schweigen ! - ich ertrage die Erinnerung nicht ! - Noch immer hoffte ich , daß die unglückliche Stunde keine weitern Folgen haben würde , und brachte es endlich dahin , Röschen das nemliche glauben zu machen . Aber leider sahen wir nur zu bald , daß wir uns geirrt hatten , und daß es nothwendig war , Röschen auf das schleunigste vor den Beobachtungen der Bedienten zu schützen . Der Nachsicht meiner Tante gewiß , wollte ich ihr alles entdecken . Aber Röschen versicherte : daß sie lieber in den Tod gehen , als sich dieser Schande aussetzen würde . Vielleicht wäre es noch möglich gewesen , sie zu bereden , wenn nicht gerade jetzt Friedrichs eifersüchtige Tücke sie aufs Aeußerste gebracht hätte . - Schon lange war unser Einverständniß von ihm bemerkt worden , und er hatte nur bis jetzt den Unwissenden gespielt , um sich plötzlich auf das Empfindlichste zu rächen . Erbittert , daß die Gelegenheit dazu noch immer nicht erschien , konnte er sich nicht enthalten , Röschen mit äußerst kränkenden Anmerkungen zu verfolgen . Das unglückliche Mädchen , war ihrer Schuld sich bewußt , und hatte stillschweigend alles erduldet . Aber das war Friedrichs Plane zuwider . Er wünschte zu größern und öffentlichern Mißhandlungen berechtigt zu werden , und da er sich hierin getäuscht fand ; so beschloß er auf eine andere Weise - es koste was es wolle , seine Rache zu befriedigen . Siebentes Kapitel Leider war ich genöthigt , mich wegen einer Erbschaftsangelegenheit auf einige Tage zu entfernen . Erst nach meiner Rückkehr sollte für Röschen gesorgt werden . Ihr Zustand hatte sie mir doppelt interessant gemacht , und ich hoffte noch immer , sie in meiner Nähe behalten , und meine Tante für sie gewinnen zu können . Die Unglückliche ! warum ahnete sie allein , was ihr bevorstand ! - warum konnte ich mich , ohngeachtet ihrer rührenden Bitten , aus ihren Armen reißen ! - Nein , niemals würde ich mich von ihr getrennt haben , wenn ich gewußt hätte , was ihr drohte . Kaum hatte ich mich entfernt , als Friedrich zu Röschens Vater eilte , ihm unser ganzes Verhältniß entdeckte , und den ohnehin jähzornigen Mann bis zur rasendsten Wuth erbitterte . Ein Brief voll der fürchterlichsten Drohungen meldete Röschen seine nahe Ankunft . Dies war genug um das bedauernswürdige Mädchen zur Verzweiflung zu bringen . Sie kannte ihren Vater und hoffte kein Erbarmen von ihm . Ohne Rath , ohne Schutz und ohne Trost , glaubte sie nur durch eine schleunige Flucht sich vor seinem Zorn sichern zu können . Ich kam zurück - und niemand wußte wo sie geblieben war . Mein Schrecken bey dieser Nachricht , mein Gram da ich nach unzählig mißglückten Versuchen , endlich die Hoffnung sie wieder zu finden , aufgeben mußte - wer begreift das nicht ? wem brauche ich es zu schildern ? - Wie ein Verbannter irrte ich umher . Das Leben , ich selbst , alles war mir verhaßt - und wahrscheinlich würde ich einer unheilbaren Melancolie nicht entgangen seyn ; hätte mich nicht Heinrich gerade jetzt an die Reise nach Italien erinnert . Diese Reise , war längst unter uns verabredet ; er hatte in Berlin alles dazu veranstaltet , und erwartete jetzt nur meinen letzten Entschluß . Achtes Kapitel Da waren wir denn in dem Lande der schönen Wunder ! Heinrichs Entzücken stieg jeden Augenblick ; aber für mich blieben sie todt , die Werke der unsterblichen Kunst . Nur einem kraftvollen Herzen offenbart sich ihr hoher Geist - das Meinige war durch die Leidenschaften entnervt . Aber der üppige Himmel wirkte desto mehr auf meine gereitzten Sinne . Bald entflohen alle traurigen Vorstellungen , und mein kochendes Blut mahnte mich nur zu sehr , daß ich mich in dem Lande des Genusses befände . Die italiänischen Frauenzimmer haben ein zu günstiges Vorurtheil für alles , was einem deutschen Manne ähnlich sieht , als daß ich lange nach Abentheuern hätte schmachten müssen . Im Gegentheil bothen sie sich mir so häufig an , daß nur die Wahl mich verlegen machen konnte . Aber diese Verlegenheit verschwand , sobald die Marquise P. mich mit gütigem Auge bemerkte . Sie wollte gefallen und - sonderbar genug - demohngeachtet gefiel sie wirklich . Ihre außerordentliche Schönheit , ihr blendender Witz rissen auch dann noch hin , wenn man am meisten auf seiner Huth zu seyn glaubte . Bald sah man sich gefesselt , und verlohr mit der Freiheit die Neigung ihren Verlust zu beklagen . Die italiänischen Frauenzimmer sind wohl geneigt mit Grausamkeit zu endigen ; aber nicht , wie die deutschen , damit anzufangen . Die Marquisin blieb der Sitte ihres Landes getreu , und bald waren wir auf das Innigste mit einander verbunden . - Will man eine sinnliche Anhänglichkeit Liebe nennen , so muß man gestehen : daß die italiänischen Frauenzimmer lieben , statt daß die deutschen sich nur lieben lassen . Die Deutsche ist glücklich , wenn sie umarmt wird - die Italiänerin will selbst umarmen - und das , was in Deutschland Verderbniß und Unnatur heißen würde , ist in der Nähe des Vesuvs Natur . Neuntes Kapitel So sehr mir die Marquise den Aufenthalt in Neapel interessant machte , so unangenehm war er für Heinrich . Er litt unbeschreiblich unter dem Einflusse des brennenden Himmels , und sehnte sich nach Raphaels unsterblichen Werken zurück , um seine Phantasie wieder mit erhabenen Bildern anzufüllen . Vergebens war mein Rath , sich dem Einflusse des Clima ' s nicht zu widersetzen - vergebens mein Spott , da mein Rath nichts helfen wollte . Er wankte nicht in seiner unerbittlichen Strenge gegen sich selbst . » Nein ! « rief er - » ich kann mein edleres Selbst nicht dem unedleren aufopfern ! « - » Edleres ! unedleres Selbst ! « - wiederholte ich - » welche verworrene Begriffe ! Ist irgend etwas unedel , was die Natur befiehlt ? « -