ansehen . Ich bin ihrer müde . Meinetwegen mag bewundern wer da will ; ich kann mir nicht helfen ! - Mein gesunder Menschenverstand sagt mir : es taugt nichts , und wird nie etwas taugen . - Wenn ich mir die Folgen dieser schrecklichen Überspannung denke , so weine ich vor Gram und Verdruß . Es ist Selbstmord ! ja , sagen Sie was Sie wollen ! es ist der grausamste , fürchterlichste Selbstmord . Mußte sie sich nicht einem Manne erhalten , der sie liebte , den sie lieben konnte ? - Darf sie sich muthwillig elend machen ? - Sie ist gut , ja sie ist besser als Alles was wir kennen und kennen werden ; aber einen Fehler hat sie doch : sie ist zu weich , und ohne Härte giebt es keine Tugend . Was wird nun diese übermenschliche Aufopferung hervorbringen ? - O Gott , ich darf nicht daran denken ! - Leben Sie wohl . Funfzigster Brief Reinhold an Wilhelmine Bestes Fräulein ! Das war nicht Ihr Ernst . Wie könnten Sie sich von Ihrer Julie trennen ; jetzt da sie Ihrer am meisten bedarf ? - Ich will sie nicht rechtfertigen ; aber das Mitleiden , die innigste Theilnahme ihrer Freundin darf ich für sie auffodern . Wie viel mag sie leiden ! - sich selbst hat sie verloren , nun soll sie auch noch ihre Wilhelmine verlieren . - Doch welch ein Geschwätz ! In der That ich verdiene eine Strafe , daß ich von einer kleinen Aufwallung so viel Wesens mache . Wilhelminen kennen und glauben , sie werde sich jemals von Julien lossagen ! Diese Lächerlichkeit springt in die Augen . - Kein Wort mehr davon ! Es wäre das was die Franzosen nennen : die Heiligen bekehren . Noch einmal ! ich wollte Julie nicht rechtfertigen ; aber mir selbst das alles begreiflich machen , der Versuchung konnte ich nicht widerstehen . Wenn sie nun - dachte ich - ihre Freiheit bewahrt hätte ? was würde die wahrscheinliche Folge gewesen seyn ? - Sie hätte einem Andern ihre Hand gegeben und ... wäre glücklicher geworden ? - Schwerlich ! gewiß nicht . Welcher Mann könnte dieser reinen Seele das seyn , was sie ihm seyn wird ? - In jeder menschlichen Verbindung wird sie aufopfern müssen . Nie wird sie an ein menschliches Wesen hinauf sehen und sich in seinem Anschauen mit Wohlgefallen vertiefen können . Nicht einmal ein ähnliches wird sie finden . Mit einem Worte ! hienieden ist kein eigentliches Glück für sie zu erwarten . Sicher hat sie auch längst Verzicht darauf gethan . Findet sie nur einen Mann , der sie begreift ; mehr darf sie nicht hoffen . Und , mein Fräulein , mögen wir es gestehen wollen oder nicht , diesen Mann hat sie gefunden . Hier , lesen Sie diese Briefe , und wenn Sie dann nicht überzeugt werden ; so gebe ich mich gefangen . Ein und funfzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Das habe ich nicht gewußt und - aufrichtig gesagt - das würde ich auf keinen Fall geglaubt haben . Sie selbst fodre ich auf ; wenn Sie diese Briefe nicht empfangen hätten ; würden sie geglaubt haben , der Obriste könne sie schreiben ? - Aber was beweisen sie denn nun , diese Briefe ? Daß er Julie begreift ? Immerhin ! aber denken Sie an mich ! dieses Begreifen wird Julie doppelt elend machen . Sich ganz zu ihr erheben ; das vermag er nicht . Die Fieberhitze giebt ihm jetzt Kraft ; aber diese Kraft wird mit dem Fieber verschwinden . Könnte Julie immer so unabhängig , so entfernt von ihm bleiben ; ich würde mich selbst zur Täuschung geneigt fühlen . Aber , geben sie Acht ! Sie ist in seiner Gewalt , und bey dem besten Willen wird jede Täuschung unmöglich . Der Obriste muß in seinen eigentlichen Charakter zurückfallen . Dann wird er seine Frau für eine Schwärmerin erklären , und diese Schwärmerey entweder verspotten , oder zu seiner Bequemlichkeit nutzen . Auf diese Weise endigt denn noch alles so ziemlich erträglich . Aber wie ? wenn er sich rächt für die Überlegenheit seiner Frau ? - Haben sie auch daran gedacht ? - Zwey und funfzigster Brief Reinhold an Wilhelmine Wahrlich , mein Fräulein ! Sie sehen weit in die Zukunft ; aber wer kann Sie darum beneiden ? - In der That ! ich halte Sie jetzt für die Unglücklichste von uns Allen . Warum nun der Hofnung so gänzlich entsagen ? warum nun das Schlimmste ergreifen ? - Der Obriste soll sich rächen für die Überlegenheit seiner Frau ? - Nein , mein Fräulein ! das liegt nicht in der männlichen Natur ; oder diese Überlegenheit muß sich auf eine sehr unliebenswürdige Weise ankündigen . Nur ein Pfaffe könnte mit einem Weibe um Reinheit des Herzens sich streiten . Könnte sich rächen , wenn sie mehr wäre , als er sich vorgenommen hätte zu scheinen . Der wahre Mann ist gewöhnlich zu sinnlich , zu sehr durch die Gegenwart gefesselt , zu sehr von ihr begünstigt , um mit dem Weibe hierinnen wetteifern zu wollen . Sein Reich ist ganz eigentlich von dieser Welt , und wenn es ihm in diesem Reiche nicht gar zu übel ergehet ; so denkt er nur spät an das Andre . Überdem bietet ihm ja diese Reinheit so manches Ruhekissen für seine irdischen Wünsche . Wo er hervortreten will , da zieht sie sich zurück , wo er erndten will , da hat sie niemals gesäet . Mit einem Worte ! hier ist kein Wetteifer möglich . Weswegen soll er sich rächen . Aber Oliviers Eifersucht kann erwachen . Und freilich , hier gestehe ich Ihnen , wird mir bange . Doch was kann diese Bangigkeit helfen ! Julie hat entschieden , und wir vermögen nichts , als ihr Schicksal zu mildern . Drey und funfzigster Brief Olivier an Reinhold Morgen reiset der König