in seiner Leblosigkeit jedenfalls furchtbar schwer war . » Sei still ! « gebot Ilse mit erstickter Stimme . » Auf , brauche deine Kräfte - vorwärts ! « Und sie faßte meine Großmutter unter den Armen und nahm sie mit übermenschlicher Kraft vom Boden auf , während Heinz die Füße hob . Nie werde ich den erschütternden Anblick vergessen , als sie keuchend über den Fleet schritten , und die grauen Haarsträhnen der Leblosen über die Steinfliesen hinschleiften , auf denen vor kaum einer Stunde noch die Geldstücke unter kräftigen Fußstößen umhergeflogen waren . Ich lief voraus und öffnete die Thür im Zimmer meiner Großmutter ; aber ich mußte erst noch eine hohe spanische Wand , die im Halbkreis den Eingang umstellte , zurückschieben , ehe ich in das Zimmer selbst eintreten konnte ; der Einblick war den profanen Augen Vorübergehender somit vollkommen verwehrt . Ich hatte diesen Raum nie betreten dürfen , selbst als kleines Kind nicht . Bei aller Seelenangst und Gemütserschütterung war mir doch in diesem Augenblicke zu Mute , als sähe ich mit zurückschreckenden Augen in eine neue Welt , aber in eine unsäglich düstere . Ich habe denselben Eindruck nur einmal noch empfangen , als ich eintrat in eine uralte dämmerdunkle Kirche voll halberblindeter Pracht , voller Marterbilder und erfüllt mit jenem unbeschreiblichen Gemisch von kalter eingeschlossener Kirchenluft und erstickenden Weihrauchdüften . Meine Großmutter wurde auf ein Bett niedergelassen , das in der einen Ecke stand ; es hatte Vorhänge , altmodische , steifseidene grüne Vorhänge , in die feine Goldblümchen eingewirkt waren . Wie das knisterte und rieselte , als sie zurückgeschlagen wurden , und wie schreckenerregend das bläuliche Gesicht mit den geschlossenen Augen unter dem harten dunklen Grün hervorsah ! Heinz hatte sich geirrt , meine Großmutter war nicht tot . Schweratmend lag sie da ; sie rührte kein Glied , aber als Ilse in so weichflehenden Tönen , wie ich sie nie von ihr gehört , ihren Namen nannte , da öffnete sie für einen Moment die Lider und sah sie verständnisvoll an . Ilse schob ihr Kissen und Polster unter den Rücken und gab ihr eine sitzende Stellung im Bett ; das that ihr sichtlich gut , das leise unheimliche Geräusch , das ihre Atemzüge begleitete , minderte sich . Währenddem hatte Heinz bereits den Dierkhof verlassen , um einen Arzt zu holen . Er mußte in das nächste Dorf laufen und von da nach dem eine Stunde Wegs entfernten größeren Orte einen Wagen schicken , der den Doktor nach dem Dierkhof brachte ; so konnten drei bis vier Stunden vergehen , ehe ärztlicher Beistand kam . Mein Versuch , Ilse behilflich zu sein , wurde zurückgewiesen . Sie schob schweigend , mit einem besorglichen Blick auf die Kranke , meine Hände weg , gestattete mir aber , dazubleiben . Ich kauerte mich , halbverdeckt durch den Vorhang , zu Füßen des Bettes auf eine kleine gepolsterte Bank nieder und sah beklommen in das fremdartige Zimmer hinein . Es war das größte im Hause und von einer saalartigen Weite ; vielleicht hatte meine Großmutter eine Wand durchschlagen lassen , um den befremdend großen Raum zu gewinnen . An den Wänden hingen mit eingewobenen Gestalten bedeckte wollene Tapeten . Mein Blick kehrte immer wieder zurück auf einen lebensgroßen Kinderkörper mit einem schönen Gesicht voll Trauer und sanftmütiger Duldung - es war der junge , auf einen Holzstoß festgebundene Isaak . Die Tapeten waren uralt und von den Motten zerfressen , so daß der nervigen Gestalt Abrahams ein Auge und die hochgehobene , opferbereite Hand fehlten ... Wie eine Versammlung mürrisch schweigender Greise , in steifer Ordnung , reihten sich Stühle mit himmelhohen Lehnen und großblumigen , samtenen Polsterbezügen an den Wänden hin . Ich habe erst späterhin diese aus den kostbarsten Hölzern geschnitzten , schwarzbraunen Säulenlehnen zu würdigen gelernt ; bei ihrem ersten Erblicken jedoch stierten mich die aus Band- und Laubgewinden hervorlauschenden Tierköpfe und fabelhaften Gebilde , die auch an all den umherstehenden Spinden und Schreinen wiederkehrten , dräuend und sinnverwirrend an . Die dunklen Farben und die tiefen Ecken allüberall sogen das Licht der zwei Lampen , die hell auf den Tischen brannten , gierig ein . Dunkel war der Teppich , auf dem meine Füße ruhten und der sich über den ganzen Boden hinbreitete , und fast schwarz der erdrückend niedrige Holzplafond . Nur das nackte Fleisch der Tapetenbilder , im Laufe der Zeit bis ins Leichenhafte erblichen , leuchtete da und dort wie ein aufgesetzter Lichtpunkt und ein einziger heller Gegenstand von mildem Glanze schwebte wie die versöhnende weiße Taube in das Düster herein - es war ein vielarmiger , mit weißen Wachskerzen besteckter Silberleuchter , der am Deckenbalken hing . Es schien im Verlauf der bangen Stunde , die ich bereits am Bette verharrte , besser mit der Kranken zu werden . Sie sah sich mit weitoffenen Augen um , trank etwas frisches Wasser , und plötzlich kehrte ihr auch die Sprache zurück . » Was ist mit mir ? « fragte sie langsam in gebrochenen , total veränderten Tönen . Ilse bog sich , ohne zu antworten , über sie - ich glaube , der Jammer nahm ihr die Stimme - und strich ihr lind und liebkosend die Haare aus der Stirne . » Meine alte Ilse ! « murmelte sie . Sie machte eine Anstrengung , sich zu erheben , es ging nicht - mit einem sonderbar starren , forschenden Blick streiften ihre Augen langsam an dem linken Arm nieder . » Tot ! « seufzte sie und ließ den Kopf in das Kissen zurücksinken . Der Ausruf flößte mir kaltes Entsetzen ein . Ich machte eine unwillkürliche Bewegung , das Polsterbänkchen rückte weiter und die Vorhänge rauschten . » Wer ist noch im Zimmer ? « fragte meine Großmutter aufhorchend . » Das Kind , gnädige Frau - Leonore , « antwortete Ilse zögernd . » Dem Wilibald sein Kind - ja wohl , ich kenne es - es springt mit den kleinen