er ihre Beantwortung nicht wohl weiter hinausschieben und den Nichtbesuch seiner drei Vorlesungen , denn es war wieder Freitag , sich eher zum Verdienst als zur Versäumnis anrechnen konnte . Die Hulen , die von Zeit zu Zeit auf ihren altberlinischen , aus allerlei Tuchecken zusammengenähten Filzschuhen durch das Zimmer ging , sah mit Kopfschütteln , wie die Zahl der auf dem Sofatisch ausgelegten Briefe von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs , einige noch nicht fertig und nur erst auf der ersten Seite beschrieben . Denn Lewin haßte das Aufstreuen , ein Punkt , in dem er ausnahmsweise mit Kathinka übereinstimmte . » Ein Liebesbrief mit aufgestreutem Sand « , pflegte diese zu sagen , » da wird die Liebe gleich mit verschüttet und begraben . « Er schrieb schon zwei Stunden , aber der Hauptbrief war noch ungeschrieben , der an Renate . Er hatte ihn sich bis zuletzt aufgespart ; das Plaudern mit der Schwester sollte ihn schadlos halten für die Mühen oder gar den Zwang alles dessen , was voraufgegangen war . Der Brief an Faulstich war eine literarische Abhandlung , der an Tante Amelie wie gewöhnlich ein Eiertanz gewesen ; das lag nun endlich hinter ihm , und er konnte sich erholen und die Feder frei laufen lassen . » Liebe Renate ! « so schrieb er , » wir haben heute den 29. , und es ist nicht ohne Beschämung , daß ich auf das Datum Deines Briefes aus der Mitte des Monats sehe . Meine flüchtige Antwort darauf war keine Antwort . Laß mich versuchen , Versäumtes nachzuholen . Diese und die letzte Woche , wie Du aus den Zeitungen ersehen haben wirst , haben allerlei Dinge von Wichtigkeit gebracht ; was Papa mir schrieb , hat sich bestätigt . Der Einsegnung des Kronprinzen folgte die Abreise des Königs nach Breslau ; der ganze Hof begleitete ihn , auch die Garden . Potsdam ist seitdem wie ausgestorben , wovon wir uns bei Gelegenheit einer nach Lehnin hin unternommenen Partie durch den Augenschein überzeugen konnten . Von dieser Partie , die letzten Dienstag stattfand , möchte ich Dir nun wohl erzählen . Du weißt , oder vielleicht auch nicht , daß Lehnin ein altes Zisterzienser-Kloster ist ; die meisten der Askanier wurden dort begraben , auch einige von den Hohenzollern ; Johann Cicero , wenn ich nicht irre , und Joachim Nestor . Aber diese beiden standen kaum in ihrer Gruft , so kam die Säkularisation , und ihre großen Metallsärge wanderten aus der Klosterkrypta in die Krypta des Berliner Doms . Es gibt auch eine Lehninsche Weissagung , Vaticinium Lehninense , hundert lateinische Verse , die den Untergang der Hohenzollern und die Wiederaufrichtung des katholischen Glaubens in Mark Brandenburg prophezeien ; aber alles sehr dunkel und unbestimmt , so daß man , wie so oft , bei einigem guten Willen auch gerade das Gegenteil herauslesen kann . Auf dieses Lehnin nun war in voriger Woche das Gespräch gekommen , und der Geheimrat , der einige Verse aus der ihm durch unseren alten Direktor Bellermann vor Jahr und Tag schon bekannt gewordenen Weissagung rezitierte , verriet plötzlich einen lebhaften , an ihm ganz ungewohnten Enthusiasmus , das Kloster kennenzulernen . Bei aller Hochachtung gegen ihn möcht ich im Vorübergehen doch die Vermutung aussprechen , daß er sich in dem Gedanken gefiel , an Ort und Stelle seine Vorträge fortsetzen und uns durch eine Art mittelalterlicher Klassizität imponieren zu können . Aber sein Enthusiasmus hielt nicht vor , und als der Dienstag herankam , stand er von der Teilnahme ab . Jürgaß war schon vorher zum Reisemarschall ernannt worden . Natürlich durch Kathinka . Außer ihr und dem engeren Ladalinskischen Kreise waren die Grafen Matuschka , Seherr-Toß und Zierotin samt ihren jungen Frauen mit von der Partie . Es gab eine Überraschung nach der andern ; Jürgaß bewährte seinen alten Ruf als Festordner ; die Matuschka war reizend , und ich hatte den Triumph , Kathinka eifersüchtig zu sehen . Auf der Rückfahrt fuhren wir eine hübsche Strecke zusammen . Ich sagte ihr herzliche Worte , vielleicht mehr als das , und sie nahm sie freundlich auf . Bninski verläßt uns bald ; er geht auf seine Güter und von da nach Warschau , um sich dem Vizekönig , mit dem er befreundet ist , zur Verfügung zu stellen . Zu Poniatowski steht er nicht gut . Es wäre Torheit , wenn ich wegleugnen wollte , daß ich den Tag seiner Abreise herbeiwünsche . Kathinka zeichnet ihn aus ; aber es ist nicht ihre Art , sich mit Abwesenden zu beschäftigen oder Erinnerungen zu leben . Sie gehört der Stunde , und die Stunde , so scheint es , ist mir günstig . Ich glaube wieder an die Möglichkeit meines Glücks . Sie schrieb mir neulich : Sieh nicht Gespenster , Lewin . Und nun laß mich fragen , wie steht es in Hohen-Vietz ? Was machen die Freunde : Seidentopf , die Schorlemmer , Marie ? Denke Dir , ich träumte diese Nacht von ihr , und als was sah ich sie ? Als Braut . In einem langen , langen Schleier stand sie vor dem Altar ; aber es war nicht der Altar der Hohen-Vietzer Kirche . Ihr Kleid war weiß und leicht wie der Schleier und mit Sternchen übersät . Sie sah sehr schön aus , und wer meinst Du , daß ihr Bräutigam war ? Drosselstein . Nicht unser alter , sondern ein junger ; groß und schlank und in eine Uniform gekleidet , in der ich unseren Hohen-Ziesarschen Freund nie gesehen habe . Als ich mich heute früh des Traumes entsann , mußt ich an das denken , was Du so oft über Marie gesagt hast : Du würdest dich nicht wundern , eine goldene Kutsche bei Kniehases vorfahren und die kleine Prinzessin mit verweinten und zugleich freudestrahlenden Augen neben ihrem Prinzen Platz nehmen zu sehen . Du hast ihr Wesen darin getroffen . Es war doch nur in der Ordnung ,