sie sich auch diesen seltsamen Wandertrieb erklären . Eine quälende Angst erfüllte ihr Herz ; nicht dazu hatte sie das fremde Kind mit so unsäglicher Mühe aufgezogen , daß es , kaum flügge geworden , sie allein lasse und fortziehe ins fremde Elend hinein ! Und dann - was hatte sie der sterbenden Mutter gelobt ? ! » Seid ruhig , Miriam , und sagt es auch Eurem armen Mann , wenn Ihr ihn drüben wiederseht : aus Eurem Sender wird kein Schnorrer , solang die Rosel die Augen offen hat . So wahr mir Gott barmherzig sein möge in meiner letzten Stunde - ich will ihn davor hüten ! « Die Miriam hatte ihr nur noch mit einem Blick danken können , aber der sprach : » Ich glaube dir - du bist auch die Frau , die ihren Schwur halten kann ! « Und sie hatte ja auch dem Knaben aus dem doppelten Grund , ihn an sich zu fesseln und ihn vor jedem Gedanken an jenes unselige Leben zu bewahren , seine Herkunft so ängstlich verschwiegen , hatte es durchgesetzt , daß der Rabbi es jedem eingeschärft : » Der Sender ist der Rosel Sohn - wer es ihm anders sagt , begeht eine Sünde ! « Und nun ? ! Aber neben dem Schmerz bäumte sich auch ein wilder Groll in ihr auf . Sie zürnte dem Knaben für das , was wahrlich nicht seine Schuld war : sein Blut und seine Erziehung . Denn wie sehr die Freiheit , die sie ihm in ihrer Zärtlichkeit gegönnt hatte , den angeborenen Trieb habe mehren müssen , sah sie nicht ein ; sie hatte nur die Empfindung , daß er diese Zärtlichkeit mißbraucht habe . Frau Rosel verbrachte eine schlaflose Nacht . Am nächsten Morgen raffte sie die Habseligkeiten des Knaben zusammen und ging mit ihm ins Städtchen . Sie wolle ihren Sohn in ein » Cheder « tun , erklärte sie , und wünsche , daß man ihr einen recht strengen » Rebbe « bezeichne . Auch diesmal war der Beisatz fast überflüssig , denn der Leiter eines » Cheders « ist niemals sanft , wenigstens nicht im polodischen Ghetto . Wenn ein » Knaben-Bocher « sich zum » Rebbe « aufschwingt , zum Besitzer einer eigenen Lehrstube , in welcher er zwanzig , dreißig und mehr Kinder gleichzeitig unterrichtet , so wird er auch innerlich ein anderer Mensch oder kehrt sein Inneres ungescheut hervor , da er ja nun keine ängstlichen Rücksichten mehr zu nehmen braucht . Gewöhnlich wird aus dem sanftesten » Bocher « der grausamste » Rebbe « , der nun auch unerbittlich alle jene Hiebe austeilt , welche er durch manches Jahr seinen Herren Zöglingen nur in der Phantasie widmen durfte . Auch sitzen ja da meist die Kinder ärmerer Leute , welche kaum ein Lehrgeld von zwei Kreuzern täglich bezahlen . So ist der » Rebbe « vor Beschwerden ziemlich sicher ; ein armer Mann ist froh , wenn er sein Kind in der Schule weiß , und übrigens bewahrt ja sein eigenes Hinterteil lebhafte Erinnerungen aus der Jugendzeit - warum sollte es die junge Generation besser haben ? ! Totgeschlagen ist im » Cheder « noch niemand worden , trösten sich die Leute , und das mag wahr sein , sofern man einen schlichten , klaren , durch den Galgen zu bestrafenden Mord meint . Aber langsam ist da sicherlich manches junge Leben erdrosselt worden : durch die abscheulichen Mißhandlungen roher Fanatiker . Es ist sicherlich ein schöner und kluger Grundzug des jüdischen Volkstums , das Lernen zur religiösen Pflicht , die Gelehrsamkeit zum Verdienst vor Gott , den Adel der Gelehrsamkeit zum einzigen im Judentum gültigen Adel zu machen , und es wäre nur wünschenswert , daß die altgläubige Judenschaft dies auch von anderem Wissen gelten ließe , nicht bloß vom Hebräisch-Lesen und dem Pentateuch , dem Talmud und der Kaballa . Aber dieser schöne und kluge Grundzug hat zur abscheulichen Einrichtung der » Cheder « ( zu deutsch » Stuben « ) geführt , einem Schandfleck des orthodoxen Judentums , an welchem die Edlen und Einsichtigen dieses Glaubens eifrig aber vergebens herumscheuern . Denn sie bringen den Schandfleck trotz aller Mühe nicht weg , vielleicht , weil ihnen nur das Öl vernünftiger Überredung zu Gebote steht und nicht das zuweilen sehr heilsame Vitriol der Gewalt . So wuchern diese Marterhöhlen für Körper und Geist noch immer fort ... Auch in Barnow gab und gibt es deren viele , und das Weib aus dem Mauthause hatte stattliche Auswahl . Sie entschied sich für die Anstalt des Reb Elias Wohlgeruch , weil man ihr sagte , daß dieser Mann es verstehe , auch den wildesten Trotz zu brechen . Elias Wohlgeruch hauste in einem der schmutzigsten , dumpfigsten Gäßchen von Barnow . Weder das Haus , noch der Mann machten dem Familiennamen große Ehre . Modrig und baufällig war die Spelunke , die wackeligen Mauern halb in die Erde gesunken , und das Innere bestand aus einem einzigen leidlich großen , wüsten und feuchten Raum , der alles in einem war : Küche , Empfangszimmer und Schlafsaal der Familie , Lehrsaal der Anstalt und Studierzimmer des Hausherrn . Da hockten in einem Knäuel an die vierzig Kinder , die größeren auf Schemeln , die kleineren auf dem nackten , schlüpfrigen Lehmboden , unter ihnen Reb Elias . Was sie trieben , hörte man durch das ganze Gäßchen : ein eintöniges Summen und Surren , in welches sich zuweilen ein durchdringendes Jammergeheul mischte . Gerade als die Frau mit dem Knaben vor dem Häuschen hielt , ging drinnen eine solche Exekution vor sich . Frau Rosel erbleichte , faßte die Hand des Kindes fester und zauderte einen Augenblick . Dann schüttelte sie finster den Kopf und trat über die Schwelle . Freilich wich sie im selben Augenblicke unwillkürlich zurück ; sie war draußen in ihrem reinlichen Feldhäuschen solcher Düfte nicht gewohnt , wie sie diesen düsteren Raum erfüllten . Denn zu