gern jeder daraus entspringenden Unannehmlichkeit unterzogen hätte , so empfindlich sie meinem Herzen auch war . Mein Vater nannte diese Maßregeln weise und wohltätig in ihren späteren Folgen , sowohl für Frankreich als für das übrige feste Land , wenn man sie allgemein mit gutem Willen ergreife . Meine wirtschaftliche Mutter war sehr dagegen , weil der Preis der Kolonialwaren dadurch in die Höhe ging ; sie wurde aber von dem Triumvirate überstimmt , welches aus meinem Vater , dem guten Pfarrer und mir bestand . Wir waren zu jeder Entsagung bereit und unerschöpflich in Erfindung von Surrogaten . Ich fing an , alle dienlich scheinenden Blumen und aromatischen Blätter , bei ihrem zarten Hervortreiben , sorgsam zu trocknen , und es gelang mir , durch vieles Versuchen und Zusammensetzen , eine Mischung zu treffen , welche dem chinesischen Tee sehr nahekam . Mein Vater pflanzte Farbekräuter und legte eine Fabrik von Zucker aus Runkelrüben an ; mir machte es große Freude , bei dieser Anlage , durch Aufsicht , mitzuwirken . Der Pfarrer legte sich fleißig auf Bienenzucht und erfand eine Vorrichtung , dem Gespinste des Flachses eine größere Vollkommenheit zu geben . So sahen wir ruhig auf die Isolierung des Kontinents und den Verlust der ehemaligen Kolonien . Wir bekämpften den Erbfeind mit unblutigen Waffen . Lehre und Beispiel pflanzten sich immer weiter fort ; Nationalindustrie ward überall belebt , brachte Nationalwohlstand hervor , und der Sieg war entschieden , hätte der allgemeine Feind nicht unter den andern Völkern verblendete Helfer gefunden . Auf mich hatte dieser kleine Krieg einen ebenso vorteilhaften Einfluß als auf Frankreich , er weckte mich zur Tätigkeit . Bis dahin war ich nur unterbrochen körperlich beschäftigt gewesen , von jetzt an war ich rastlos aufmerksam , daß alles auf das beste geschah , daß man haushälterisch wirtschaftete , das Fehlende ergänzte , das Vorhandene vervollkommnete . Ich wendete die Lehre , welche die Nation erhielt , auch auf mich als Einzelwesen an , daß man nur dadurch sich unabhängig erhält , wenn man alle seine Bedürfnisse selbst befriedigen lernt . Alle die mechanischen Fertigkeiten , welche Du jüngst mit einigem Erstaunen an mir wahrgenommen , haben jener Richtung meiner Ansicht ihren Ursprung zu danken . Da sich sowenig Gelegenheit absehen ließ , einen ordentlichen Briefwechsel mit Dir anzufangen , so belebte ich wenigstens die schriftlichen Unterhaltungen mit meinem Bruder , welche größtenteils Dich zum Gegenstande hatten . Er bewahrte Dein Bild in treuem Herzen und nährte zugleich die angenehme Hoffnung , Dich auf irgendeine Weise bald wiederzusehen . Nächst diesem reichhaltigen Stoffe unterhielt er mich fleißig von einem Freunde , welcher um vier Jahre älter war als er . Mucius war der Sohn seines väterlichen Lehrers . Beim Eintritt in das Haus desselben fühlten sich beide schon sehr zueinander hingezogen , doch war damals der Unterschied der Jahre , bei der früher fortgeschrittenen wissenschaftlichen Bildung des Freundes , noch sehr bemerklich ; aber Emils schönes Gemüt und seine schnell reifende Vernunft glichen den Abstand nach und nach völlig aus . Von seinem Freunde hatte mein Bruder mir unaufhörlich zu erzählen , und es wurde mir bald Gewohnheit , am Schlusse meiner Briefe ihm einen Gruß an seinen Pylades aufzutragen . Mucius erwiderte diese Aufmerksamkeit durch einige sehr artige Verse , welche er unter einen Brief meines Bruders schrieb . Ich antwortete durch ein kleines Gegengedicht , ebenfalls in einem Briefe an Emil , und so entspann sich ein mittelbarer Briefwechsel , welcher mich , durch seine romantische Natur , unendlich reizte . Die Artigkeit ging in Gefühl über , und ein dunkles Sehnen bemächtigte sich unsrer Herzen . Schon als Du noch bei uns warest , freutest Du Dich der Gewohnheit meines Vaters , beim Anfange jedes Frühlings eine kleine Reise mit uns zu machen ; nach Deiner Abreise wurden diese Ausflüge in jedem Jahre wiederholt und erweitert . Wir hatten Marseille und Hieres , dann Genf und seine schönen Umgebungen besucht . Die Gesundheit meiner Mutter hatte ebensoviel Anteil an diesen Reisen als das Vergnügen . Sie hatte besonders im Winter des Jahres 1808 sehr an Nervenzufällen gelitten , weshalb wir uns früher als gewöhnlich auf den Weg machten , um , nach dem Rate der Ärzte , nach Montpellier zu gehen . Wir nahmen unseren Weg über Beaucaire und durchschnitten dann die Bergkette gerade auf Bellegarde , wo mein Vater ein Geschäft abzutun hatte . Es war in den ersten Tagen des Februars , die Nordseite der Berge war noch hin und wieder mit Schnee bedeckt , aber in den Tälern sproßte schon das üppigste Grün , Veilchen und wilde Hyazinthen blühten an den sonnigen Abhängen , die majestätischen dunklen Tannen trieben schon ihre goldgrünen Sprossen , Finken und Grasemücken jubelten durch die neubelaubten Gebüsche . Schon waren wir nahe am Ziel unseres nächsten Ruhepunktes , man konnte schon von einer höheren Stelle des Weges die Turmspitze von Bellegarde erblicken , als beim Hinabfahren in einen Hohlweg der Wagen umwarf . Wir kamen zwar fast ohne alle Beschädigung davon , aber der Wagen hatte eine desto stärkere erhalten , so daß es schlechterdings unmöglich war , sich seiner ferner zu bedienen . Wir mußten uns also entschließen , bis zum nächsten Dorfe zu Fuße zu gehen , wobei der Vater und ich meine vor Schreck halb tote Mutter führten . Im Wirtshause war gar kein Aufenthalt möglich , aber der Förster , welcher am Ende des Fleckens wohnte , nahm uns mit herzlicher Gastfreiheit auf . Er bot sogleich eine Menge Bauern auf , unsre Sachen vom Wege zu holen und unseren Wagen bis zur Schmiede zu schleppen . » Ich würde Ihnen zur Fortsetzung Ihrer Reise mein eigenes Fuhrwerk anbieten « , sagte er , » wenn ich solches nicht meinem Neffen entgegengesendet hätte , welcher mich heut zu besuchen kommt . Sie werden sich daher ein Nachtlager bei mir gefallen lassen müssen . « Mein Vater nahm das in Hinsicht meiner Mutter dankbar an . Er selbst aber entschloß