nichts lächerlicher , als der Wahn , daß ein Mensch dem Andern eine Gnade zu erweisen denkt . Die Gewohnheit ist hierin , wie in so Vielem , die größte Gauklerin . Sie macht die Fabel zur Historie . Du kennst indeß meine Art. Ich mag Niemanden Aergerniß geben . Lieber , wie Atlas , die Welt tragen , als einen Wurm in ihr wissentlich kränken . Wer an dem Spiele seine Freude hat , dem spiele ich zu Gefallen mit . Ueberdem , die Maske war einmal angelegt , ich mußte ihrem Charakter treu bleiben . So ließ ich mir ein Ordensband umhängen , und meine Schwiegermutter hierauf Pläne und Hoffnungen für die Zukunft bauen . Sie hat etwas darin gethan , Pläne zu machen ! Nun , ihr ist es Bedürfniß ! Emma ist der Edelstein in ihrer Krone . Alles , was sie mit Blicken erreichen kann , muß dem Glanze dieses einzigen , das Werth für sie hat , als Folie dienen . Du kannst Dir vorstellen , was sie den übrigen Menschen ist , und diese ihr unter solchen Umständen sein können ? Wir passen wenig für einander . Meine Theorie von leben und leben lassen , findet hier keinen Eingang . Sie hat sich in mir verrechnet , und das verzeiht sie dem Geschick so wenig , als mir . Ich bin ihr bei alledem gut . Mir verschlagen ihre Irrthümer nichts . Sie hat Verstand , und wenn auch mehr Leidenschaft als Gefühl , dennoch eine außerordentliche Regsamkeit des Geistes . Mit solchen Leuten kommt man immer zurecht , wenn sie uns auch zu schaffen machen . Unter meine Geduldproben zähle ich die Hochzeitfeier . Es war ein alltägliches Hoffest daraus gemacht worden . Zum Glück , wissen fürstliche Personen dergleichen schnell abzumachen . Trauung , Gratulation , Diner , Entlassung , alles ging in einer Hetze fort , so daß wir uns im Wagen , aus der Stadt , auf dem Wege hierher , befanden , ehe ich noch Zeit behielt , das Geschehene mit Gelassenheit zu überdenken . Emma hatte sich mehr betäubt als gefaßt aus den Armen ihrer Mutter gerissen , und es vielleicht kaum wahrgenommen , daß diese das Scharfe , was ihren Empfindungen etwas Aetzendes giebt , ganz auf mich übertrug . Ich war ihr in der Seele zuwider . Sie konnte und wollte das auch nicht verbergen . Mir that es wehe . Ich blieb lange auf das Innigste erschüttert ; während Emma ruhig , ohne sichtbare Gemüthsbewegung neben mir saß . Ich konnte mich nicht erwehren , sie von Zeit zu Zeit mit unverhehltem Erstaunen anzusehen . Es schien , als entgehe ihr das gänzlich . Es lag ein Ausdruck des Friedens und der innern Einigkeit auf ihrem Gesichte , welcher der abendlichen Stille der Natur zu vergleichen war , und auf mich ungefähr denselben Eindruck machte . Nach einer Weile bemerkte ich , daß sie leise betete , und den Beistand eines höhern Wesens anrief , mit welchem sie sich in liebendem , natürlichem Einverständnisse befand . Seitdem fand ich sie öfters so . Gleichwohl kann ich die Spur dieser Richtung noch nicht völlig klar in ihr auffinden . Ich trage auch eine gewisse Scheu vor jedem erläuternden Schritt . Sehr wahrscheinlich weichen unsere Ansichten hier von einander , und die Gewißheit darüber könnte sie stören . Mich stört so leicht Niemand in dem , was in mir feststeht ; aber gegen Formen rennt man an , ohne es zu wissen . Erst gestern machte ich die Erfahrung . Wir krochen am Simplon herum . Ich ließ Emma auf einer bequemen Stelle bei ihren Trägern . Sie blickte von hier ruhig nach den Thälern hinunter , indeß ich , von innerer Unruhe getrieben , froh , mir einen Augenblick selbst anzugehören , alle Mühseligkeit verachtend , die zackigen Klippen noch um eine bedeutende Strecke hinan klomm , und jetzt auf einem Abhange fast schwebend mit stolzen Erwartungen um mich sah . Allein , die Atmosphäre hing , von Dünsten verdeckt , wie ein wallender Vorhang , zwischen der Stelle , wo ich stand , und den nächsten hundert Schritten unter mir . » Alles ist anders , als man es denkt ! « rief ich , und wollte den Rückweg antreten . Es war indeß leicht an dem dumpfen Rauschen und Brausen aus der Ferne , die Vorbereitung einer Explosion der Elemente wahrzunehmen . Ich wollte das abwarten , und folgte nun mit steigendem Antheil dem Kampfe der Natur . Blauschwarze , electrische Ballen wälzten sich unförmlich , und von ihrem eignen Luftzuge gedrängt , übereinander zu einem schauerlichen Chaos . Es ward dunkler und dunkler , zuletzt ganz finster , die Nacht hielt mich dicht umarmt in ihre Schleier gehüllt . Da fuhr der Stoß einer kreuzenden Luftschicht , wie ein langer weißer Strahl in den aufgethürmten Knäuel , und , als sollten Himmel und Erde untergehen , so faßte und riß ein Wirbelwind , der die Welt aus ihren Fugen zu reißen Miene machte , in das Gewölk . Ein Augenblick noch , und die gährenden Stoffe stürzten krachend und schäumend unter Donner und Blitz und Wogenströmen in die Tiefen hinab , über mir ward es hell wie in einer azurnen Kugel . Ich blickte überrascht und sprachlos um mich . Die majestätische Gewalt dieses Vorganges fesselte mich unverrückt auf demselben Fleck . Doch , ich dachte an Emma , und arbeitete mich nun durch das Unwetter , das vor mir herging , hindurch , zu der Stelle , wo ich sie gelassen hatte . Sie war nicht mehr dort . Ihre Träger kamen mir indeß , durch sie abgeschickt , bereits entgegen . Ich erfuhr , daß eine nahe Hütte ihr Obdach gebe , und eilte nun dahin . Es stürmte und regnete noch in einem fort . Sie flog mir in die Arme . Der Gedanke , daß die zerstörende Macht der Elemente uns plötzlich hier am Eingange eines neuen Lebens