. Aehnlich geschmückt zeigten sich auch Hals und Brust . An dem kleinen vorgestreckten Fuß gewahrte man einen zierlichen Schuh von gelbem Leder mit goldener Stickerei und einem vorn lang- und emporgestreckten Schnabel ; die weißen Hände waren mit vielen Ringen geziert . Dies war vielleicht einer der Anzüge , über dessen Wohlanständigkeit und Zulässigkeit die Väter der Stadt auf dem Rathhaus lange Sitzungen hielten und danach Kleiderordnungen erließen , welche die Länge der Kleider wie der Aermel , der Schnäbel an den Schuhen wie der Tiefe des Ausschnittes an Nacken und Busen , den Fall der Locken an den Köpfen vorschrieben , die Zahl der Ringe , Armbänder und Haarnadeln genau bestimmten u.s.w. um dem Luxus zu steuern . Aber indeß allerdings die gewöhnlichen Bürgerfrauen sich daran kehren mußten , weil sie sonst in Strafe verfielen und von der Straßenjugend verspottet wurden , lachten die übermüthigen Patrizierinnen über den Eifer der Rathsherren und waren doch gar wohl damit zufrieden , daß jener Bürgerstand , von dem sie selbst sich streng absonderten , dadurch in Schranken gehalten ward , es ihnen nicht gleich zu thun . Sie selbst aber verspotteten in ihrer Kleidung oft mit um so größerer Absichtlichkeit die Vorschriften des Rathes , und als derselbe gar einmal darauf verfiel , eine Steuer auf diese Ausschweifungen zu legen , trieben sie es erst recht arg , um zu zeigen , daß sie es bezahlen konnten . So mochte der Rath versuchen was er wollte , er scheiterte damit bei den stolzen Frauen , und wenn sie ja vielleicht am ersten Tag nach einer solchen Bekanntmachung sich aus Furcht vor dem gemeinen Haufen nicht auf die Straße wagten , so entschädigten sie sich dafür durch ihre häusliche Toilette . Elisabeth vor allen gehörte mit zu den eigensinnigen Frauen , die gerade nur aus Lust , einem Verbot zu trotzen , das übertrieben , woran sie sonst vielleicht gar nicht gedacht oder es selbst lächerlich oder unanständig , unpassend oder unschön gefunden hätten . Sie machte es gern bemerklich , daß Niemand wagen dürfe ihr Vorschriften zu machen . Als Elisabeth ' s Blicke , wie es schien , gedankenlos hinab über die Straße schweiften , fuhr sie plötzlich zusammen und bog sich von dem Fenster zurück . Der Gegenstand , der diese Bewegung veranlaßte , war ein Vorübergehender von mittelgroßer , stattlicher Gestalt . Sein Wamms war genau von der Kleidfarbe Elisabeth ' s und darüber trug er einen kleinen spanischen Mantel von schwarzer Farbe , auf dem Kopf einen kleinen runden Filzhut mit weißen Federn . Sein Haar war dunkel , und die dunklen Brauen , die in schön gewölbten Bogen sich über seinen feurigen Augen erhoben , gaben diesen einen edlen Ausdruck . Seine hohe Stirn und die kühn gebogene Nase ließen in ihm den Mann von Geist erkennen ; sein Gesicht war fein , glatt und bartlos und ließ ihn dadurch noch jünger erscheinen als er war ; er zählte dreißig Jahre . Elisabeth hatte sich ihm nicht zeigen mögen ; jetzt da sie glauben konnte , er werde nicht mehr heraufsehen , wollte sie es wagen ihm nachzuschauen - aber er war verschwunden . Wo war er hin ? in welches von diesen Häusern sollte er gegangen sein ? wär ' es möglich - in das ihrige ? Sie trat aus dem Chörlein in das Zimmer zurück - es war ihr , als höre sie Schritte die Marmortreppe hinauf - ihr ganzes Wesen schien in Aufruhr zu kommen . Sie trat vor den großen venetianischen Spiegel , der auf goldenem Gestelle ruhend ihre ganze herrliche Gestalt zurückwarf . That sie das aus Angst , um eine Miene , eine Haltung zu suchen , diesen plötzlichen Aufruhr ihres Wesens zu verbergen ; that sie es aus Koketterie , ihren Anzug zu prüfen und ihn in die ihren Reizen vortheilhaftesten Falten zu schieben ? Als die Flügelthür hastig aufgeworfen ward , stand sie stolz und ruhig vor dem Eintretenden . » Verzeiht , hohe Frau , wenn ich störe ! « sagte er . » Nicht im Mindesten , Herr Doctor Celtes , « antwortete sie mit erzwungener Fassung , » obgleich ich wenig vorbereitet war auf diesen werthen Besuch . Ich bitt ' Euch , nehmet Platz . « Sie warf sich in einen Polster von rothem Sammet , indeß er auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz nahm . Die bunt gemalten Glasscheiben aus dem gewölbten oberen Theil der Chörleinfenster und die dichten rothseidenen Vorhänge , welche diesen Schimmer dämpften , warfen ein zauberhaftes Licht auf Elisabeth . » Ich komme , mir Euren Rath zu erbitten « - begann er und schien nach weiteren Worten zu suchen . » Wann hätte je ein Gelehrter und Dichter , wie Konrad Celtes , des Rathes eines Weibes bedurft ? « unterbrach ihn die junge Frau . » Doch , « antwortete er ; » es ist nicht das Erstemal , schöne Herrin , daß ich Euch darum bitte . Der Bischof von Worms hat mir geschrieben und mich aufgefordert zu ihm zu kommen . Ich würde dort viele gleichgesinnte Männer finden , wie überall am Rhein , und die humanistischen Studien fördern können . Seit mein edler Lehrer Rudolf Agricola in Worms gestorben , droht dort der lebendige Geist , der von ihm ausgehend die elende Scholastik von den Schulen verdrängte , zu erlahmen , wenn nicht eine Kraft von Außen ihn wieder aufrüttelt . Mein Name hat dort einen guten Klang und die Societas litteraria Rhenana , die ich zu Heidelberg gestiftet , wünscht auch meinen Besuch . Die , denen ich noch unbekannt bin , werden in mir den Schüler Agricola ' s sehen und mir gern gestatten ihre Lehrstühle zu besteigen . Nun rathet mir : soll ich diesem Rufe folgen und gehen - oder soll ich hier bleiben ? « Elisabeth hatte während seiner Rede mit ihrer goldenen Kette gespielt , und während dieser scheinbar tändelnden Bewegung ging in ihrem Herzen eine so heftige