habt recht . « » Nicht ich , mein Töchterchen , nur Stern und Gras behalten recht . Vergib , daß ich die Wahrheit sagte , aber Wermut kann auch Arznei sein , und sei versichert , Zeit bringt Rosen . « Hier stand die Fremde auf . Agnes , im Innern wie gelähmt und an den Gliedern wie gebunden , vermochte kaum sich zu erheben , sie hatte nicht den Mut , die Augen aufzuschlagen , es war ihr leid , daß sie verriet , wie sehr sie sich getroffen fühlte . Und doch , indem sie aufs neue in das Gesicht der Unbekannten sah , glaubte sie etwas unbeschreiblich Hohes , Vertrauenerweckendes , ja Längstbekanntes zu entdecken , in dessen seelenvollem Anblicke der Geist sich von der Last des gegenwärtigen Schmerzens befreie , ja selbst die Angst der Zukunft überwinde . » Behüt dich Gott , mein Täubchen ! und hab immerhin guten Mut . Läßt dich die Liebe mit einer Hand los , so faßt sie dich gleich wieder mit der andern . Und stoße nur dein neues Glück nicht eigensinnig von dir ; es ist gefährlich , dem Gestirn Trotz bieten . Nun noch das letzte : bevor ein Jahr um ist , wirst du niemand verraten , was ich dir gesagt ; es möchte schlimm ausfallen , hörst du wohl ? « Dies letztere hatte die Zigeunerin mit besonderem Nachdrucke gesprochen . Aufs äußerste ergriffen dankte das Mädchen beim Abschiede und reichte der Fremden ein feines Tuch zum Angedenken hin . Agnes war allein und vermochte kaum sich selber wiederzuerkennen ; sie glaubte einer fremden , entsetzlichen Macht anzugehören , sie hatte etwas erfahren , was sie nicht wissen sollte , sie hatte eine Frucht gekostet , die unreif von dem Baume des Schicksals abgerissen , nur Unheil und Verzweiflung bringen müsse . Ihr Busen stritt mit hundertfältigen Entschlüssen und ihre Phantasie stand im Begriffe , den Rand zu übersteigen . Sie hätte sterben mögen , oder sollte Gott ihrer Neugierde verzeihen und schnell das fürchterliche Bewußtsein jener Worte von ihr nehmen , die sich wie Feuer immer tiefer in ihre Seele gruben , und deren Wahrheit sie nicht umstoßen konnte . Erschöpft kam sie nach Hause und legte sich sogleich mit einem starken Froste ; der Alte befürchtete einen Rückfall in das kürzlich erst besiegte Übel , allein vom wahren Grunde ihres Zustandes kam keine Silbe über ihre Lippen . Sie ließ sich ältere und neuere Briefe Theobalds aufs Bette bringen , aber statt des gehofften Trostes fand sie beinahe das Gegenteil ; das liebevollste Wort , die zärtlichsten Versicherungen , schon gleichsam angeweht vom vergiftenden Hauche der Zukunft , betrachtete sie mit Wehmut , wie man getrocknete Blumen betrachtet , die wir als Zeichen vergangener schöner Augenblicke aufbewahrten : ihr Wohlgeruch ist weg und bald wird jede Farbenspur daran verbleichen . Dergleichen traurige Ahnungen erfüllten sie mit desto ungeduldigerem Schmerz , je mehr sie Theobalden noch in dem vollen Irrtum seiner Liebe befangen denken mußte - in einem Irrtum , den sie nicht länger mit ihm teilen durfte noch wollte , der ihr abscheulich und beneidenswert zugleich vorkam . Jener Fieberanfall ging indes vorüber und außer einer gewissen Überspannung hielt man das Mädchen für gesund . Die Ungewißheit ihres Schicksals beschäftigte sie Tag und Nacht . Suchte sie auch einen Augenblick jene drohenden Aussprüche mit ruhigem Verstande zu bestreiten , schalt sie sich abergläubisch , töricht , schwach , sie fand doch immer zwanzig Gründe gegen einen , und selbst im Fall die unerhörteste Täuschung des Weibes mit im Spiele war , so schien dieser seltsame Zufall ihr wenigstens eine früher gefühlte Wahrheit aufs wunderbarste zu bestätigen . Denn freilich hatte sie bei dem Gespräch im Walde nicht bemerkt , wieviel ihr die Zigeunerin , nachdem das erste aufs Ungefähr keck hingeworfene Wort einmal gezündet , mit leisem Tasten abzulauschen wußte , noch weniger ließ sie sich träumen , daß ebendiese Person auf sehr natürlichem Wege von der äußeren Lage der Dinge im allgemeinen unterrichtet , mit Theobald nicht unbekannt , und , wie sich späterhin entdecken wird , überhaupt gar sehr bei der Sache interessiert war . Was aber immer die geheime Absicht dabei sein mochte , genug , das arme Kind war schon geneigt , einen höheren Wink in jenem Auftritte zu erblicken . Indessen , es gehen zuweilen Veränderungen in unserer Seele vor , von welchen wir uns eigentlich keine Rechenschaft geben und denen wir nicht widerstehen können , wir machen den Obergang vom Wachen zum Schlaf ohne Bewußtsein und sind nachher ihn zu bezeichnen nicht imstande : so ward in Agnes nach und nach die Überzeugung von der Unvereinbarkeit ihres Schicksals und Noltens befestigt , ohne daß sie genau wußte wann und wodurch dieser Gedanke eine unwiderstehliche Gewalt bei ihr gewonnen . Ihre Grundempfindung war Mitleid mit einem geliebten und verehrten Manne , hinter dessen Geist sie sich weit zurückstellte , den sie durch ihre Hand nur unglücklich zu machen fürchtete , weil es in der Folge doch auch ihm selbst nicht mehr verborgen bleiben könne , wie wenig sie ihm als Gattin genüge . Allein wenn dies Gefühl , das unstreitig aus dem reinsten Grunde uneigennütziger Liebe hervorging das gute Geschöpf allmählich einer frommen und in sich selber trostvollen Resignation entgegendrängte , so wurde der Entschluß freiwilliger Trennung auf der andern Seite wieder durch eine Idee verkümmert , welche sich sehr natürlich aufdrang : ein künftiges Mißverhältnis war ja nur in dem Falle gedenkbar , wenn Nolten überhaupt seine ursprüngliche Gesinnung verleugnete , wenn er dem ersten reinen Zuge seines Herzens untreu würde ; und so betrachtete sich nun Agnes schon zum voraus aufs tiefste gekränkt von dem Verlobten , sie war versucht , ihm dasjenige bereits als Schuld anzurechnen , wovon er selbst noch keine Ahnung hatte , was aber unvermeidlich kommen müsse . So sonderbar es klingen mag , so ist es doch gewiß , es traten Augenblicke ein , wo ihre Empfindung gegen Theobald nicht