immer gefunden , rechtschaffen , aber hart ! “ „ Hart ? Nein wahrhaftig , die Strafe , die für diesen gewissenlosen Mann zu hart wäre , müßte erst ersonnen werden . Meine Phantasie ist nicht grausam genug dazu ! “ Er betrachtete Ernestinen mit tiefer Trauer . „ Sie sind ermattet , sind der Ruhe bedürftig — “ Er erwartete eine Antwort . Sie erfolgte nicht . Die sinkende Sonne warf ihre roten Strahlen in das Zimmer . Ernestine stand stumm mit verschlungenen Armen , als wolle sie sich mit letzter Kraft in sich zusammenfassen . Leuthold hatte den Kopf in die Hand gestützt und regte sich nicht . Johannes nahm seinen Hut : „ Leben Sie wohl , Ernestine ! Gestatten Sie mir , daß ich morgen um diese Zeit wiederkehre , um mich nach den Entschlüssen Ihres Oheims zu erkundigen . “ Er trat ihr einen Schritt näher : „ Ich will Ihnen nicht lästig fallen , gönnen Sie mir diese Sorge für Ihr Schicksal , nur diese Sorge fordere ich noch als mein Freundesrecht — weiter nichts , gewiß — nichts weiter . “ „ Nichts weiter — “ klang es bitter in Ernestinen nach und ohne ein Wort , einen Blick , nur mit einem kalten Neigen des Hauptes entließ sie ihn . „ Er liebt mich nicht , “ sagte sie zu sich selbst und ihr Herz war wie in Eis getaucht . — Er sorgte für sie als Mann von Ehre , aber nicht als Liebender . Er wußte ja , daß sie ihm gut war , sie hatte es ihm ja nicht verhehlt . Er hatte das Hindernis der Vereinigung in Gestalt seiner engherzigen Bedingungen zwischen sie und ihn getürmt , er wußte , daß nur diese sie trennten und er verzichtete lieber auf Ernestinen als auf seinen Eigensinn ? ! Er forderte von ihr jedes Zugeständnis , ohne selbst das kleinste zu machen ? Nein , der Oheim hatte Recht , er hatte sie nie geliebt . Wie konnte sie sich ihm jemals nähern ohne den Beweis , daß sie auch wirklich begehrt sei ? Wie konnte sie sich durch die verlangten Opfer demütigen mit dem furchtbaren Zweifel , er habe sie nur gefordert der Überzeugung , sie werde sie nicht bringen ? Das kleinste Entgegenkommen seinerseits , das leiseste Zeichen , daß er , um sie zu besitzen , von dem Grundsatz abstehen wolle , der sie von ihm schied , hätte sie neu erwärmt und glücklich gemacht . Aber von heute an war keine Vereinigung mehr denkbar , es war vorbei . Leuthold störte sie aus ihrem Sinnen auf . Er hatte währenddessen das Zimmer verlassen und war mit einem Briefe zurückgekehrt . Er trat mit der Miene eines zum Tode Entschlossenen vor seine Nichte hin : „ Lies das und dann zeige Dich mir in Deiner ganzen Größe ! “ Ernestine entfaltete befremdet das Schreiben . Es war ein Brief des Werkmeisters vom Tag zuvor . Er enthielt in wenig Worten die Nachricht , daß die Gant erkannt101 und Leuthold zu Grunde gerichtet sei . Wenn er nicht schleunigst fliehe , so ereile ihn unvermeidlich die Strafe seines Verbrechens . Ernestine las und las wieder , sie schien nicht recht begreifen zu können . „ Was bedeutet das ? “ fragte sie endlich . „ Das bedeutet , daß Möllner Recht hat , wenn er mich einen Fälscher , einen Dieb nennt . “ „ Oheim ? ! “ rief Ernestine in tödlichem Schreck . „ Die Kapitalien , die in der Unkenheimer Fabrik verloren gingen , waren die Deinen — “ stöhnte Leuthold . „ So hast Du mich um mein Vermögen gebracht ? “ fragte sie leise , Leuthold stand da , ein Bild der Zerknirschung : „ Ja ! “ Er schwieg , Ernestine stieß einen dumpfen Schrei aus und trat von ihm zurück . Er schöpfte mühsam Atem und fuhr fort : „ Jenem Manne konnte und wollte ich nichts bekennen . Es gibt nur eine Seele auf Erden , die groß genug ist , mir zu verzeihen und sie soll mich in meiner ganzen Schwäche sehen . — Ernestine , ich nannte Dir vorhin schon die Gründe der Liebe und Sorgfalt , die mich bestimmten , Dir Deine Mündigkeit zu verschweigen . Wenn ich in meinem Leben jemals gewissenhaft und uneigennützig handelte , so war es da . Glaubst Du mir das ? “ „ Ich will es glauben ! “ „ Ich ahnte nicht , in welch verhängnisvolle Versuchung ich mich dadurch führte . Die Folge meiner Handlungsweise in dieser Sache war die : Ich mußte das Kapital , welches Dir mit achtzehn Jahren zufiel , ohne Dein Wissen herausziehen und es eigenmächtig verwalten , wenn ich Dir nicht entdecken wollte , daß Du mündig seist . Ich entschloß mich dazu in der festen Absicht , nur für Dein Wohl zu sorgen . Ich machte die Fälschung , damals noch nicht ahnend , welch eine harte Strafe mir daraus erwachsen würde ! — Monatelang hatte ich nun Dein Eigentum in meiner Verwahrung und hütete es wie meinen Augapfel . Bis dahin war ich ein rechtschaffener Mann , wenn ich auch aus guter Absicht gegen den Wortlaut des Gesetzes gefehlt . — Jetzt , Ernestine , kam der Wendepunkt in meinem Leben und ich flehe Dich an , leihe dem furchtbaren Bekenntnis ein nachsichtiges Ohr . In jener Zeit machte der Bruder der Staatsrätin Möllner Bankrott und die Unkenheimer Fabrik ward unter den vorteilhaftesten Bedingungen zum Verkauf ausgeschrieben . Das war die Versuchung , der ich erlag . Kannst Du Dir denken , wie das Herz eines Geschäftsmannes an dem Unternehmen hängt , dem er lange vorgestanden , das im eigentlichen Sinne das Werk seines Geistes , seiner Hände ist ? So erging es mir . Mit bitterem Schmerz hatte ich das blühende Geschäft , dem ich meine besten Jahre gewidmet , weggegeben — und nun war es wieder frei . Unverstand und