wissen , wie und was man in jenen Zeiten getanzt habe . Wir hätten zwar schlechthin sagen können , » sie tanzten « ; aber wie leicht wäre es geschehen gewesen , daß eine unserer freundlichen Leserinnen einen Anachronismus gemacht , und etwa Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen Cotillon hätte vortanzen lassen . In dieser Verlegenheit stießen wir auf das sehr selten gewordene Buch : » Vom Anfang , Ursprung und Herkommen der Turniere im heiligen römischen Reich . Frankfurt 1564 . « Wir fanden in diesem teuren Folianten , unter andern trefflichen Holzschnitten einige , die einen solchen Abendtanz vorstellten , wie er zu Zeiten Kaiser Maximilians , etwa ein Jahr vor dieser Historie , gehalten wurde . Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen , daß der Abendtanz im Ulmer Rathaussaal sich in nichts von jenem angeführten unterschied , und man wird sich den deutlichsten Begriff eines solchen Vergnügens machen , wenn wir eines dieser Bilder beschreiben . Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer , Trommler und Trompeter ein , die , nach dem Ausdrucke des Turnierbuches , » eins aufblasen « . Zu beiden Seiten , mehr dem Hintergrunde zu , steht die tanzlustige Jugend , in reiche schwere Stoffe gekleidet . In unseren Tagen siehet man bei solchen Gelegenheiten nur zwei Grundfarben , Schwarz und Weiß , worein sich die Herren und Damen , wie in Nacht und Tag geteilt haben ; anders zu jenen Zeiten . Ein überraschender Glanz der Farben strahlt uns aus jenem Bilde entgegen . Das herrlichste Rot vom brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur , jenes brennende Blau , das uns noch heute an den Gemälden alter Meister überrascht , sind die freudigen Farben ihrer malerisch drapierten Gewänder . Die Mitte der Szene nimmt der eigentliche Tanz ein . Er hat am meisten Ähnlichkeit mit der Polonaise , denn er ist ein Umzug im Saale . Den Zug eröffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Instrumenten ; diesen folgt der Vortänzer und seine Dame , diese Stelle begleitet bei jedem Tanze wieder ein anderer , und es entschied hiebei nicht die Geschicklichkeit , sondern der Rang des Tänzers . Auf diese folgen zwei Fackelträger und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden . Die Damen schreiten ehrbar und züchtig einher , die Männer aber setzen ihre Füße wunderlich , wie zu kühnen Sprüngen , einige scheinen auch mit den Absätzen den Takt zu stampfen , wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben noch heutzutage sehen können . So war der Abendtanz zu Ulm . Man blies schon längst zum ersten auf , als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat . Seine Blicke schweiften durch die Reihen der Tanzenden , und endlich trafen sie Marien . Sie tanzte mit einem jungen , fränkischen Ritter seiner Bekanntschaft , schien aber der eifrigen Rede , die er an sie richtete , nicht Gehör zu geben . Ihr Auge suchte den Boden , ihre Miene konnte Ernst , beinahe Trauer ausdrücken ; ganz anders als die übrigen Fräulein , die in der wahren Tanzseligkeit schwimmend , ein Ohr der Musik , das andere dem Tänzer liehen , und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten , um den Beifall in ihren Mienen zu lesen , bald ihren Tänzern zuwandten , um zu prüfen , ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiß auf sie gerichtet sei ? In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und endeten ; Herr Dieterich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam ihn , wie er versprochen , zu seinen Muhmen zu führen . Er flüsterte ihm zu , daß er selbst schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Berta versagt sei , doch habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast geworben . Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten Fremden vorbereitet gewesen , und dennoch bedeckte die Erinnerung dessen , was sie über ihn gesprochen , Bertas angenehme Züge mit hoher Glut , und die Verwirrung , in welche sie sein Anblick versetzte , ließ sie nicht bemerken , welches Entzücken ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte , wie sie bebte , wie sie mühsam nach Atem suchte , wie ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien . » Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder , meinen lieben Gast « , begann der Ratschreiber , » der um die Gunst bittet , mit euch zu tanzen . « » Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt hätte « , antwortete Berta schneller gefaßt als ihre Base , » so solltet Ihr ihn haben , aber Marie ist noch frei , die wird mit Euch tanzen . « » So seid Ihr noch nicht versagt , Fräulein von Lichtenstein ? « fragte Georg , indem er sich zu der Geliebten wandte . » Ich bin an Euch versagt « , antwortete Marie . So hörte er denn zum ersten Male wieder die Stimme , die ihn so oft mit den süßesten Namen genannt hatte , er sah in diese treuen Augen , die ihn noch immer so hold anblickten , wie vormals . Die Trompeten schmetterten in den Saal ; der Oberfeldlieutenant Waldburg Truchseß , dem man den zweiten Tanz gegeben hatte , schritt mit seiner Tänzerin vor , die Fackelträger folgten , die Paare ordneten sich , und auch Georg ergriff Mariens Hand und schloß sich an . Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr den Boden , sie hingen an denen des Geliebten ; und dennoch wollte es ihm scheinen , als mache sie dieses Wiedersehen nicht so glücklich wie ihn , denn noch immer lag eine düstere Wolke von Schwermut oder Trauer um ihre Stirne . Sie sah sich um , ob Dieterich und Berta , das nächste Paar nach ihnen , nicht allzu nahe sei . - Sie waren ferne . » Ach Georg « , begann sie , » welch unglücklicher Stern hat dich in dieses Heer geführt ! «