. Ich will dem Manne , den ich nur selten gesehen habe , nichts Böses nachsagen , nur so viel bemerke ich , daß ihn der Ruf als hartherzig und egoistisch schildert . Den Rest des väterlichen Erbes , in nicht viel mehr bestehend als dem Grundbesitz der zur eigentlichen Stammburg gehörenden Ländereien , hat er klug angelegt , indem er , die Zeit und ihre Bestrebungen richtig deutend , eine bedeutende Fabrik errichtet hat und wohl gegen tausend Arbeiter darin beschäftigt . « » Wenn das der maßlos stolze Blauhut geahnt hätte , « fiel Sloboda ein , » er würde sich noch im Grabe umwenden vor Aerger und Zorn ! Aber was fabriciren denn die ehemaligen Herren Grafen ? « » Röcke für die Ungläubigen , « versetzte der Maulwurffänger mit boshaftem Lächeln . » Für die Ungläubigen ? « » Wie ich Dir sage , Jan , für die Ungläubigen ! Die Herren am Stein spinnen nämlich Baumwolle , ein Artikel , von dem man behauptet , daß sich mit leichter Mühe die Erde von dem gegenwärtig vorhandenen Vorrathe desselben drei- bis viermal einwickeln lassen könnte . Mir gefällt es eigentlich von den großen Herren , daß sie jetzt bedacht sind , das nackte Elend , die heulende Armuth , den frierenden Mangel mit ihrer Hände Arbeit zu bekleiden , woran sie selbst schwerlich denken werden . Früher sannen sie immer nur darauf , den Leuten die Kleider vom Leibe zu reißen , was ihnen , wie Du ja weißt , besonderes Vergnügen machte . So ändern sich die Zeiten ! - Nun , wie gesagt , diese großmächtigen Herren sind jetzt großmächtige Baumwollenspinner und nebenbei Garnbleicher geworden . Beide Geschäfte sind in gutem Gange und mögen ' was Tüchtiges eintragen . Ich schließe dies daraus , daß der Aelteste am Stein im vorigen Jahre den Versuch machte , ein Stück Land , das seinen Vorfahren gehörte , beim Tode seines verschuldeten Vaters aber in fremde Hände übergegangen war , durch Kauf wieder an sich zu bringen . Ob es ihm gelungen ist , weiß ich nicht , denn ich bin seit langer Zeit nicht mehr in jene Gegend gekommen , die mich , wie Du leicht denken kannst , nicht sehr anlockt . « » Wo wohnen sie denn ? « » Auf der Burg Boberstein . « » Auf dem zerstörten Schlosse des alten Grafen ? « » Auf jenen schwarzen Trümmern hat der gegenwärtige Herr am Stein die himmelhohen Gestocke seiner großen Spinnerei erbauen lassen . Er selbst bewohnt ein bescheidenes Häuschen dicht unter dem Felsen , wovon er seinen neuen Namen als Handelsherr entlehnt hat . Unter seines Gleichen nennt er sich nach wie vor Graf von Boberstein . « » Dies kann , scheint mir , unser Geschäft sehr erschweren , da sich der jetzige Herr am Stein gar nicht auf die Sache einlassen wird . « » Man muß es versuchen , Jan , und einige krumme Wege nicht verschmähen . Ihn zu kirren , habe ich mir folgende List ausgedacht . Wir besuchen ihn in seiner Spinnburg als Fremde , die seine großartigen Werke zu besehen wünschen . Um mehr Respect einzuflößen , geben wir uns für Russen aus , das öffnet uns alle Thüren , oder ich müßte unsere deutschen Herren nicht kennen . Er wird keinen Zweifel in unsere Aechtheit setzen . Haben wir uns nun auf ' s Genaueste über den Zustand der Fabrik , über ihre in- und ausländischen Verbindungen und so fort Kenntniß verschafft , so bringst Du wie von ungefähr das Gespräch auf die Grafen von Boberstein und fragst naiv , als wissest Du gar nichts von der noblen Race , was denn aus ihnen geworden sein möge ? Das altadlige Blut wird diese Frage nicht ruhig hinnehmen und der Baumwollenspinner keine Minute anstehn , sich mit selbstgefälligem Stolz als Stammhalter des alten Geschlechtes uns vorzustellen . Was dann zu thun sein wird , hängt von den Umständen ab . Jedenfalls genügt dieser Besuch , uns Fuß fassen zu lassen und uns die Herren am Stein als die wahren Grafen von Boberstein kennen zu lehren . Noch wird es nöthig sein , daß der Fabrikherr dieses Geständniß vor vielen Zeugen ablegt . « » Natürlich , natürlich ! « sagte der Schulmeister . » Mich schaudert , jene Gegend wieder zu betreten , « erwiederte düster der alte Wende . » Alle Schrecknisse werden wieder aufsteigen vor meinen Augen und beim Dienst der Leibeigenen werde ich alle Pein nochmals empfinden , die ich und die Meinigen so lange Jahre ertrugen . « » Laß Dich davon nicht abschrecken , « sagte Heinrich beruhigend . » Auch in dieser Hinsicht haben die Jahre eine völlige Umwälzung bewirkt . Die jetzigen Herren am Stein haben so wenig über einen Unterthanen zu gebieten , wie ich . Es gibt bei uns keine Leibeigenen mehr seit jener Katastrophe ! Das Volk ist frei , wie die Herren , es kann sich jetzt beliebig in vollkommenster Freiheit ertränken , erhängen , erschießen oder freiwillig verhungern . Die Hungerfreiheit , sagt man , sei die am häufigsten vorkommende , weshalb es Hunderte gibt , die sie um einen Spottpreis losschlagen , und sich als Knecht bald der Menschen , bald der Maschinen verdingen . « » Nun so vergeb ' ich dem Feinde meiner Familie seine Ungerechtigkeiten , « sagte Sloboda feierlich , » ja ich segne seine Frevel , da sie Ursache geworden sind , eine Einrichtung aufzuheben , die kein göttliches Gesetz billigen kann ! Wo es keine Leibeigenen gibt , da steht die Thür des Paradieses offen ! Nur der freie Mensch ist das Ebenbild Gottes , der Knecht ein verkrüppeltes Scheusal , Mitleid und Abscheu in gleichem Maße erregend ! « » So glauben wir , Jan , und wohl uns , daß wir diesen Glauben haben , geht man aber der Sache näher auf den Grund , so mindert sich unsere Freude , wird unser