ganz verstehen kann , welche selbst an einen Mann gefesselt ist , den sie hochachten muß , aber für den ihr Herz sich vergebens bemüht , Liebe zu empfinden - vielleicht hatte dieses Ringen Amalien schon vor ihrer Krankheit verändert . Es hatte ihr inneres Leben verbittert - und dieses Verbittertsein prägte sich deutlich auf ihrem Gesicht aus , ihr Charakter war heftig und herrisch geworden , und dadurch , daß sie für Alles , was sie im Stillen litt , Niemand und nichts Anders verklagen konnte , als sich selbst , so nagte das Bewußtsein , nur selbst verschuldetes Weh zu tragen , und zwar durch Leichtsinn und Unrecht verschuldetes , nur um so zehrender an ihrem Innern . - Und weder dies Bewußtsein , noch die Reue , die sie verbergen mußte , war geeignet , sie ergeben und friedlich zu machen - sondern sie ward dadurch nur immer heftiger - und so war auch aus ihrem Antlitz längst jede Spur von Milde und Friede gewichen - ein unheimliches Etwas , das immer Unzufriedenheit und Unbehagen ausdrückte , war an dessen Stelle getreten . Anderen Frauen verleiht die Mutterwürde und das Mutterglück einen neuen , oft einen heiligen Zauber , auch dem Aeußeren , besonders dem Ausdruck der Züge - bei Amalien war das nicht so . Sie liebte ihr Kind nicht , denn es war das Kind eines ungeliebten Gatten , und da sie allein sich seiner mühsamen Pflege hatte unterziehen müssen , oft kämpfen mit täglichen Entbehrungen , und manches Opfer bringen mußte , so erschien es ihr oft eher eine Last als ein Glück - Mutter zu sein . Sie fühlte sich einmal nicht glücklich , und so ward Alles , was in andern Fällen geeignet ist , das Glück zu erhöhen , für die einmal Unzufriedene eine neue Quelle zur neuen Unzufriedenheit . Durch all ' dieses hatte ihr Gesicht schon längst jeden Ausdruck von Milde und Lieblichkeit verloren . Nun hatte die Krankheit ihre Wangen bleich und hohl gemacht , ihre Augen waren matt geworden , und hatten ihren früher schönen Glanz verloren ; ihren bleichen Lippen konnte man es nicht ansehen , wie glühend sie einst geküßt hatten , und so glich ihre ganze Erscheinung einer verwelkten Blume . Jaromir stand erschüttert vor ihr . Es war eine lange , peinliche Pause . Jaromir , als er so das Weib seiner heiligen , ersten Liebe vor sich sah , hielt den Anblick kaum aus . Er drückte die eine Hand vor die Augen , und ihm war , als sehe er so seine eigene Jugend selbst vor sich , verwelkt und vergiftet , und langsam dahinsterbend - diesem Weibe hatte er seine Jugend gegeben , und wie ein Gespenst , das keine Ruhe finden kann , stand sie jetzt vor seiner Seele - wie ein schöner Traum , den er nur ein Mal geträumt , nicht wieder träumen kann , und der ihn doch immer mit Erinnerungen quält . Er konnte sich nicht fassen , er stand regungslos da , und war keines Wortes mächtig . Thalheim hatte das Zimmer verlassen . » Nun Jaromir , « flüsterte endlich Amalie , » Du bist gekommen , aber Du hast kein Wort für mich ? « » Es liegt Viel zwischen dem Heut und unserer letzten Zusammenkunft , « sagte er , » aber auch eine lange Zeit ist seitdem verflossen , und wir könnten einander jetzt ruhig gegenüberstehen , wenn der Zufall uns anders zusammengeführt hätte , als heute und hier . « » Als durch meinen Gatten , meinst Du ? - Jaromir , kannst Du mir vergeben , wenn ich Dir sage , was ich um Dich gelitten ? « » Sei ruhig , « sagte er , » ich habe Dir längst vergeben . - Warum überhaupt diese Erinnerungen wecken an Schmerzen , die ja nun überwunden , an Kämpfe , die nun ausgekämpft sind ? - - « » Ja , ausgekämpft , wenn das Leben aus ist - bei mir nicht eher ! - Jaromir - ich habe es wohl gesehen , wie Du verlangend nach meinen Fenstern spähtest , bis ich Dir die Rose sandte - ich sah , wie ich Dir noch theuer war , und deshalb dachte ich , wir müßten uns noch ein Mal in diesem Leben wiedersehen . « Es war ihm peinlich - aber er nahm ihr ihren süßen Wahn nicht - Thalheim hatte ihn ja selbst gebeten , ihn zu schonen . Eine Thräne trat in seine Augen , er nahm ihre Hand und die Thräne fiel darauf . Amalie zuckte zusammen , die innere Aufregung rief einen heftigen Anfall ihrer Körperschmerzen herbei . Thalheim eilte sogleich in das Zimmer , und an ihr Lager . Es war ein heftiger Krampfanfall , der sie in Zuckungen hin und her warf . - » Ich sterbe ! « stöhnte sie dazwischen . » Vergebt mir Beide ! « » Beide ! « riefen Thalheim und Jaromir feierlich zugleich . » Ich danke Dir , « sagte sie zu Jaromir . - » Seid Beide glücklich , ich segne Euch - jetzt sterb ' ich schön und in Frieden . « Ihre Augen schlossen sich , und so sank sie in die Kissen zurück . Aber der Tod kam noch nicht . Es war nur eine Ohnmacht , welche auf diese Krämpfe folgte , und dann ein sanfter , stiller Schlaf . » Mag sie es für einen Traum nehmen , « sagte Jaromir , » ich will sie verlassen , damit sie aufwachend mich nicht wiederfinde , und auf ' s Neue sich aufrege . - Doctor Thalheim - ich danke für Ihr Vertrauen - Amalie war meine erste Liebe - aber ich habe ihr entsagt von da an , wo sie freiwillig sich von mir wandte - für mich war sie nun längst gestorben - und wie auch jetzt ihre Krankheit sich gestalte , und welchen Ausgang sie nehme -