Wo haben Sie aber die Uniform hingetan , gnädiger Herr ? « - » Die schleuderte ich hinab in den Abgrund « , antwortete es aus mir hohl und dumpf , denn ich war es nicht , der diese Worte sprach , unwillkürlich entflohen sie meinen Lippen . In mich gekehrt , immer in den Abgrund starrend , ob der blutige Leichnam des Grafen sich nicht mir drohend erheben werde , stand ich da . - Es war mir , als habe ich ihn ermordet , noch immer hielt ich den Degen , Hut und Portefeuille krampfhaft fest . Da fuhr der junge Mensch fort : » Nun , gnädiger Herr , reite ich den Fahrweg herab nach dem Städtchen , wo ich mich in dem Hause dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will , Sie werden wohl gleich herab nach dem Schlosse wandeln , man wird Sie wohl schon erwarten , Hut und Degen nehme ich mit mir . « - Ich reichte ihm beides hin . » Nun leben Sie wohl , Herr Graf ! recht viel Glück im Schlosse « , rief der junge Mensch und verschwand singend und pfeifend in dem Dickicht . Ich hörte , daß er das Pferd , was dort angebunden , losmachte und mit sich fortführte . Als ich mich von meiner Betäubung erholt und die ganze Begebenheit überdachte , mußte ich mir wohl eingestehen , daß ich bloß dem Spiel des Zufalls , der mich mit einem Ruck in das sonderbarste Verhältnis geworfen , nachgegeben . Es war mir klar , daß eine große Ähnlichkeit meiner Gesichtszüge und meiner Gestalt mit der des unglücklichen Grafen den Jäger getäuscht , und der Graf gerade die Verkleidung als Kapuziner gewählt haben müsse , um irgend ein Abenteuer in dem nahen Schlosse zu bestehen . Der Tod hatte ihn ereilt und ein wunderbares Verhängnis mich in demselben Augenblick an seine Stelle geschoben . Der innere unwiderstehliche Drang in mir , wie es jenes Verhängnis zu wollen schien , die Rolle des Grafen fortzuspielen , überwog jeden Zweifel und übertäubte die innere Stimme , welche mich des Mordes und des frechen Frevels bezieh . Ich eröffnete das Portefeuille , welches ich behalten ; Briefe , beträchtliche Wechsel fielen mir in die Hand . Ich wollte die Papiere einzeln durchgehen , ich wollte die Briefe lesen , um mich von den Verhältnissen des Grafen zu unterrichten , aber die innere Unruhe , der Flug von tausend und tausend Ideen , die durch meinen Kopf brausten , ließ es nicht zu . Ich stand nach einigen Schritten wieder still , ich setzte mich auf ein Felsstück , ich wollte eine ruhigere Stimmung erzwingen , ich sah die Gefahr , so ganz unvorbereitet mich in den Kreis mir fremder Erscheinungen zu wagen ; da tönten lustige Hörner durch den Wald , und mehrere Stimmen jauchzten und jubelten immer näher und näher . Das Herz pochte mir in gewaltigen Schlägen , mein Atem stockte , nun sollte sich mir eine neue Welt , ein neues Leben erschließen ! - Ich bog in einen schmalen Fußsteig ein , der mich einen jähen Abhang hinabführte ; als ich aus dem Gebüsch trat , lag ein großes schön gebautes Schloß vor mir im Talgrunde . - Das war der Ort des Abenteuers , welches der Graf zu bestehen im Sinne gehabt , und ich ging ihm mutig entgegen . Bald befand ich mich in den Gängen des Parkes , welcher das Schloß umgab ; in einer dunklen Seitenallee sah ich zwei Männer wandeln , von denen der eine wie ein Weltgeistlicher gekleidet war . Sie kamen mir näher , aber ohne mich gewahr zu werden , gingen sie in tiefem Gespräch bei mir vorüber . Der Weltgeistliche war ein Jüngling , auf dessen schönem Gesichte die Totenblässe eines tief nagenden Kummers lag , der andere , schlicht , aber anständig gekleidet , schien ein schon bejahrter Mann . Sie setzten sich , mir den Rücken zuwendend , auf eine steinerne Bank , ich konnte jedes Wort verstehen , was sie sprachen . » Hermogen ! « sagte der Alte , » Sie bringen durch ihr starrsinniges Schweigen Ihre Familie zur Verzweiflung , Ihre düstre Schwermut steigt mit jedem Tage , Ihre jugendliche Kraft ist gebrochen , die Blüte verwelkt , Ihr Entschluß , den geistlichen Stand zu wählen , zerstört alle Hoffnungen , alle Wünsche Ihres Vaters ! - Aber willig würde er diese Hoffnung aufgeben , wenn ein wahrer innerer Beruf , ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf den Entschluß in Ihnen erzeugt hätte , er würde dann nicht dem zu widerstreben wagen , was das Schicksal einmal über ihn verhängt . Die plötzliche Änderung Ihres ganzen Wesens hat indessen nur zu deutlich gezeigt , daß irgend ein Ereignis , das Sie uns hartnäckig verschweigen , Ihr Inneres auf furchtbare Weise erschüttert hat und nun zerstörend fortarbeitet . - Sie waren sonst ein froher unbefangener , lebenslustiger Jüngling ! - Was konnte Sie denn dem Menschlichen so entfremden , daß Sie daran verzweifeln , in eines Menschen Brust könne Trost für Ihre kranke Seele zu finden sein ? Sie schweigen ? Sie starren vor sich hin ? - Sie seufzen ? Hermogen ! Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener Innigkeit , ist es Ihnen aber jetzt unmöglich geworden , ihm Ihr Herz zu erschließen , so quälen Sie ihn wenigstens nicht durch den Anblick Ihres Rocks , der auf den für ihn entsetzlichen Entschluß hindeutet . Ich beschwöre Sie , Hermogen , werfen Sie diese verhaßte Kleidung ab . Glauben Sie mir , es liegt eine geheimnisvolle Kraft in diesen äußerlichen Dingen ; es kann Ihnen nicht mißfallen , denn ich glaube von Ihnen ganz verstanden zu werden , wenn ich in diesem Augenblick , freilich auf fremdartig scheinende Weise , der Schauspieler gedenke , die oft , wenn sie sich in das Kostüm geworfen , wie von einem fremden Geist sich angeregt fühlen und leichter