Bette . Ich erinnere mich nicht , daß mir als Kind irgend etwas widerwärtiger gewesen wäre , als das zeitige Schlafengehen , wenn alles draußen noch schallte und schwärmte und meine ganze Seele noch so wach war . Dieser Abend war besonders schön und schwül . Ich legte mich unruhig nieder . Die Bäume rauschten durch das offene Fenster herein , die Nachtigall schlug tief aus dem Garten , dazwischen hörte ich noch manchmal Stimmen unter dem Fenster sprechen , bis ich endlich nach langer Zeit einschlummerte . Da kam es mir auf einmal vor , als schiene der Mond sehr hell durch die Stube , mein Bruder erhöbe sich aus seinem Bett und ginge verschiedentlich im Zimmer herum , neige sich dann über mein Bett und küsse mich . Aber ich konnte mich durchaus nicht besinnen . Den folgenden Morgen wachte ich später auf , als gewöhnlich . Ich blickte sogleich nach dem Bette meines Bruders und sah , nicht ohne Ahnung und Schreck , daß es leer war . Ich lief schnell in den Garten hinaus , da saß Angelina am Springbrunnen und weinte heftig . Meine Pflegeeltern und alle im ganzen Hause waren heimlich , verwirrt und verstört , und so erfuhr ich erst nach und nach , daß Rudolf in dieser Nacht entflohen sei . Man schickte Boten nach allen Seiten aus , aber keiner brachte ihn mehr wieder . « » Und habt ihr denn seitdem niemals wieder etwas von ihm gehört ? « fragte Rosa . » Es kam wohl die Nachricht « , sagte Friedrich , » daß er sich bei einem Freikorps habe anwerben lassen , nachher gar , daß er in einem Treffen geblieben sei . Aber aus späteren , einzelnen , abgebrochenen Reden meiner Pflegeeltern gelangte ich wohl zu der Gewißheit , daß er noch am Leben sein müsse . Doch taten sie sehr heimlich damit und hörten sogleich auf davon zu sprechen , wenn ich hinzutrat ; und seitdem habe ich von ihm nichts mehr sehen noch erfahren können . Bald darauf verließ auch Angelina mit ihrem Vater , der weitläufig mit uns verwandt war , unser Schloß und reiste nach Italien zurück . Es ist sonderbar , daß ich mich auf die Züge des Kindes nie wieder besinnen konnte . Nur ein leises , freundliches Bild ihrer Gestalt und ganzen lieblichen Gegenwart blieb mir übrig . Und so war denn nun das Kleeblatt meiner Kindheit zerrissen und Gott weiß , ob wir uns jemals wiedersehen . - Mir war zum Sterben bange , mein Spielzeug freute mich nicht mehr , der Garten kam mir unaussprechlich einsam vor . Es war , als müßte ich hinter jedem Baume , an jedem Bogengange noch Angelina oder meinem Bruder begegnen , das einförmige Plätschern der Wasserkünste Tag und Nacht hindurch vermehrte nur meine tiefe Bangigkeit . Mir war es unbegreiflich , wie es meine Pflegeeltern hier noch aushalten konnten , wie alles um mich herum seinen alten Gang fortging , als wäre eben alles noch , wie zuvor . Damals ging ich oft heimlich und ganz allein nach dem Gebirge , das mir Rudolf an jenem letzten Abend gezeigt hatte , und hoffte in meinem kindischen Sinne zuversichtlich , ihn dort noch wiederzufinden . Wie oft überfiel mich dort ein Grausen vor den Bergen , wenn ich mich manchmal droben verspätet hatte und nur noch die Schläge einsamer Holzhauer durch die dunkelgrünen Bogen heraufschallten , während tief unten schon hin und her Lichter in den Dörfern erschienen , aus denen die Hunde fern bellten . Auf einem dieser Streifzüge verfehlte ich beim Heruntersteigen den rechten Weg und konnte ihn durchaus nicht wiederfinden . Es war schon dunkel geworden und meine Angst nahm mit jeder Minute zu . Da erblickte ich seitwärts ein Licht ; ich ging darauf los und kam an ein kleines Häuschen . Ich guckte furchtsam durch das erleuchtete Fenster hinein und sah darin in einer freundlichen Stube eine ganze Familie friedlich um ein lustig flackerndes Herdfeuer gelagert . Der Vater , wie es schien , hatte ein Büchelchen in der Hand und las vor . Mehrere sehr hübsche Kinder saßen im Kreise um ihn herum und hörten , die Köpfchen in beide Arme aufgestützt , mit der größten Aufmerksamkeit zu , während eine junge Frau daneben spann und von Zeit zu Zeit Holz an das Feuer legte . Der Anblick machte mir wieder Mut , ich trat in die Stube hinein . Die Leute waren sehr erstaunt , mich bei ihnen zu sehen , denn sie kannten mich wohl , und ein junger Bursche wurde sogleich fortgesandt , sich anzukleiden , um mich auf das Schloß zurückzugeleiten . Der Vater setzte unterdes , da ich ihn darum bat , seine Vorlesung wieder fort . Die Geschichte wollte mich bald sehr anmutig und wundervoll bedünken . Mein Begleiter stand schon lange fertig an der Tür . Aber ich vertiefte mich immer mehr in die Wunder ; ich wagte kaum zu atmen und hörte zu und immer zu und wäre die ganze Nacht geblieben , wenn mich nicht der Mann endlich erinnert hätte , daß meine Eltern in Angst kommen würden , wenn ich nicht bald nach Hause ginge . Es war der gehörnte Siegfried , den er las . « Rosa lachte . - Friedrich fuhr , etwas gestört , fort : » Ich konnte diese ganze Nacht nicht schlafen , ich dachte immerfort an die schöne Geschichte . Ich besuchte nun das kleine Häuschen fast täglich , und der gute Mann gab mir von den ersehnten Büchern mit nach Hause , soviel ich nur wollte . Es war gerade in den ersten Frühlingstagen . Da saß ich denn einsam im Garten und las die Magelone , Genoveva , die Haimonskinder und vieles andere unermüdet der Reihe nach durch . Am liebsten wählte ich dazu meinen Sitz in dem Wipfel eines hohen Birnbaumes , der am Abhange des Gartens stand , von wo ich dann über das Blütenmeer der