wollen schon höher beachtet sein . Wir sollten ihnen billig eine andre Sphäre anweisen , sie stehn keinesweges so mitten inne im Lebensverkehr , oder wissen sich doch drüber hinauszuheben , die Zeit kann ihnen , wenn sie indeß wollen , eben nicht sonderlich viel anhaben . Zu Anfang sind sie in lieblicher Unbestimmtheit alles zugleich , man ahndet jede schöne Tugend in ihnen , man empfindet den schuldlosen Einklang aller Gefühle an ihrer Seite , dann zwingt sie das Geschick so oder so in eine besondere Richtung , und scheint sie zu bestimmen . Sie stehn ausgesprochen vor uns , und man vermißt nicht selten die verschwimmende Weichheit und anmuthige Sorglosigkeit früherer Zeit an ihnen . Absichtlich berechnet , verschlossen oder zerrissen , verarbeiten und durchsteuern sie so ein paar Umschwungsperioden , dann aber haben sie gesiegt , oder sind erlegen . Wir fühlen uns wohl bei den ältern Frauen , deren Wesen sich klärt und setzt und ihnen die Gluth der Reife läßt . Man spürt noch all ' die tausend Elemente menschlicher Leidenschaften und wird durch sie mit dem Leben in bewegliche Verhältnisse gesetzt , ohne jemals das Unbequeme gegenwärtiger Vorwirrung zu empfinden . Frau von Saint Alban begleitete seine Worte mit beifälligem Blicke , jedes Stufenjahr weiblicher Anmuth , sagte sie lächelnd , findet doch in Frankreich seinen Ritter . Niemand taste mir mein galantes Frankreich an ! Alonzo sahe überrascht auf sie hin . Es fuhr schneidend durch seine Seele , er spürte ein unangenehmes Beben und das Unheimliche verborgener Störung . Aengstlich suchte er Blansche . Sie saß in qualvoller Anstrengung neben Türgis , seine Hand in der ihrigen , von Zeit zu Zeit einen Strauß weißer Rosen gegen die heißen , überfließenden Augen drückend . Ach ! dachte er , könntest Du so alle schringende Wunden der Seele kühlen . Philipp war indeß geräuschlos eingetreten , er grüßte sittig und still , und nahm seinen Platz zu Türgis Füßen , Blansche gegenüber . Seine Blicke lagen mitempfindend auf beiden Geschwistern . Blansche hielt sich kaum noch , ihr Bruder sah sie oft lang und forschend an . Wehet es Sie nicht zu kühl aus der offnen Thür entgegen ? fragte Philipp den Kranken . Dieser lächelte und machte eine verneinende Bewegung . Er schien schlafen zu wollen , die Wimpern senkten sich so bleiern nieder . Alle redeten nun leiser , das Licht ward unter einer gefärbten Glasglocke gedämpft , die mondhelle Nacht spielte in grüßenden Flämmchen durch die bewegten Zweige vor Thür und Fenstern , in den Blättern säuselte es hörbar durch die wispernden Worte . Blansche schlüpfte zur Thür hinaus . Alonzo sah sie in den dunkelsten Gängen langsam auf- und niedergehen . Er konnte nicht zurückbleiben , er folgte ihr unsicher und beklommen nach . Die Stirn an eine junge schlanke Birke , wie an Schwesterbrust gelehnt , unvermögend sich länger zu bezwingen , weinte das arme bekümmerte Kind aus voller heißer Seele . Alonzo faßte ihre Hand , sie wehrte es nicht , sie dachte nichts , sie fühlte nur den unaussprechlich tiefen Schmerz . Blansche , flüsterte er scheu und innig , meine arme Freundin , was ängstet Sie nur gerade jetzt so herzzerreißend , so unbezwinglich ? Er stirbt , ach Gott er stirbt ja ! schluchzte sie . Sehn Sie ' s denn nicht ! Sieht ' s denn kein Mensch als ich , welch ' ein Lächeln ihm den ganzen Tag schon um die Lippen schwebte , so lächeln nur Engel , das ist der Tod ! - Der Tod ! wiederholte Alonzo schaudernd ! ihm war als stoße er erst jetzt den kalten Stahl in des armen Türgis Brust ! Es schien ihm ganz unglaublich , ganz unerhört , daß es jemals dahin kam ! Wie im Traum blieb er vor Blansche stehn , er ließ ihre Hand fahren und sahe starr vor sich nieder . Ich konnte , klagte sie leise , länger die entsetzliche Angst nicht aushalten . Ganz langsam hörte ich den Todesengel heranrauschen und als Türgis die Augen senkte , da brach mir das Herz , da war mir ' s als sehe ich den dunkel glänzenden Fittig , der sein liebes , liebes Gesicht beschattete . Sich abwendend , weinte sie still in die kleinen , vorgehaltenen Hände . Ihre Thränen fielen brennend in Alonzos Herz , zerreißender als Vorwürfe es gekonnt , klagten sie ihn an , er hatte nicht den Muth , Blansche anzusehn , und eiskalt überlief es ihn , als sie plötzlich gefaßt und ernst sagte : die Mutter ahndet es nicht , sie ist so kindlich vertrauend , alles , alles überhört sie . Mein Gott , wie wird ihr sein , wenn nun der verhaßte graue Todtenmantel auf ihren Liebling niederfällt . Sie schlug die Augen bittend zum Himmel und ging langsam nach dem Hause zu . Alonzo wagte es nicht sie zu begleiten . Er blieb den einen Arm um die Birke geschlungen tiefsinnig zurück . Der weiße Stamm leuchtete so hell im Mondenlicht , die schwanken Zweige spielten kühlend um seine Schläfe , aber ihn konnte nichts erfreuen , nichts trösten . Das Leuchten und Flüstern jagte ihm nur Graus in die Seele , er wand sich von dem Baume wie aus Gespenstes Armen und schritt rasch durch die Gänge Blansche nach . Bei dem Kranken war es dunkler und stiller geworden . Frau von Saint Alban hatte sich entfernt , der Herzog und Philipp saßen etwas abwärts , ohne zu reden . Alonzo sah schüchtern umher , er glaubte dem Todesengel irgendwo zu begegnen . Ich bitte , sagte Blansche zu ihrem Oheim gewandt , lassen Sie uns noch einige Stunden hier versammelt bleiben , ich fürchte mein Türgis ist nicht mehr lange unter uns . Der Herzog strich ihr die blasse Wange und sah mit feuchten Augen auf das schmerzliche Beben ihrer Lippen , die nur mühsam die wenigen Worte herausbrachten . Er versprach zu thun was sie wolle