Zahl junger Herren und Mädchen ein Haschen spielte . Was war unschuldiger als dieses Kinderspiel und doch gehörte es nicht zu ihr , wie er sie gekannt , wie sie sich und ihre Stimmung und ihre Lebensweise in ihren Briefen dargestellt hatte ; sie hatte sich in einen Edelmut und Heiligkeit verwegen hinein geschrieben , die sie nun jeden Augenblick ableugnen mußte ; die Briefe waren kein Schattenriß von ihr , sondern eine abgestreifte glänzende Haut , von der sie sich gern zu gewissen Zeiten befreite , um dann um so gelenkiger in ihrer eigentlichen Natur sich zu bewegen . Das alles bemerkte der Graf mit einem tiefen Ingrimm , den er noch nie in sich gespürt ; fluchte , als sie einen jungen Mann erhaschte , der sich lange wehrte , bis sie die Binde sich von den Augen gerissen und ihn erkannt hatte . Nun kniete der junge Mann vor ihr nieder und sie verband ihm die Augen und spielte dann so artig mit den Händen vor ihm herum , ihn zu prüfen , ob er sehen könne , bis er die eine Hand ergriff und einen Kuß darauf drückte ; nun sprang der Malm gleichgültig auf und das Spiel begann in der bekannten Art. Der Graf dachte , wie dankbar er für solche Gunst würde gewesen sein , und da träumte er sich so hinein , daß seine Neigung die Eifersucht bald niedergekämpft hatte . Jetzt wurde sie wieder gefangen und augenverbunden ; er freute sich an ihren zierlichen Bewegungen , und als er sich an der Mauer möglichst genähert hatte , lief sie einmal wild suchend so schnell nach der Gegend , daß der Luftstrom das feine weiße Kleid so dicht anwehete , daß der ganze Umriß ihres schönen Wuchses deutlicher , als er ihn je gesehen , ihm entgegentrat : welche Fülle im schönsten Ebenmaße ! Jetzt hielt er sich nicht mehr , er sprang über die Mauer und mischte sich unter die laufende Menge , der es nicht befremdlich war , noch durch einen Gast vermehrt zu werden . Der Graf nahm sich absichtlich so ungeschickt , daß Dolores ihn fing ; wie war sie überrascht , als sie heißatmend ihre Binde lüftete , ihren Geliebten zu sehen , aber leider wie verändert . Das ärmliche eingezogene strengfleißige Leben hatte ihm wohl etwas von der Frische genommen , in der er das erstemal erschien , und die Liebe , die in ihm verschlossen , und die Sonne , in der er selig träumend , ihrer gedenkend , oft stundenlang gelegen , hatten ihn gebräunt ; mehr aber entstellten ihn in ihren Augen die verschossenen Kleider , die schmutzige Wäsche und vor allem die Vergleichung mit gar vielen schöneren , größeren Männern , die sie unterdessen kennen gelernt und die ihn zum Teil in der Gesellschaft neugierig umstanden . Damals in ihrer Einsamkeit war er ihr als der Schönste erschienen , so hatte sie ihn allen ihren neuen Bekannten beschrieben , damals hatte sie ihm rücksichtslos , weil niemand sie störte , jede Liebkosung gewährt , jetzt wäre ihre große Vertraulichkeit leicht ein Gegenstand übler Nachrede für die Mädchen der Gesellschaft geworden ; das alles wirkte auf sie , ohne daß sie es einzeln deutlich dachte ; so froh sie erst aufjauchzte bei seinem Anblicke , so folgte gleich eine verwundernde Stille . Der Graf wollte sie küssen , sie kam ihm etwas mit dem Munde entgegen , dann zog sie ihn wieder zurück ; der Kuß kam zustande , aber wie ein Wappenabdruck , wenn das Siegellack schon kalt geworden ; genug , die Wonne , die er in ihrem ersten Gruße erwartete , die fand er nicht . Das machte ihn nachdenkend ; statt der tausend Dinge , die sich ihr vorher mitteilen wollten , fiel ihm jetzt kaum ein unbedeutendes Wort ein zum herzlichen Gruße . Die Lebhaftigkeit der Dolores suchte das auszugleichen , und zu vergüten ; sie neckte alle , sie neckte ihn und suchte sich vor ihrem Geliebten in der ganzen Pracht ihrer neuen geselligen Ausbildung zu entfalten , die bei Mädchen des Alters häufiger als bei Männern in eine Art unbändigen Geschwätzes übergeht . Es war ein böser Streich , den ihr die Eitelkeit spielte ; dem Grafen schien es ein entsetzliches Geschrei ohne allen Sinn und Geschick , ein dummdreistes Zudecken der Verlegenheit mit Verlegenheit , unzierlich , leer und absprechend ; es schien ihm , all und jeder fände darin seine Stelle , nur er nicht mit seiner Gesinnung , mit seinem Ernst , mit seiner Laune - und nun schmerzte ihn die Abwesenheit der guten Klelia doppelt , die sicher alle schreiende Farben dieses Bildes in einen milden Schatten gestellt hätte . Gern wäre er mit Dolores einige Augenblicke allein gewesen , aber sie gab keine Gelegenheit dazu ; und da die Gäste keine Lust bezeigten , sich seinetwegen zu beurlauben , so entfernte er sich ihretwegen , indem er eine Ermüdung nach langer Reise vorschützte . Dolores glaubte daran und merkte nichts von seinem Unmute ; sie horchte , was jeder von ihm sagen würde , und lobte ihn allen mit vieler Beredsamkeit , bis einer ihr so heimlich schmeichelnd sagte : » Ich weiß nicht , ob Sie schöner oder gütiger sind , aber das weiß ich , Ihr Geist setzt alles durch , macht die Stummen geistreich ; gestehen Sie ' s nur , Sie selbst können nicht blind sein ? « - Sie lächelte und die Unterredung war aus , die Gesellschaft ging aus einander und einer sprach heimgehend zum andern : » Schade , hätte das hübsche Mädchen Geld , so brauchte sie den ungeschliffenen Grafen nicht zu heiraten ; lieben kann sie ihn unmöglich , ich hab ' s ihr wohl angemerkt . « - » Nun da gibt ' s gute Zeit für uns junge Leute « , meinte scherzend ein alter Hagestolz . Graf Karl sah die Gesellschaft die Straße herunter bei sich vorüber gehen , er