, hätte trüben dürfen . Sie gab durch dasselbe zu , daß August Müllers Erinnerungen richtig waren , aber den Schluß , den eine begehrliche Natur daraus gezogen hatte , er konnte , nein , er mußte ein irriger sein . Fräulein Hardine hatte niemals für eine Samariterin gelten wollen , und wir wissen es schon , sie galt auch nicht dafür . Aber wäre es selber für Fräulein Hardine etwas Unnatürliches gewesen , eine hilflose Waise in einer öffentlichen Anstalt zu versorgen und zu überwachen ? Oder wäre , selber für Fräulein Hardine , eine mitleidige , vielleicht vorwurfsvolle Erschütterung so schwer zu begreifen , wenn ein Schützling aus der Jugendzeit ihr im Alter plötzlich als eine untergegangene Kreatur gegenübertritt ? Sie brauchte nur einen Namen zu nennen , nur die Herkunft des Waisenknaben zu erklären , und der Sturm im Wasserglase legte sich . Aber Fräulein Hardine nannte diesen Namen , gab diese Erklärung nicht . Die guten Freunde schmachteten nach dem Labsal eines Wortes - aus reinster Sorge für Ruf und Ruhe der edlen Dame , wie sich wiederum von selbst versteht - , und sie gewährte dieses Labsal nicht . Fürwahr , Fräulein Hardine war keine mitleidige Natur , nicht einmal gegen sich selbst . Weder jetzt noch später hat sie der verhängnisvollen Begegnung am Königsfeste gegen irgendeinen Menschen erwähnt . Nach vielen Jahren jedoch und für einen bestimmten Zweck , richtiger , für eine bestimmte Person , hat sie ihren Lebenslauf niedergeschrieben und darin ihr » Geheimnis « , wie sie es selbst genannt , enthüllt . Sie hat es sichtlich mit Lust und Liebe , sogar in heiterer Anordnung getan , und möchten wir uns nicht irren , wenn wir bei Veröffentlichung dieser Bekenntnisse auf den Anteil auch eines weiteren Kreises als den ihrer einstigen Lebensgenossen zu rechnen wagen . Denn ist es auch ein etwas altväterisches Charakter-und Sittenbild , das wir vor dem Leser entrollen , aus seinen Zügen spricht eine Wahrheit , die keiner Zeit und Mode unterworfen ist . Ja , Gottes Wege sind wunderbar , auch die zu den Herzen der Menschen ! Mein Geheimnis Erstes Kapitel Die Rose und ihr Blatt Die Reichtümer der Reckenburg lagen meiner Wiege so fern wie die Goldminen von Peru , und die letzten der » weißen « freiherrlichen Linie waren nicht die begehrlichen Abenteurer , die um schnöden Mammons willen sich in das Bereich der » schwarzen « Häuptlingin ihres Stammes gewagt haben würden . Sie hatten seit Generationen eine Zuflucht gefunden , welche die adelige Armut ehrenvoll deckte , und sich unter der Fahne wohl und zufrieden gefühlt . - Keiner jedoch wohler und zufriedener als der Allerletzte in ihrer Reihe , der schon als Leutnant ein Bäschen gefreit hatte , auch von den » Weißen « , arm und ahnenrein wie er selbst . Eberhard und Adelheid von Reckenburg waren geschwisterlich nebeneinander aufgewachsen , und ich zweifle , daß in irgendeinem Stadium ihrer Bekanntschaft das große Wort Liebe zwischen ihnen gewechselt worden sei . Große Worte sowenig wie kleine Zärtlichkeiten waren Reckenburgscher Habitus ; aus welcher Bemerkung indessen keineswegs gefolgert werden soll , daß die Leute nicht tief im Herzensgrunde einander angehangen hätten . Ich wüßte im Gegenteil mir kaum einen glücklicheren Ehebund vorzustellen als den , in welchem Eberhard und Adelheid sich länger als dreißig Jahre in einmütigem Pulsschlag ergänzten und trugen . Er : groß , rot , robust ; wie er sich selber nannte : » ein Ursachse « , den ein neckischer Kobold unter die leichte Reiterei gewürfelt hatte . Sie : klein , fein , blaß und behende . Er : gutmütig , sorglos , gelassen , bereit , die Dinge , sobald sie ihm zu ernsthast wurden , mit einem Scherzwort abzufertigen . Sie : bedachtsam , klug , praktisch und darum , zu allseitiger Befriedigung , der Souffleur und heimliche Maschinist der häuslichen Bühne . Beide : Ehren-und Edelleute vom Scheitel zur Zeh . Daß Heldin und Schreiberin dieser Geschichte , das einzige Kind des glücklichen Paares , körperlich nach der Struktur des Vaters , geistig mehr nach der Mutter geschlagen ist , wird aus ihrem Lebensbaue zu ersehen sein . Ich erhielt den Namen Eberhardine , wie einst der Vater schon den seinigen erhalten hatte , zu Ehren des gräflichen Familienoberhauptes . Beide Generationen per procura und ohne daß Verleiher und Empfänger sich jemals mit Augen gesehen hätten . Da der hohen Patin hinwiederum aber ihr Name durch die kurfürstliche Eberhardine eingebunden worden war , durch jene Hohenzollerin , welche ihrem starken August und der polnischen Königskrone zum Trotz ihre Tugend und protestantische Treue zu behaupten wußte , so bin ich der unmaßgeblichen Meinung , daß eine Ader dieser ausländischen Zähigkeit , per procura des Taufregisters , sich auf die sächsische Patenfolge in weiblicher Linie vererbt haben mag . Das königlich-kurfürstliche Namenserbe hingegen wurde für einen Leutnantshaushalt zu großartig befunden . Der Papa strich die » ungeschlachte Bestie « am Anfang , und auch die Tochter hat sich , ex officio , späterhin gern mit der Hardine begnügt , wenngleich sie der Sanktion des Kalenders entbehrte . Das junge Ehepaar hatte seinen Haushalt gegründet - notabene : in der Teuerungsnot der siebenziger Jahre - mit einer Monatsgage von zwölf Talern und einem Lehnstamm ungefähr des nämlichen Betrages . So weit jedoch meine eigenen Erinnerungen reichen , führte der Vater die Schwadron , ein Posten , der für manchen seinesgleichen die Revenuen eines Rittergutes abwarf und von just nicht Ehrsüchtigen den Majorsepauletten vorgezogen ward . Da der Rittmeister von Reckenburg aber ein Mann war , der nicht mit Zopfbändern zu knausern verstand und jeden Hufbeschlag für eine Gewissenssache hielt , so hütete sich seine » Hausehre « , das wirtschaftliche Budget nach Maßstab der Charge zu erhöhen . Bei aller Verwaltungsweisheit brachte sie sich indessen wenig auf einen grünen Zweig , wenn schon ein ruinierendes Zelt- und Wandervogelleben das des Soldaten in jenen kurfürstlichen Zeiten nicht genannt werden kann . Der Vater stand während