» erbärmlichen Wicht « . Und Bernhard hatte erwidert : » Führen Sie keine solchen Stichelreden , Sie haben kein Savoirvivre . « Worauf Mansuet rief : » Das ist mir tuttegal ! Wenn ich auch nicht sage , was Sie sind , deswegen bleiben Sie ' s doch . « Der Streit würde sicherlich zu Tätlichkeiten geführt haben , wenn der gräfliche Kammerdiener , der demselben beiwohnte , den Jäger nicht fortgezogen und gesagt hätte : » Laß ihn , was kümmerst du dich um den alten Krakeeler ! « Früher als gewöhnlich wurde heut zur Ruhe gegangen . Jeder der Hausbewohner schien Eile zu haben , sich in seine Stube zurückzuziehen . Frau Nannette schritt in der ihren auf und nieder , seltsame Gedanken und Hoffnungen bewegten sie . Sie war kurzsichtig , ihr Ehrgeiz zu wenig hochfliegend gewesen . Sie hatte in dem Leutnant von Fehse nur einen bildenden Umgang gesehen , nur einen Reformator für Regulas vom Dialekt etwas angehauchte Aussprache . Und nun zeigte sich , daß er sie hätte befreien , erlösen können von dem ewig störenden Einfluß der Stieftochter ; er hätte , geschickt unterstützt , diese vielleicht sogar dahin bringen können , sich mit ihm zu verbinden , auch gegen den Willen ihres Vaters . Ein unversöhnlicher Zwiespalt wäre daraus entstanden . Heißenstein hätte sich losgesagt von der verlorenen Tochter , und in alle Rechte , die Rosa einbüßte , würde Regula getreten sein . Frau Nannetten schwindelte , als alle diese Gedanken in ihr aufstiegen . So nahe war , so erreichbar die Erfüllung ihrer kühnsten , verwegensten Wünsche gewesen , und sie hatte nichts davon geahnt . Eine kostbare , einzige , nie wiederkehrende Gelegenheit war versäumt , ihrer Tochter die alleinige Herrschaft über das Haus und all seine reichen Güter für die Zukunft zu sichern . Aufgeregt wie nie in ihrem Leben , bestieg sie ihr Lager und löschte das Licht . Aber an Schlaf war nicht zu denken . Sie lag sinnend und grübelnd , und ihre Pulse hämmerten fieberhaft . Im Kamin heulte der Sturm , und draußen umraste er das Haus ; warf Sand an die Scheiben , daß sie klirrten , prallte an das Tor , daß es dröhnte ; riß Ziegel vom Dach und schleuderte sie mit Gepolter auf die Straße . Frau Nannette hüllte sich in ihre Decke und flüsterte mechanisch ihr Abendgebet . Wie ist ihr ? Wird ihre spröde Phantasie beweglich und gaukelt ihr die Verwirklichung ihrer Träume vor ? ... Narrt sie die Einbildung , oder hört sie wirklich das Haustor knarren in seinen verrosteten Angeln ? - Es ist geöffnet worden , mühsam , langsam - und alsbald schlägt der Sturm es wieder zu , und schwer fällt es ins Schloß . Nannette erhebt sich und eilt ans Fenster . Die Nacht ist dunkel , von keinem Stern erhellt . Die vier Öllampen , welche die Beleuchtung des Platzes zu besorgen haben , verbreiten ein gar spärliches Licht . Sie lauscht , sie späht in die Nacht hinaus , sie wünscht sich die Augen einer Eule , um die Finsternis durchdringen zu können . Jetzt , jetzt sieht sie in die Lichtscheibe , die eine der Lampen auf den Boden wirft , eine Gestalt treten - eine Gestalt im weißen Reitermantel - sie scheint eine zweite zu stützen , zu leiten ... Einen Augenblick sind die beiden klar und deutlich sichtbar , dann verschwinden sie im Dunkel . Nannette hat sie erkannt ... Und ihr Gewissen ruft ihr zu : Verhindere Unheil - rette das Haus vor Schmach . Auf ! auf ! den Mann geweckt - ein Wort , ein Ruf von ihm führt das verirrte Kind zurück . Noch ist es Zeit - tu deine Pflicht ! Was Pflicht ! ... Ihrer Tochter die Wege bereiten , das ist ihre Pflicht ! ... Minuten vergehen , schwerwiegende Minuten . Das Schicksal gönnt ihr noch eine Frist , um ihre Kraft zusammenzuraffen zu einer guten Tat . Sie läßt sie ungenützt vergehen . Ein leichter Wagen fliegt über das Pflaster , Funken sprühen auf unter den Hufen der Rosse . - In den Lüften aber wird es still - still ringsumher - nichts laut als nur der Schall , den jenes Gefährte weckt und sein jagendes Gespann . Von Fieberfrost geschüttelt , horcht Nannette . Sie möchte den Sturm beschwören , daß er das Gerassel der Räder übertöne , das den Vater wecken , ihre Hoffnungen noch jetzt vernichten kann ... Grundlose Sorge ! Der Sturm hat nur neuen Atem geschöpft ; er erhebt sich stärker als zuvor und verschlingt in seinem Toben das ohnmächtige Geräusch , das die Erde ihm zusendet in sein luftiges Reich . Am nächsten Morgen , als Bozena ihm das Frühstück auf sein Zimmer brachte , war Heißensteins erste Frage : » Wie geht es Rosa ? « » Alles still bei ihr , sie schläft wohl noch « , antwortete die Magd . Er zürnte : » Schläft - um acht Uhr ? Was für Gewohnheiten ! ... Hat die Prinzessin soviel Zeit übrig ? Wecke sie . Schicke sie hierher . « Eine Viertelstunde verging . Rosa kam nicht , Bozena brachte keinen Bescheid . Ist das Kind krank ? - Unsinn ! Man wird nicht krank wegen einer bekämpften Laune . Das kommt in Romanen vor , nicht im Leben . Oder stellt sie sich vielleicht krank ? Das wäre sehenswert ! Mit raschen Schritten geht er über den Gang , kleine Treppen auf und ab . Der Weg von seinem Zimmer zu dem der Tochter scheint ihm endlos . - Ein rechtes Winkelwerk , denkt er , dieses Haus . Er würde den alten Kasten umgebaut haben , wenn ihm der Himmel einen Sohn gelassen hätte . Aber so ! - Für einen Schwiegersohn unternimmt er dergleichen nicht . An die Stelle eines Kindes wird der niemals treten , wenn er auch noch so ehrenvoll den Namen der allgeschätzten