unruhig , so zerstreut . Besonders den Bruder des Herrn brachte sie nicht aus dem Sinn . » Laß den roten Ludwig ; Du weißt , wie peinlich es mir ist , ihn nur nennen zu hören . « - Natürlich wußte sie das ; aber sie konnte es doch nicht überwinden . Sie mußte vorhin wie zufällig seiner gedenken und merkte es wohl , wie der Herr Baron dabei die Miene verzog . O , er hat nicht bloß des bequemeren Rasierens wegen ein krummes Gesicht gemacht . Brigitta kennt dafür ihren Herrn zu gut . Drillinger war von der Thür wieder zurückgegangen , hatte einen Stuhl herangeschoben und sich kopfschüttelnd neben Brigitta gesetzt . Er faßte ihre Hand , hielt und rieb sie zwischen seinen beiden Händen und lauschte auf ihre mit schwacher Stimme zusammenhanglos hervorgestoßene Erzählung mit gepreßtem Herzen wie ein Kind , dem ein grausiges Ammen-Märchen erzählt wird . Die verrückte Magdalena , die verschollene Afra , der rote Ludwig ! - - - Vor den dunklen Abgründen des Lebens schauert der Stärkste zusammen , und der schweifende Geist hält geduldig an , wenn alte , bebende Lippen , die viel Gift und Weisheit geschlürft in einem langen , prüfungsreichen Dasein , mit gebrochener Stimme an die Rätsel des Schicksals rühren . » Ich weiß alles , « warf Max v. Drillinger dazwischen , » und ich weiß nichts . Wissen macht Herzweh , gute Brigitta . « - Wer ergründet , was die Isar rauscht ? Wer findet die Noten zu ihrem ewig wechselnden und ewig gleichen Wellenlied , und wer setzt den Text unter diese Noten ? Alles ist Geheimnis . Wer vermöchte auch sonst das Leben auszuhalten ? » Hör ' auf , Brigitta , Du ermüdest Dich zu sehr . Nach der qualvollen Nacht laß Dir einen stillen , milden Tag beschieden sein . Ich will den Vorhang niederlassen . Im Dunkeln wirst Dich wohler fühlen . « - Einen Schluck Wein ? Warum man doch in solchen Fällen nicht immer gleich an das Nächste und Beste denkt ! Auf dem Kredenztisch steht noch eine volle Flasche neben einer angebrochenen von gestern Abend , ganz passabler Bordeaux . Natürlich darf man ' s mit der Echtheit der Marke nicht so genau nehmen . Daran liegt aber nichts ; ist ' s nur unverfälschter Traubensaft , so mag die Rebe in Spanien oder Italien oder sonstwo gewachsen sein . Und die alte Brigitta weiß einen guten Tropfen zu schätzen . Sie macht sich aus dem Bier nicht übermäßig viel ; nur im Hochsommer , wenn ' s recht heiß ist , da ist eine frische Halbe , oder auch eine Maß , ein rechtes Labsal . Jetzt geht eben ein schräger Strahl durch ' s Zimmer und trifft die Flasche . Sonnengrüße ! Wie das feurig funkelt ! Rasch den Pfropfen heraus ! » Zur Gesundheit , Brigitta ! Noch einen Schluck ? « » Danke , das thut wirklich gut ! « - Aber nein , das Zimmer nicht verdunkeln , die freundliche Helle verscheucht eher die bösen Gedanken und Einbildungen und Ahnungen . Und wenn heute Herr v. Drillinger die Alte nur nicht so lang allein lassen wollte . Mit dem dummen Mädchen ist nichts zu reden ; was macht sich auch so eine Gans aus einer alten gebrechlichen Frau ! Jedoch Herr v. Drillinger - ei , der versteht das Plaudern , der ist nachsichtig und gütig und weiß , was einer alten Frau wohl thut . » Auch was einer Jungen wohl thut Brigitta ! « warf Max v. Drillinger unbedacht scherzend dazwischen und lachte und reichte der braven Wirtschafterin , die sich wieder sichtlich erholt hatte , noch ein Glas Bordeaux , schänkte sich auch eins ein und stieß mit ihr an : » Prosit , den Alten und den Jungen ! « » Ja , Sie haben gut lachen - ich weiß doch , was ich weiß . Stellen Sie sich nur nicht so leichtfertig ! « » Und was weißt Du denn , Brigitta ? « » Daß Ihnen nicht so wohl um ' s Herz ist , als Sie sich den Anschein geben . Sie haben zu lange mit den Weibern getändelt . Wie oft habe ich Sie gewarnt . Und es ist immer schlimmer geworden . Ihr Ruf hat darunter gelitten , man traut Ihnen alles zu . Ich weiß , daß man Ihnen vielfach Unrecht thut . Manche gute Gelegenheit , in ein braves , glückliches Verhältnis zu kommen , haben Sie mutwillig verscherzt . Wie sicher könnten Sie heute dastehen , wenn ... Doch , guter Gott , das ist ja alles vorbei ... Jetzt wird Ihnen der Entschluß so schwer , sich für eine zu entscheiden . « » Ich traue keiner . Und habe auch gar nicht nötig , einer zu trauen . Wozu ? « » Das ist ja das Unglück . Und doch müssen Sie heiraten . « » Muß ich ? Jede Ehe ist ein Verhängnis , ein Schicksal , besinne Dich ! Muß ich wirklich ? « » Ja , Sie müssen , « antwortete Brigitta bestimmt und mit merkwürdig fester Stimme , und ihre Augen leuchteten seltsam auf in jähem Glanz . » Ich habe es Ihrer seligen Frau Mutter in der letzten schweren Stunde versprechen müssen , daß ich ihren Lieblingssohn , auf den sie so große Stücke gehalten , nicht eher verlasse , als bis Sie an der Seite einer rechtschaffenen Frau Glück und Ruhe gefunden und einen Hausstand begründet . « » Ja , willst Du mich denn verlassen , Brigitta ? Du denkst doch nicht daran ? Ich bin Dir ja auch die große Abrechnung noch schuldig ! « » Gewiß denk ' ich daran . « » Geh ' , Du phantasierst ! Der Wein hat Dich in Fabulierlaune gebracht . « » Ich stehe auf dem Sprung , ich verlasse Sie . « Brigitta hatte bei diesen Worten die