Kugel war durchs Herz gefahren . Den Tod hatte er also nicht empfunden . Seine Briefe blieben aus . Eine schwarze Ahnung trat in unsere Seelen . Die Sache selbst war gewiß , ehe die Bestätigung erfolgte . Endlich erfolgte auch diese . Die Mutter war trostlos ; denn es war ihr einziger Sohn , den sie verloren hatte , und dieser einzige Sohn war um so mehr ihr Stolz , je unerreichbarer ihr die Höhe war , auf welcher er als geistiges Wesen stand . Adelaide weinte ; allein ihr Kummer war weder tief , noch von Dauer ; die Wandelbarkeit ihres Wesens rettete sie von einem langen Schmerze . Ich - - Was soll ich von mir sagen ? Daß es keinen Ersatz für mich gebe , fühlte ich tief ; aber in der Größe meines Verlustes selbst lag ein Trost , der , wenn ich ihn auch auf niemand übertragen konnte , doch aufs bestimmteste von mir empfunden wurde . Nur das begränzte Etwas kann ein Gegenstand menschlicher Empfindung werden , und das Gemüth in angenehme oder unangenehme Bewegungen setzen ; das unendliche Alles ist immer nur ein Gegenstand des Geistes , und kann daher nie auf die Empfindung zurückwirken . Weil ich in Moritz untergegangen war , konnte ich nicht um ihn weinen . Eine zweite Alceste , hätte ich für ihn eben so bereitwillig sterben können , als er für sein eigenes Ideal gestorben war ; aber seinen Verlust bejammern konnte ich nicht . Er war ja nicht der Meinige , wie ich die Seinige war . Dem Gemahl hätte ich folgen müssen in den Tod ; den Bräutigam konnte ich um so eher überleben , weil es sehr problematisch war , ob das Verhältniß , worin ich mit ihm stand , so modifizirt werden konnte , daß aus dem Bräutigam ein Gemahl wurde . Denn nur seinem Ideale hatte Moritz gelebt . Wollte er sich mit mir verbinden , so mußte er aus seinem Wesen heraustreten . Konnte er das , wenn er es auch wollte ? Konnte er es nicht , so mußte zwischen uns eine Kluft befestigt bleiben , welche durch nichts auszufüllen war ; und die natürlichste Folge davon war , daß ich mich in einer ewigen Sehnsucht verzehrte . Und hatte ich durch seinen Tod das Mindeste an ihm verloren ? In sofern er für mich das Symbol des Schönen und Edlen war , existirte er für mich noch immer . Auf ihn mußte ich zurückkommen , so oft ich einen Maaßstab gebrauchte , das unsichtbare Große nach allen seinen Dimensionen zu erforschen . War er gleich nie der Meinige gewesen , und war es gleich jetzt physisch unmöglich geworden , ihn als Gemahl zu besitzen ; so konnte ich doch nie aufhören , die Seinige zu seyn und ihn mit aller der Hingebung zu lieben , die meiner durch ihn veredelten Natur eigen war . Ich sage nicht , daß ich in jenen Unglückstagen , wo Mutter und Schwester durch die Bestätigung seines schönen Todes zu Boden geworfen wurden , so dachte ; aber ich sage , daß ich so empfand , wenn es anders erlaubt ist , diesen Ausdruck da zu gebrauchen , wo Ruhe und Resignation obwalten . So also , und nicht anders , hätte ich mich gegen den Vorwurf der Fühllosigkeit vertheidigen müssen , wäre er mir gemacht worden . Ich würde sehr Wenigen verständlich geworden seyn ; aber alle diejenigen , welchen ein über die gewöhnlichen Schranken hinausgehendes Verhältniß nicht ganz unbegreiflich gewesen wäre , würden den Muth verloren haben , mich zu verdammen . Aller Widerspruch , den man an mir entdeckt zu haben wähnen konnte , lag nicht in mir , sondern in den mangelhaften Vorstellungen derer , die davon beleidigt waren . Man hätte mich , man hätte Moritz ganz kennen müssen , um zu begreifen , wie ich bei seinem Tode gelassen seyn konnte . Ich bin versichert , daß Moritz , wäre mir sein Schicksal zu Theil geworden , auch ruhig geblieben seyn würde , wiewohl ich von allen weiblichen Geschöpfen das einzige war , dem er wohlwollen konnte . Nur da , wo eine Identifikation zweier Wesen vorhergegangen ist , kann eine Trennung mit tödtlichen Schmerzen verbunden seyn ; nicht da , wo sie noch im Hintergrunde der Zukunft liegt und aus weiter Ferne winkt . Übrigens war es , in Beziehung auf Moritzens Mutter und Schwester , ein Glück für mich , daß ich mich genug für sie interessiren konnte , um mit ihnen zu weinen - nicht um Moritz , sondern aus jener reinen Sympathie , welche sich bei allen besseren , von keiner Art des Egoismus zusammen geschrumpften Menschen wiederfindet , so oft sie Thränen des Kummers oder der Freude vergießen sehen . Was beide beklagten , war für mich noch kein Gegenstand der Klage ; aber sie selbst waren Gegenstände des Mitleids , und so vermischten sich unsere Zähren , während der edlere Theil meines Selbst eben so unumwölkt blieb , als , nach dem Ausdruck des ersten aller Sänger , der Wohnsitz der seligen Olympier ist . So wenig war ich in meinem ganzen Wesen gestört , daß kein einziges meiner Geschäfte stockte . Es kam mir zwar vor , als wäre ich in vielen Dingen hurtiger und bestimmter geworden ; und in sofern dies wirklich der Fall war , konnte meine größere Hurtigkeit und Bestimmtheit nur daher rühren , daß mich das Problem , Moritz zu dem Meinigen zu machen , weniger beschäftigte . Ich kann aufs Heiligste versichern , das ich bei der Auflösung dieses Problems nie an seiner Rechtlichkeit zweifelte ; durch diese mußte er mir zu Theil werden . Das Einzige , was mir immer zweifelhaft blieb , war : Ob seine höhere Natur ihn , seinen Wünschen gemäß , zu mir hinführen würde ? Und bei diesem Zweifel mußte ich nothwendig sehr viel von meiner natürlichen Klarheit einbüßen . Zweites Buch Mein Verhältniß mit dem Herrn von Z