wohl , und jede Spur der scheuen Blödigkeit , die im Hause der Tante sie ängstlich beklemmt hatte , verschwand vor ihm . Die prunklose , aber bequem-zierliche Einrichtung der Zimmer versetzte sie ganz in die frohe Zeit ihrer ersten Jugend zurück ; alles deutete darin auf heitern Lebensgenuß , auf Fleiß und Kunstliebe der Bewohner , alles war so , wie sie es bei ihrer Mutter zu sehen gewohnt gewesen war . Ihr ward in diesen Umgebungen , als ob sie nach einer langen Abwesenheit wieder zu Hause angekommen wäre , und mit wahrer kindlichen Freude hörte sie die Einladung , recht oft , wenn es möglich wäre täglich , zu kommen , und jede freie Stunde bei der Frau von Willnangen und ihrer Tochter in ruhiger Gemüthlichkeit zuzubringen . Der erste Anblick der achtzehnjährigen Auguste eignete sich durchaus nicht dazu , die Herzen mit Sturm zu erobern . Ihr Aeußeres zeichnete sich nur durch eine hohe , regelmäßig schlanke Gestalt aus , und ihr Gesicht war nichts weniger als schön , so lange sie schwieg ; aber der Geist , der es belebte , sobald sie sprach , der Ausdruck , den die klaren , großen Augen dann gewannen , gaben ihr einen ganz eignen Reiz , sie fesselten die Herzen wie die Blicke , man sah Augusten eben so gern sprechen , als man sie hörte , und wurde endlich beinah verleitet , sie schön zu finden . Bei dem neuen Gefühl , sich von einem jungen , ihr ähnlichen Wesen liebevoll umfangen zu sehen , ging Gabrielen in nie zuvor empfundner Freude das Herz auf ; ein Vorgefühl jugendlich vertraulicher Freundschaft bemächtigte sich ihrer , und glücklicher , als sie es je seit dem Tode ihrer Mutter gewesen war , verließ sie das Haus der Frau von Willnangen mit dem festen Entschluß , sobald als möglich dahin zurückzukehren . Gabrielens Tante war eine der Frauen , wie man in großen Städten so viele findet , die mit wahrem Heldenmuth allen ihren Neigungen geradezu entgegen handeln , sobald der eben herrschende Ton es gebeut . Funfzig Jahre früher geboren , hätte sie , schwimmend in Moschus- und Ambra-Duft , mit aller damals üblichen Ziererei einer französischen petite maitresse über Vapeurs geklagt , in Gesellschaft Gold gezupft , oder Trisett gespielt , und ihr Haus wäre eine Menagerie von Schooßhündchen und Papageyen gewesen . Die Zeiten , in denen so etwas galt , sind aber vorüber gezogen , und Kunst und Wissenschaft jetzt bei uns an der Tagesordnung . So sah sich die Gräfin gezwungen , sich zur eifrigen Beschützerin derselben aufzuwerfen , wenn sie sich in dem Kreise , den sie die Welt nannte , geltend machen wollte , und die Langeweile nicht zu achten , welche sie dabei empfand . Im Grunde waren ihr die Figuren in den Modejournälen weit lieber , als alle Raphaele und Kunstgespräche , von denen sie nichts verstand ; die Donaunixe oder Rochus Pumpernickel ergötzten sie weit mehr auf der Bühne als Göthe oder Schiller , bei denen sie immerfort heimlich durch die Nase gähnen mußte ; und obgleich in ihrem Kabinette alle unsre vorzüglichsten Dichter in goldigem Einbande hinter Spiegelglas strahlten , so griff sie doch ganz in der Stille nur nach Cramer , Spieß und deren Nachfolgern , wenn Migräne oder eine seltne einsame Stunde ihr ein Buch in die Hand spielten . Dennoch wußte sie durch stete Anstrengung , geleitet von einem angebornen Taktgefühl , diesen ihr eignen Geschmack so künstlich zu verbergen , daß niemand merken konnte , wie sehr alles , wonach sie im Aeußern strebte , ihr im Innern zuwider war . Man konnte lange mit ihr umgehen , und dennoch darauf schwören , sie sey geistreich und unterrichtet . Sie wußte sehr gut , wenn es im Theater Zeit war den Kopf verächtlich wegzuwenden , oder auch in Extase zu gerathen , und in ihrem . Gespräch vermißte man keinen technischen Kunstausdruck , kein einziges der vielen neuen Worte , mit welchen unsre Poeten und Kunstjünger die deutsche Sprache neuerdings bereicherten ; sie hatte sich alle durch den Umgang zu eigen gemacht . Es geschah wohl dann und wann , daß sie sich in der Anwendung derselben ein wenig vergriff , aber doch immer selten genug , um nicht auffallend zu werden . In zweifelhaften Fällen half sie sich mit einem Ach ! oder Oh ! die jedermann auslegen konnte , wie er wollte , und übrigens hütete sie sich gar sehr , über irgend ein neues Kunsterzeugniß ihre Meinung voreilig an den Tag zu legen , sondern wartete bescheiden , bis jemand aus der Gesellschaft , auf dessen Ansicht sie sich verlassen konnte , ihr zu einem sichern Urtheil verhalf . Mit aller dieser Anstrengung war es ihr wirklich gelungen , ihren Zweck zu erreichen . Das Haus der Gräfin Rosenberg galt allgemein für das angenehmste in der Stadt , dem alles zuströmte , was für geistreich und gebildet geachtet seyn wollte , oder auch es wirklich war . Es wimmelte bei ihr von fremden Künstlern , Gelehrten und schönen Geistern , und eine Addresse an die Gräfin schien den mehresten dieser Ankömmlinge nicht minder nothwendig als ein Reisepaß . Wer keine mitbrachte , den wußte sie auf andre Weise sich zuführen zu lassen , denn sie wäre untröstlich gewesen , wenn ein berühmter Mann das Weichbild der Stadt betreten hätte , ohne über ihre Schwelle zu gehen . Freilich schlich sich auch mancher bloß titulär-schöne Geist unter der Menge mit ein , denn an Auswahl war hier nicht zu denken ; aber alle vereint brachten doch den Reiz einer mannigfaltigern Unterhaltung , eines geistigern Lebens in die Gesellschaft , als man in andern großen Zirkeln zu finden gewohnt ist , und selbst sehr ausgezeichnete Männer besuchten gern den Vereinigungs-Punkt , der ihnen hier geboten ward . Ueberdem verstand die Gräfin die Kunst , eine sehr angenehme Wirthin zu seyn . Mit anscheinender Sorglosigkeit überließ sie es jedem , nach Gefallen seine Unterhaltung