den Rath der Andern in Betreff der Arrangirung einer Partie einzuholen , so mußte die warme Sympathie auffallen , die ein so ernster und ruhiger Charakter , wie ihn Frau von Dornthal besaß , gegen den maitre de plaisir an den Tag legte . Auf der andern Seite war aber auch das Benehmen Rupf ' s gegen die Mutter Lydiens ein ganz verschiedenes von dem , was er gegen jede Andere annahm . So übertrieben höflich , fast an ' s Geckenhafte streifend , seine Courtoisie gegen die jungen Mädchen war , die ihre muthwilligsten Launen an ihm ausließen , so zurückhaltend innig und freundlich warm zeigte er sich gegen die Forsträthin . Diese wußte sein treues , biederes Herz , seine rührende Anhänglichkeit an ihren verstorbenen Gemahl , und Aufopferung seiner Interessen für sie selbst und ihre Angelegenheiten wohl zu schätzen . Sie verehrte ihn als ihren besten , wahrhaft ergebenen Freund und hatte ein unbeschränktes Vertrauen zu ihm . Mit Herzlichkeit erwiederte sie daher auch jetzt den Händedruck des Hofraths , der sich mit theilnehmender Besorgniß nach ihrem Befinden erkundigte . » Kommen Sie , lieber Freund « - sagte sie , ihren Arm in den seinigen legend . » Ich möchte Sie um Ihren Rath in einer Angelegenheit bitten , die mir große Sorge macht . « » Sprechen Sie , theuerste Räthin , sprechen Sie - mein Rath , meine Hülfe , das wissen Sie ja , kann Ihnen niemals entgehen , wenn ich sie zu geben im Stande bin . « Sie schlugen einen weniger betretenen Seitenweg ein . Die Forsträthin theilte ihm unverholen ihre ganze Besorgniß in Betreff Bergers mit , indem sie ihn zugleich bat , ihr Alles , was er aus glaubwürdiger Quelle , oder aus eigener Wahrnehmung über die Bekanntschaft zwischen Lydiens Verlobten mit Frau von Rosen wüßte , mitzutheilen . Eine halbe Stunde mochten sie im eifrigsten Gespräch begriffen gewesen sein , das nur durch einen öfter wiederholten Gang zum Brunnen unterbrochen wurde , als sie plötzlich durch ein lautes Geschrei aufmerksam gemacht wurden , das mitten aus dem Kreise der noch kurz zuvor heiter lachenden Mädchen hervorzuschallen schien . Voll trüber Ahnung und schon durch das Gespräch aufgeregt , eilte die Forsträthin nach der Stelle des Tumults . Die Mädchen waren um eine ihrer Gefährtinnen beschäftigt , die eben in Ohnmacht gefallen war . Es war Lydia . Ihr schöner Kopf ruhte bewegungslos in dem Schooße einer ihrer Freundinnen , die sich auf die Kniee niedergeworfen hatte . Ihr linker Arm war , wie vor innerm Schmerz , auf die Brust gepreßt und in der rechten Hand hielt sie krampfhaft ein zusammen geknittertes Stück Papier . Eine allgemeine Verwirrung herrschte in der Gesellschaft . Die Mutter Lydiens warf sich mit einem lauten Schrei auf ihre Tochter und wäre selbst bewußtlos hingesunken , wenn nicht die große Energie ihres Geistes sie aufrecht erhalten hätte . Der Hofrath eilte , ohne sich lange nach der Ursache dieses unglücklichen Zufalls zu erkundigen , sogleich fort , um einen Wagen zu holen , in dem Lydia nach Hause gebracht werden konnte . In den ersten Minuten war die Forsträthin nicht im Stande , weder eine Frage zu thun , noch ihrer Tochter eine wirksame Hülfe zu leisten . Glücklicherweise war der Badearzt in der Nähe . Seinen Bemühungen gelang es bald , Lydia zur Bewegung und zum Leben zurückzurufen . Aber sie verstand Nichts von dem , was um sie her vorging . Ihr Bewußtsein war mit einem dichten Schleier verdeckt , der wohl das Licht durchdringen , aber nicht die Form und das Wesen der Gegenstände erkennen läßt . Matt und willenlos ließ sie sich in den indeß herbeigekommenen Wagen heben , in den außer ihrer Mutter auch der Hofrath mit einstieg . Rasch fuhren sie in ' s Dorf hinab nach dem Häuschen unter den Kastanienbäumen . » Haben Sie Etwas über die Ursache von Lydiens Unwohlsein erfahren können ? « - fragte der Hofrath , der zu derartigen Erkundigungen keine Zeit gehabt . » Es wurde nur von einem kleinen Knaben gesprochen , der auf Lydia zugegangen sei , als kenne er sie schon lange , und ihr einen Brief überreicht habe . Sie habe ihn sogleich mit sichtlicher Bewegung erbrochen und , nachdem sie einen Blick hineingeworfen , sei sie sofort bewußtlos niedergesunken . « » Vielleicht ist dieß der unselige Brief « - äußerte der Hofrath , auf das zerknitterte Papier in der rechten Hand Lydiens deutend . Rasch griff die Forsträthin danach , nachdem der Hofrath mit Mühe die zusammengepreßte Hand geöffnet und den Zettel herausgenommen hatte . » Gott sei Dank ! « - athmete die geängstigte Mutter tief auf . Ein Thränenstrom , der ihrer bisher zurückgehaltenen Angst Luft machte , stürzte aus ihren Augen . » Lesen Sie « - setzte sie hinzu , dem Hofrath das Papier hinreichend , indem sie sich ermattet in die Wagenecke zurücklehnte . Viertes Kapitel Als Alice von Rosen nach dem früher geschilderten Gespräch mit dem Baron in jener Nacht in ihre Wohnung zurückgekehrt war , warf sie hastig die Männerkleidung von sich und rief ihrem Mädchen . » War Jemand hier , Marie ? « - » Nein , gnädige Frau « - antwortete das junge Mädchen , indem sie ihrer Herrin das Nachtkleid überwarf . » Desto besser « - sagte Alice zu sich selbst . - » Bringe mir ein Glas recht kühles Wasser und eine Cigarre , dann kannst Du zu Bett gehen . « Als sie allein war , ging sie mit schnellen , aber ungleichen Schritten im Zimmer auf und nieder . Die düster brennende Lampe warf ein unsicheres Licht auf die Wand , an der der Schatten Alicens wie ein Nachtgespenst hin und niederfuhr . » Sollte ich mich diesmal getäuscht haben « - sprach sie vor sich hin . - » Sollte dieser Mann mir wirklich widerstehen können ? Es darf nicht sein ! - O , verschmäht , verschmäht