fühlt und der sofort die Vorstellung weckt : hier ist es gut sein . Und diese Vorstellung täuscht auch nicht . Es ist hier in der Tat gut sein , appetitlich und unterhaltlich , letzteres besonders seit drei Tagen , wo sich , durch Eintreffen neuer Gäste , die Table d ' hôte belebt hat . Unter diesen Gästen ist ein alter Emeritus , mit dem ich mich gleich anfänglich anfreundete , seit Dienstag aber hat er vor einer neuen Bekanntschaft einigermaßen zurücktreten müssen : Oberst St. Arnaud und Frau . Er , trotzdem er a. D. ist ( nicht bloß zur Disposition ) , Gardeoffizier from top to toe , sie , trotz eines languissanten Zuges , oder vielleicht auch um desselben willen , eine Schönheit ersten Ranges . Wundervoll geschnittenes Profil , Gemmenkopf . Ihre Augen stehen scharf nach innen , wie wenn sie sich suchten und lieber sich selbst als die Außenwelt sähen - eine Besonderheit , die , von Splitterrichtern , sehr wahrscheinlich ihrer Schönheit zum Nachteil angerechnet und mit einem ziemlich prosaischen Namen bezeichnet werden wird . Es gibt ihr aber entschieden etwas Apartes , und wenn ihre Beauté wirklich Einbuße dadurch erfahren sollte , was ich nicht zugeben kann , so doch sicherlich nicht ihr Reiz . Sie verzieht mich ein wenig , und zwar in einer ganz eigentümlichen Weise , der ich Coquetterie nicht zuschreiben und auch nicht ganz absprechen kann . Ich stehe vor einem Rätsel , oder doch mindestens vor etwas Unbestimmtem und Unklarem , das ich aufgeklärt sehen möchte . Und dazu , meine liebe Clothilde , mußt Du mir behülflich sein . Du weißt ja den Genealogischen halb und die Rangliste ganz auswendig , hast das Offiziercorps Eurer berühmten Garnison eingetanzt und kennst die nachbarlichen Wahlstätter Kadettenlieutenants , die sich so ziemlich aus allen Provinzen rekrutieren . Du mußt also was erfahren können . Daß er mehrere Jahre lang ein Gardebataillon kommandierte , weiß ich ; er hat sich gestern abend , als ich von einem Konzert mit ihm heimkehrte , selbst darüber ausgesprochen . Warum aber nahm er den Abschied ? Warum zieht er sich augenscheinlich aus dem , was man Gesellschaft nennt , zurück ? Vor allem jedoch , wer ist Cécile ? Dies ist nämlich ihr Name . Woher stammt sie ? Brüssel , Aachen , Sacré coeur , so schoß es mir durch den Kopf , als ich sie zum ersten Male sah , aber dies alles war ein Irrtum . Ich finde , sie schlesiert ein wenig , und so wird es Dir , wenn ich darin recht habe , nur um so leichter sein , meine Neugier zu befriedigen . Meine Neugier ? Ich würde Dir von einem tieferen Interesse sprechen , wenn ich nicht fürchten müßte , diesen Ausdruck mißverstanden zu sehen . Sie hat offenbar viel erfahren , Leid und Freud , und ist nicht glücklich in ihrer Ehe , trotzdem sie dem Obersten , ihrem Gemahl , in einzelnen Momenten etwas wie Dank oder selbst wie Hingebung und Herzlichkeit zeigt . Aber es sind immer nur Momente , wo sie nach einem Halt sucht und diesen Halt in ihm zu finden glaubt . Also , wenn Du willst , eine Neigung mehr aus Schutzbedürfnis als aus Liebe . Mitunter auch aus bloßer Caprice . Ja , sie hat Capricen , was an einer schönen Frau nicht sonderlich überraschen darf , aber was durchaus frappieren muß , ist das naive Minimalmaß ihrer Bildung . Sie spricht gut französisch ( recht gut ) und versteht ein weniges von Musik , im übrigen fehlt ihr nicht bloß alles Positive , sondern auch jener Esprit , der adorierten Frauen fast immer zu Gebote steht . Wir waren gestern in Quedlinburg und kamen unter anderm an dem Klopstock-Hause vorüber . Ich sprach von dem Dichter und konnte deutlich wahrnehmen , daß sie den Namen desselben zum ersten Male hörte . Was nicht in französischen Romanen und italienischen Opern vorkommt , das weiß sie nicht . Ob sie Zeitungen liest , ist mir fraglich . Und so gibt sie sich Blößen über Blößen . Aber sie besitzt dafür ein andres , was all diese Mängel wieder aufwiegt : eine vornehme Haltung und ein feines Gefühl , will sagen ein Herz . Denn ein feines Gefühl läßt sich sowenig lernen wie ein echtes . Man hat es oder hat es nicht . Dazu gesellt sich jener freiere Blick oder doch mindestens jenes unbefangene , allem Schwerfälligen abgewandte Wesen , das allen Personen eigen ist , die jahrelang in der Obersphäre der Gesellschaft gelebt und sich einfach dadurch jenes je ne sais quoi erworben haben , das sie Gebildeteren und selbst Klügeren überlegen macht . Sie weiß , daß sie nichts weiß , und behandelt dies Manko mit einer entwaffnenden Offenheit . Trotz einer hautainen Miene , die sie , wenn sie will , sehr wohl aufzusetzen versteht , ist sie bescheiden bis zur Demut . Daß sie nervenkrank ist , ist augenscheinlich , aber der Oberst ( vielleicht , weil es ihm paßt ) macht unter Umständen mehr davon als nötig . Er mag übrigens , was diesen Punkt angeht , in einer ziemlich heiklen Lage sein , denn nimmt er ' s leicht , wo sie ' s vorzieht , krank zu sein , so verdrießt es sie , und nimmt er ' s schwer , wo sie ' s vorzieht , gesund zu sein , so verdrießt es sie kaum minder . Ich war auf der Roßtrappe Zeuge solcher Szene . Mir persönlich will es scheinen , daß sie , nach Art aller Nervenkranken , im höchsten Grade von zufälligen Eindrücken abhängig ist , die sie , je nachdem sie sind , entweder matt und hinfällig oder aber umgekehrt zu jeder Anstrengung fähig machen . Überhaupt voller Gegensätze : Dame von Welt und dann wieder voll Kindersinn . Sie lacht wenig , aber wenn sie lacht , ist es entzückend , weil man herausfühlt ,