Nun stehen sie einmal an einem schönen Tage früh auf , sie haben das kümmerliche Leben ganzer Wochen und Monate vergessen , draußen lockt der Schmelz des Morgens zu neuen Freuden des Daseins , alte Träume werfen sich ihnen jubelnd ans Herz , sie begreifen nicht , warum sie nicht glücklich sein sollten . Und sie öffnen das Fenster , und stehen lange , und der Schmetterling fliegt ihnen nicht heim ins Fenster , und das rothe Fädchen ist nirgend zu sehn . Und sie treten vor den Spiegel , und eine abgeblühte Gestalt blickt ihnen entgegen , die sie sonst nicht gekannt haben , und eine bleiche Wange sagt ihnen , daß sie alt geworden sind vor der Zeit . Sie könnten noch jung sein , wenn sie gelebt hätten . Aber sie haben nicht gelebt , sie haben nicht leben und nicht lieben dürfen , denn die alte Tante war täglich und stündlich krank , und nur ein Vertrocknungsprozeß unfruchtbarer Jahre ist an ihren holden Knospen vorübergegangen . Nun lassen sich Einige von innen her sterben , Andere tröstet die Religion und das Andachtsbuch . - Ich weiß nicht , es mußte etwas Melancholisches in der ganzen Atmosphäre dieser Stube liegen , denn ich sah in meinen Gedanken schon das holdseelige Geschöpf , welches mir gegenüber saß , hinwelken an diesem Dorfhüttenleben , an diesem freudlosen , sie nicht verstehenden Vater , an dieser Einsamkeit und Verlorenheit eines verkümmerten Daseins . Aber sie war noch so blutjung , und so blutwarm in diesen ersten raschen Pulsen der Jugend , daß ihre Hoffnungen gar nicht gezählt , ihre Zukunft nicht gemessen werden konnte . Ich sprang auf , und rief , mich selbst vergessend : Ein Madonnengesicht verbleicht nicht so bald ! Sie war ebenfalls aufgestanden , und ich glaubte sie über meine Worte lächeln zu sehn , und doch schimmerte zugleich etwas wie eine Thräne in ihrem Auge . Dann zeigte sie , als ich wieder näher zu ihr trat , auf den Vater , der , es war seine gewöhnliche Zeit , in dem Lehnsessel eingeschlafen lag . Sie winkte mir mit der Hand Stille zu , und traf , mit Hülfe der herbeigerufenen Magd , Anstalt , den Alten in sein Schlafkabinet zu bringen . Dann trat sie wieder heraus , sichtlich erheitert und erleichtert . Sie schien freier , leichtbewegter , ja ihre Gestalt schien mir größer und gehobener geworden . Sie trat vor mich hin , als wenn sie mir etwas sagen wollte , doch sie schwieg wieder , und wiegte das Haupt mit stillem Sinnen . Ich forderte sie auf , einen Spaziergang in den Garten zu machen . Der aufgegangene Mond schimmerte hell über den Bäumen und Gesträuchen , die Nacht war frisch , anmuthig und verschwiegen . Sie willigte ohne Zögern ein , zutraulich hing sie ihren Arm in den meinigen . Sie war nicht zaghaft , sie besaß einen selbstständigen Muth , den Jeder geehrt haben würde . Aber sie war so heiß , daß sie das verhüllende Umschlagetuch wieder abnahm und zurückließ . - Madonna del Giardino . Maria im Garten . Im Garten waren die schönsten Puncte , von denen aus man die ganze Gegend in der Mondbeleuchtung hätte überschauen können . Hier malerische Berghöhen , mit Schlössern , Ruinen , Seen , Dörfern , dort hinten kahle Basaltfelsen , die sogenannten Borschen , welche die abenteuerlichen Häupter zu uns herübersteckten . Aber wir waren , indem ich sie durch die von den Mondscheinflocken überflogenen Gänge hinführte , mit ganz abweichenden Gesprächen beschäftigt . Was werden Sie von mir denken , bemerkte sie lächelnd , daß ich mich nicht fürchte , um diese nächtliche Stunde spazieren zu gehn ? Vom hohen Nachthimmel steigen die Heiligen zu uns herunter , sagte ich . Die schützen uns vor allem Bösen . Vertrauen , Andacht , Begeisterung , Mittheilungslust , erwachen in der heimlichen Stille der Nacht . Das sind die Heiligen , die ich meine . Unter ihren Fittigen läßt sich ein gutes Gespråch führen . Sie glauben doch an die Heiligen ? Ich bin eine Katholikin , erwiederte sie . Und heute ist ein Madonnenfest , fugte ich hinzu . Der heiligen Maria danke ich Ihre Bekanntschaft . Wer sollte heut nicht an die Heiligen glauben ? Ich bin fortan der Maria dienstbeflissenster Anbeter . Und ließen doch vor ihrem geweihten Fahnenbilde den Hut sitzen , mein Herr ! sagte Maria , ablenkend , mit ernsthaftem Nachdruck . Diese Sünde meiner Zerstreuung war groß genug , erwiederte ich , und doch zu entschuldigen . Ging denn nicht unter den Wallfahrtenden ein wunderbares Madonnengesicht mit , das ich für das einzig ächte halten zu müssen glaubte ? Das auf der Fahne gemalte sah nur wie eine wahnsinnige Kammerjungfer zu ihr aus . Ich gerieth also mit meinem Gruß in Verwirrung , da ich überhaupt noch ein Laie im Heiligendienst bin . Ein Spötter sind Sie , mein Herr ! sagte sie , und verwischte doch ein verstohlenes Lächeln mit dem Schnupftuch . Dies Madonnengesicht , fuhr ich fort , mußte mich um so mehr in Verwirrung setzen , da es , feierlich still , wie der Heiligen Art zu sein pflegt , an dem lauten Treiben der übrigen Frommen kaum einen Antheil verrieth . In sich selber Göttliches sinnend , schritt das herrliche , glänzende Bild an mir vorüber , und ließ dem Staunenden ein unruhiges Herzklopfen zuruck , das nun immer nachfragt , wer und was diese Erscheinung gewesen . Warum sang Madonna nur nicht mit ? Gewiß hat sie doch eine schöne Stimme ? Oder ist sie eine aufgeklärte Heilige , welche die Prozessionen nicht mehr liebt ? Sie stand still , und sah mich mit bittenden , innigen , ausdrucksvollen Augen an . Eine innere Bewegung der Seele schien über sie gekommen . Ihre Wange hatte sich hochroth gefärbt , in ihren Blicken schimmerte es wehmuthig , und doch spiegelte sich darin zugleich etwas wie kecker Trotz