die ärmlich Gekleideten . Er dachte darüber nach , ob im Himmel die Reihenfolge wohl eine ähnliche sein werde , und der Spruch fiel ein : » Wer sich erniedrigt , der soll erhöhet werden . « Der Pfarrer kam . Es war ein behäbiger Mann mit einem Doppelkinn und einem blonden Backenbärtchen . Seine Oberlippe schimmerte blank von dem häufigen Rasieren . Er trug nicht seinen Talar , sondern einen einfachen schwarzen Rock , sah aber doch sehr würdig und feierlich aus . Er sprach zuerst ein langes Gebet über den Text : » Lasset die Kindlein zu mir kommen « und knüpfte daran die Ermahnung , das kommende Jahr als eine Zeit der Weihe zu betrachten , nicht zu tollen und nicht zu tanzen , denn das widerspräche der Würde eines Religionsschülers . » Ich habe nie getollt und getanzt , « dachte Paul und war in diesem Augenblick ganz von Stolz erfüllt über seinen gottseligen Wandel . » Aber schade war ' s doch « - dachte er hinterher . Dann pries der Pfarrer die vornehmste der christlichen Tugenden : die Demut . Niemand in dieser Kinderschar sollte sich über den anderen erhaben fühlen , weil seine Eltern vielleicht reicher und vornehmer wären als die seiner Mitbrüder und Mitschwestern . Denn vor Gottes Throne wären alle gleich . » Aha , da habt ihr ' s ! « dachte Paul und faßte liebevoll den Arm seines zerlumpten Nachbarn . Der dachte , er wolle ihn kneifen , und sagte : » Au , nicht doch ! « Drauf zog der Pfarrer ein Blatt Papier aus der Tasche und sagte : » Jetzt will ich die Rangordnung verlesen , in der ihr fortan sitzen sollt . « » Warum denn eine Rangordnung , « dachte Paul , » wenn vor Gottes Throne alle gleich sind ? « Der Pfarrer sagte : » Zuerst kommen die Mädchen und dann die Knaben , « und begann zu lesen . Schon der erste Name machte Paul stutzig , denn er hieß - Elsbeth Douglas . Er sah ein hochaufgeschossenes , blasses Mädchen mit einem frommen Gesicht und schlicht zurückgestrichenen blonden Haaren sich erheben und nach dem ersten Platze hinschreiten . » Also das bist du ! « dachte Paul , » und wir sollen zusammen eingesegnet werden . « Das Herz klopfte ihm vor Freude und auch vor Angst , denn er fürchtete zugleich , daß er ihr zu gering erscheinen werde . - » Vielleicht besinnt sie sich gar nicht mehr auf dich , « dachte er weiter . Er beobachtete sie , wie sie mit niedergeschlagenen Augen sich auf ihren Platz setzte und freundlich vor sich hinlächelte . » Nein , die ist nicht stolz , « sagte er leise vor sich hin , aber zur Sicherheit besah er seine Jacke . Dann wurden die Knaben aufgerufen . Zuerst kamen die beiden Brüder Erdmann . Die hatten sich schon ohnehin auf den ersten Plätzen breitgemacht , und dann wurde sein eigener Name gerufen . - In diesem Augenblick machte Elsbeth Douglas es genauso , wie er vorhin getan . Sie hob rasch den Kopf und spähte zu den Reihen der Knaben hinüber . Als er sich auf seinen Platz gesetzt hatte , schaute auch er vor sich auf die Erde nieder , denn er wollte es ihr an Demut gleichtun , und wie er dann aufblickte , sah er ihr Auge voll Neugier auf sich ruhen . Er wurde rot und tupfte ein Federchen von dem Ärmel seiner Jacke . Und dann begann der Unterricht . Der Pfarrer erklärte Bibelsprüche und fragte Gesangbuchlieder ab . Elsbeth kam zuerst an die Reihe . Sie hob ein wenig den Kopf und sagte ruhig und unbefangen ihre Verse her . » Donnerja , die Margell hat Courage , « murmelte der jüngere Erdmann , der zu seiner linken Seite saß . Paul fühlte sich von plötzlichen Ingrimm gepackt . Er hätte ihn mitten in der Kirche prügeln mögen . » Sagt er noch einmal Margell auf sie , so hau ' ich hernach auf ihn los . « Das versprach er sich feierlich . Aber der jüngere Erdmann dachte nicht mehr an sie , er beschäftigte sich damit , seinen Hintermännern Stecknadeln in die Waden zu stechen . Als die Stunde beendet war , verließen zuerst die Mädchen paarweise die Kirche . Erst als die letzten draußen waren , durften die Knaben ihnen folgen . Auf dem Vorplatze begegnete er Elsbeth , die nach ihrem Wagen schritt . Beide sahen sich ein wenig von