vorspiegelte ; aber ich war doch sehr erschrocken , regte mich nicht mehr , als wenn ich von Stein gewesen wäre , und verwünschte mein albernes Herz , das zu pochen anfing - laut , bildete ich mir ein , so laut , daß man es hören konnte ... Der Kranke lächelte , seine Lippen bewegten sich und flüsterten Worte der Liebe und Zärtlichkeit . Er sank auf das Kissen zurück , die Wange an meine Handfläche geschmiegt , schloß die Augen und schlief ein . Noch einige rasche Atemzüge , dann hob und senkte sich seine Brust gleichmäßig , und er lag in süßem , erquickendem Schlaf . Ich aber stand da und hatte nicht den Mut , meine Hand zurückzuziehen . Ein Wunsch nur beseelte mich und stieg als inbrünstiges Gebet zum Himmel . Herrgott , laß ihn nicht erwachen ! laß ihn jetzt nicht erwachen , barmherziger Gott , sonst muß ich sterben vor Scham ... Meine Knie wankten , ich war erschöpft und mußte mich endlich , um nicht umzusinken , auf den Rand des Bettes setzen und dachte immer nur an das eine : Laß ihn nicht erwachen ! Damals lernte ich eine von jenen Stunden kennen , in denen jede Sekunde zur Ewigkeit wird . Das sind die Stunden , die uns alt machen ; die Leute , die solche nicht erlebt haben , bleiben jung bis zum Tode . Endlich gelang mir doch , was ich wohl hundertmal vergeblich versucht hatte : meine Hand zu befreien , ohne den Grafen zu wecken . Wie erlöst atmete ich auf , trat ans Fenster , und da fuhr auch schon der Wagen , der den Doktor brachte , in den Hof . Ich lief dem sehnlich Erwarteten entgegen , erzählte ihm in kurzen Worten , was sich ereignet hatte , und begab mich auf mein Zimmer , als ich den Arzt bei dem Kranken wußte . Die Spöttereien , mit denen Francine mich im Laufe des Tages neckte , ließen mich gleichgültig . Ich war von Natur aus gegen dergleichen kleinliches Zeug gefeit , besonders war ich es jedoch in jenen Augenblicken . Mir war ein heißes Gebet erfüllt worden , und nachmittags kam der Doktor zu uns und sagte : Der Arm ist eingerichtet , und Ihnen verdankt es der Graf , daß es ohne übermäßigen Schmerz geschehen konnte . 7 Der Graf erholte sich nicht ganz so rasch , als der Arzt erwartet hatte . Erst nach drei Wochen erschien er wieder bei Tisch , einen Verband um die Stirn , den Arm , der an zwei Stellen gebrochen war , in der Schiene . Seine Unbehilflichkeit machte ihn ärgerlich , und die Ruhe , die ihm seiner Kopfwunde wegen vorgeschrieben war , verursachte ihm Langeweile . Bis zur Speisestunde hielt er es in seinen Zimmern aus , nach dem Essen blieb er nun im Salon , auch nach beendeter Spielpartie mit Anka , und wir erlaubten uns , das Kind eine Stunde länger als sonst aufbleiben zu lassen , ohne daß dieser Frevel an der unverbrüchlichen Tagesordnung von ihm gerügt worden wäre . Erzähle mir etwas , sagte er eines Abends zu der Kleinen , und sie erwiderte , zu erzählen wisse sie nichts , aber vorlesen wolle sie ihm . Er staunte , er wollte es nicht glauben , daß sie schon lesen könne - sie ging damals ins achte Jahr - , und als sie begann , geriet er in stilles Entzücken ; aus seinen tiefliegenden Augen brachen Blitze der Bewunderung , während sie auf dem klugen und kalten Gesicht des lesenden Kindes ruhten . Das war für den Grafen ! Jetzt etwas für mich ! rief der Doktor , als Anka mit ihrem Märchen zu Ende gekommen . Er trug einige Bücher herbei , unter denen die Herren - ziemlich aufs Geratewohl - den Cid von Herder wählten . Der Zögling wurde schlafen geschickt , und die Erzieherin begann vorzulesen . Ein dankbares Publikum wie früher war der Graf jetzt nicht , aber er hörte mir doch zu , und von nun an verstanden die Leseabende sich von selbst , Anka las regelmäßig eine halbe Stunde , ich regelmäßig eine ganze Stunde , und die Befriedigung hatte ich , meinen guten Grafen nach einem Weilchen mannhaft mit dem ersten Gähnen kämpfen zu sehen . Seine Züge nahmen einen friedlichen , etwas müden Ausdruck an , und wenn ich beim Glockenschlag der zehnten Stunde das Buch schloß , dankte er mir , versicherte , es sei sehr interessant gewesen , und wünschte mir gute Nacht . Und ich hatte sie , denn um mich und in mir herrschte Ruhe . Einmal , nachdem Anka uns verlassen hatte , brach der Graf in Lobpreisungen seiner Tochter aus . Er fand , daß sie erstaunliche Fortschritte im Lernen gemacht hätte , ihr Verstand entwickle sich von Tag zu Tag mehr , das Herz sei von jeher vortrefflich gewesen . Sie ist ein gutes , liebevolles Kind , schloß er mit einer Innigkeit in seinem Tone , einer beglückenden Überzeugung , die mir weh taten . Ich schwieg , der Doktor warf mir einen vielsagenden Blick zu . Die Worte des Grafen waren Wasser auf seine Mühle , sie bestätigten eine Behauptung , die er gern wiederholte : Eltern haben nie ein richtiges Urteil über ihre Kinder . Er hätte seinen Satz gewiß aufgestellt und dem Grafen ins Gesicht verteidigt , wenn ihm in diesem Augenblick überhaupt an etwas anderm gelegen gewesen wäre als an der Fortsetzung unsrer Lektüre . Er brannte zu heiß darauf , zu erfahren , ob der Cid , matt von Jahren , matt von Kriegen , im Kampf mit Bucar erlegen und ob das gute Pferd Babieka wirklich ohne den Helden vom Schlachtfeld zurückgekehrt war , um nicht alles zu vermeiden , was die Befriedigung seiner Neugier hätte verzögern können . So begnügte er sich damit , ausweichend zu sagen : Gut ? gut ? alle Kinder sind