den Schulbänkchen , ich hab ' genau aufgepaßt ... Und wie siehst du denn aus ? ... Nein , Mama , sieh dir nur einmal dies Kleid an ! « Mit diesen Worten zog er die widerstrebende Kleine an die Thür . » Komm herein , Kind ! « gebot Johannes , der mitten im Zimmer stand und den Brief seines Vaters noch in der Hand hielt . Felicitas trat zögernd über die Schwelle . Sie sah einen Moment an der hohen , schmalen Gestalt empor , die vor ihr stand . Da lag kein Stäubchen auf dem ausgesucht feinen , schwarzen Anzuge ; das Weißzeug leuchtete in blendender Frische ; nicht ein Härchen auf der Stirn krümmte sich gegen die Hand , die unablässig , fast ängstlich darüber hinstrich - da war alles peinlich geordnet und sauber . Er blickte mit einer Art von Abscheu auf den Kleidersaum des Kindes . » Wo hast du dir das geholt ? « fragte er und zeigte nach der Stelle , die seinen Blick auf sich zog . Die Kleine sah scheu hinab - das sah freilich schlimm aus . Gras und Wege draußen waren noch taunaß gewesen ; sie hatte beim Niederwerfen am Grabe nicht daran gedacht , daß solche auffallende Spuren an dem schwarzen Kleide zurückbleiben könnten ... Sie stand schweigend mit gesenkten Augen da . » Nun , keine Antwort ? ... Du siehst aus wie das böse Gewissen selbst - du warst nicht in der Kirche , wie ? « » Nein , « sagte die Kleine aufrichtig . » Und wo warst du ? « Sie schwieg . Sie hätte sich lieber totschlagen lassen , ehe der Muttername vor diesen Ohren über ihre Lippen gekommen wäre . » Ich will dir ' s sagen , Johannes , « entgegnete Nathanael an ihrer Stelle ; » sie war draußen in unserem Garten und hat Obst genascht - so macht sie ' s immer . « Felicitas warf ihm einen funkelnden Blick zu , aber sie öffnete die Lippen nicht . » Antworte , « gebot Johannes , » hat Nathanael recht ? « » Nein ; er hat gelogen , wie er immer lügt ! « entgegnete das Kind fest . Johannes streckte in diesem Augenblicke ruhig den Arm aus , um Nathanael zurückzuhalten , der wütend auf seine Anklägerin losstürzen wollte . » Rühr sie nicht an , Nathanael ! « gebot auch Frau Hellwig dem Knaben . Sie hatte bis dahin schweigend im Lehnstuhle des Onkels am Fenster gesessen . Jetzt erhob sie sich - hu , was warf die große Frau für einen düstern Schatten in das Zimmer ! » Du wirst mir glauben , Johannes , « wendete sie sich an ihren Sohn , » wenn ich dir versichere , daß Nathanael niemals die Unwahrheit sagt . Er ist fromm und lebt in der Furcht des Herrn , wie selten ein Kind - ich habe ihn behütet und geleitet , das wird dir genügen ... Es hat noch gefehlt , daß sich dies erbärmliche Geschöpf zwischen die Geschwister stellt , wie es bereits zwischen den Eltern der Fall gewesen ist ... Ist es nicht an sich unverzeihlich , daß sie , statt in die Kirche zu gehen , sich an anderen Orten herumtreibt ? - mag sie nun gewesen sein , wo sie will ! « Ihre Augen glitten mit tödlicher Kälte über die kleine Gestalt . » Wo ist das neue Tuch , daß du heute Morgen bekommen hast ? « fragte sie plötzlich . Felicitas fuhr erschreckt mit den Händen nach den Schultern - o Himmel , es war verschwunden , es lag sicher draußen auf dem Gottesacker ! Sie fühlte recht gut , daß sie sich einer großen Unachtsamkeit schuldig gemacht habe - sie war tief beschämt ; ihre gesenkten Augen füllten sich mit Thränen , und die Bitte um Verzeihung drängte sich auf ihre Lippen . » Nun , was sagst du dazu , Johannes ? « fragte Frau Hellwig mit schneidender Stimme . » Ich schenke ihr das Tuch vor wenig Stunden , und an ihrem Gesicht wirst du sehen , daß es bereits verloren ist ... Ich möchte wissen , wieviel diese Garderobe deinem seligen Vater das Jahr über gekostet hat ... Gib sie auf , sag ich dir ! Da ist Hopfen und Malz verloren - du wirst nie ausrotten können , was von einer leichtfertigen , liederlichen Mutter aufgeerbt ist ! « In diesem Augenblicke ging eine schreckliche Veränderung in Felicitas ' Aeußerem vor . Eine tiefe Scharlachröte ergoß sich über das ganze Gesicht und den lilienweißen Hals bis unter den Ausschnitt des groben schwarzen Wollkleides . Ihre dunklen Augen , in denen noch die Thränen der Reue funkelten , blickten sprühend empor zu dem Gesichte der Frau Hellwig . Jene ängstliche Scheu vor der Frau , die fünf Jahre lang auf dem kleinen Herzen gelastet und ihr stets die Lippen verschlossen hatte , war verschwunden . Alles , was seit gestern ihre kindlichen Nerven in die furchtbarste Spannung versetzt hatte , es trat plötzlich überwältigend in den Vordergrund und nahm ihr den letzten Rest von Selbstbeherrschung - sie war außer sich . » Sagen Sie nichts über mein armes Mütterchen , ich leide es nicht ! « rief sie ; ihre sonst so weiche Stimme klang fast gellend . » Es hat Ihnen nichts zuleide gethan ! ... Wir sollen nie Böses von den Toten sprechen - hat der Onkel immer gesagt , denn sie können sich nicht verteidigen - Sie thun es aber doch , und das ist schlecht , ganz schlecht ! « » Siehst du die kleine Furie , Johannes ? « rief Frau Hellwig höhnisch . » Das ist das Resultat der freisinnigen Erziehung deines Vaters ! Das ist das feenhafte Geschöpfchen , wie er das Mädchen in dem Briefe da nennt ! « » Sie hat recht , wenn sie ihre Mutter verteidigt , « sagte Johannes halblaut mit ernstem