daß diese ironische Art zu fragen nicht mit einer andern vermengt werden muß , deren er sich , gewöhnlich in Verbindung mit der Induction , als einer Lehrart bei seinen Freunden ( am häufigsten bei jungen Leuten ) bedient , und in welcher , wenn ich nicht irre , seine Kunst den Seelen zur Geburt zu helfen besteht , deren ich in einem meiner vorigen Briefe gedacht habe . Die Fragen werden in dieser Absicht immer so gestellt , daß der Gefragte die rechte Antwort entweder gar nicht verfehlen kann , oder falls er sie verfehlte , durch die Folgerungen , welche vermittelst neuer Fragen aus seiner Antwort hervorgelockt werden , sich selbst gar bald von ihrer Unrichtigkeit überzeugen muß . Diese Lehrart , außer dem daß sie die leichteste und populärste ist , scheint mir vorzüglich darin auf den besondern Charakter der Athener berechnet zu seyn , daß sie die Aufmerksamkeit des Lehrlings fester hält , und indem sie dem Lehrer das Ansehen gibt , als ob er selbst durch seine Fragen erst belehrt zu werden wünsche , die Rollen gleichsam verwechselt und den Lehrer zum Schüler macht oder wenigstens beide auf gleichen Fuß setzt , nämlich in aller Gelassenheit etwas mit einander zu suchen , das keiner von beiden hat , und woran beiden gleich viel gelegen ist . Er weiß es dann immer ohne Mühe so einzurichten , daß der Lehrling das schmeichelhafte Vergnügen hat , derjenige zu seyn der das Gesuchte findet , wiewohl dazu eben keine große Scharfsichtigkeit erfordert wird ; denn er bringt ihn unvermerkt Schritt vor Schritt so nahe zu der Sache hin , daß er endlich mit der Nase darauf stoßen muß . Ein Beispiel wird dir dieß am besten erläutern . Es war dem Sokrates darum zu thun , den Begriff eines seiner Lehrlinge von der Religiosität gegen die Götter ins Reine zu bringen . Daraus entstand der folgende Dialog.57 Sokrates . Sage mir , Euthydem , was hältst du von der Gottesfurcht ? Euthydem . Ich halte sie für etwas sehr Schönes . Sokrates . Kannst du mir also sagen , was du unter einem gottesfürchtigen Menschen verstehst ? Euthydem . Einen der die Götter in Ehren hat . Sokrates . Steht es aber bloß in eines jeden Willkür , auf welche Weise er die Götter ehren will ? Euthydem . Nein ; sondern es sind Gesetze vorhanden , deren Vorschrift man hierin zu befolgen schuldig ist . Sokrates . Wer diese Gesetze befolgt , wüßte der also nicht , wie man die Götter zu ehren schuldig ist ? Euthydem . Ich sollt ' es denken . Sokrates . Wer nun weiß wie er die Götter zu ehren schuldig ist , glaubt also nicht , daß er es auf eine andere Art zu thun schuldig sey , als wie er es weiß ? Euthydem . Gewiß nicht ! Sokrates . Meinst du daß es einen Menschen gebe , der die Götter anders ehrt als er glaubt daß er es zu thun schuldig sey ? Euthydem . Ich sollt ' es nicht meinen . Sokrates . Wer also weiß , was die Gesetze in Betreff der Götter verordnen , ehrt der die Götter gesetzmäßig ? Euthydem . Allerdings . Sokrates . Und wer sie gesetzmäßig ehrt , ehrt sie wie es seine Schuldigkeit ist ? Euthydem . Wie könnt ' er denn anders ? Sokrates . Wer sie also gesetzmäßig ehrt , ist gottesfürchtig ? Euthydem . Ganz unläugbar . Sokrates . Wir haben also den Begriff des Gottesfürchtigen richtig bestimmt , wenn wir sagen : es sey derjenige , der da weiß , was die Gesetze in Betreff der Götter verordnet haben ? Euthydem . So dünkt mich ' s. Ich sehe dich zu dieser Manier den Seelen zur Geburt zu helfen die Achseln ein wenig zucken , Kleonidas ; - - unter uns gesagt , auch ich habe schon oft große Noth gehabt , die meinigen bei solchen Gelegenheiten im Respect zu erhalten . Aber es ist nun nicht anders . Dieß ist einmal seine Manier , und du wirst wenigstens gestehen müssen , daß Mangel an Deutlichkeit nicht ihr Fehler ist . - » Sie ist nur gar zu deutlich , hör ' ich dich sagen . Was soll man von dem Verstande der jungen Athener denken , wenn sie einer so wortreichen Methode nöthig haben , um einen so leichten Satz zu begreifen ? Und das Schlimmste ist denn noch , daß er nicht einmal wahr ist . Denn es ist doch ein täglich vorkommender Fall , daß einer recht gut weiß , was er nach dem Gesetz zu thun schuldig ist und es doch nicht thut . « - Auf das letztere hab ' ich dir keine andere Antwort zu geben als , bei Sokrates ist zwischen Wissen und Ausüben dessen was pflichtmäßig ist kein Unterschied , und er bemüht sich , auch seine Zöglinge so zu gewöhnen . Was aber die Lehrart betrifft , wovon ich dir ein Beispiel aus Tausenden gegeben habe , so weiß ich mir die Sache selbst nicht anders zu erklären , als daß er sie nöthig gefunden haben muß , um die unsägliche Flatterhaftigkeit der jungen Leute in Athen , wenigstens einige Minuten lang , bei dem nämlichen Gegenstande festzuhalten . Hätte er zu Cyrene oder Korinth oder Theben gelebt , so würde er vermuthlich gefunden haben , daß er auf einem kürzern Wege zum Ziele kommen könne . Aber nun ist ihm diese Methode so sehr zur Gewohnheit geworden , daß er sie auch bei solchen Personen gebraucht , bei denen sie keine gute Wirkung thut . Ich wenigstens bekenne , daß ich schon mehr als einmal alle meine Geduld aufbieten mußte , um die Ehrerbietung nicht aus den Augen zu setzen , die jedermann , und ein junger Mensch mehr als irgend ein anderer , einem Greise schuldig ist , der an Naturgaben und Geisteskräften den Besten gleich ist , an sittlicher Vollkommenheit vielleicht alle übertrifft ; und