Mannes - als , um das Haus zu sehen , und wenn es das Glück wollte , durch eine Ritze in dem Fensterladen vielleicht , den , der es bewohnte ! Denn vor ihn hinzutreten , ihm Aug ' in ' s Auge zu schauen , ihm die Arme um den Nacken zu schlingen , wie mein Herz mich hieß - das wagte ich nicht zu hoffen , durfte ich nach dem , was geschehen , nicht zu hoffen wagen . Hatte doch in den kurzen Briefen , mit denen er meine Briefe beantwortete , während der langen sieben Gefängnißjahre nie ein Wort der Liebe , des Trostes , der Verzeihung gestanden ! Ja , mein letzter Brief vor acht Tagen , in welchem ich ihm zu seinem siebenundsechzigsten Geburtstage im Voraus Glück wünschte , und daß dieser Tag der Tag meiner Befreiung sein werde , und ob ich wagen dürfe , an diesem Tage - ein anderer und hoffentlich besserer Mensch - vor ihn zu treten - dieser Brief , den ich , nassen Auges , mit zitternder Hand geschrieben , er war nicht beantwortet worden . Von den hohen Dächern und spitzen Giebeln , von den flatternden Wimpeln der Schiffe im Außenhafen , von den beiden Kirchthürmen endlich war der rothe Abendschein geschwunden ; leichter Nebel stieg aus den Wiesen und Feldern , die sich von den Haidehügeln zur Stadt zogen . Auf der mit schlanken jungen Pappeln besetzten Chaussee fuhr die Post vorüber ; ich verfolgte den langsam dahin rollenden Wagen von Baum zu Baum , bis er hinter den ersten Häusern der Vorstadt verschwand . Hier und da auf den schmalen Fußpfaden zwischen den Feldern bewegten sich die Gestalten von Arbeitern nach der Stadt zu , und auch sie verschwanden . Tiefer sank der Abend herein , dichter wurden die Nebel auf den Gründen ; nichts Lebendes war noch zu erblicken , nur ein paar Hasen , die auf einem Stoppelfeld Männlein machten , und ein ungeheurer Schwarm von Krähen , der aus dem benachbarten Tannenwalde , wo ich sonst mit meinen Kameraden » Räuber und Gensd ' arm « gespielt , krächzend im schwärzlichen Gewimmel , dunkel sich abhebend von dem lichteren Abendhimmel , nach den alten Kirchthürmen zog . Jetzt war die Stunde gekommen . Ich richtete mich auf , hing das Bündel wieder über den Stock und ging langsam den Hügel hinab durch die nebeligen Felder den Weg zur Stadt . Auf einer abgelegenen Stelle der Anlagen machte ich noch einmal Halt - es war mir noch nicht dunkel genug . Ich fürchtete mich vor Niemand und brauchte mich vor Niemand zu fürchten . Selbst vor meinem großen Feinde , dem Justizrath Heckepfennig , wenn ich ihm begegnet wäre , ja vor den unnahbaren Männern Luz und Bolljahn , den Stadtdienern , hätte ich nicht die Augen niedergeschlagen oder mich auf die Seite gedrückt , und dennoch - es war mir noch nicht dunkel genug . Und nun rauschte es lauter in der halbentblätterten Krone des Ahorn , an dessen Stamm ich lehnte , und aufblickend , sah ich einen Stern durch die Zweige schimmern - nun mochte es sein . Wie dumpf meine Schritte in den leeren Gassen hallten ! und wie dumpf mir das Herz schlug in der gepreßten Brust ! Als ich durch die Rathhaushalle ging , stand Vater Rüterbusch , der Nachtwächter , - noch im bloßen Kopf und ohne sein Wehr und Waffen - vor dem Wachlokal und schaute nachdenklich auf den leeren Tisch und die ausgeschnittene Tonne von Mutter Möller ' s Kuchenstand , während über uns die Glocke auf dem Thurm der Nikolaikirche acht schlug . War Mutter Möller gestorben , daß Vater Rüterbusch so nachdenklich auf die leere Tonne blickte , und nicht einmal ein Auge hatte für seinen alten Bekannten aus der Custodie ? Gestorben ? Warum hätte sie nicht sterben können ? es war eine alte Frau gewesen , als ich sie zuletzt gesehen , just so alt wie mein Vater - sie hatte es mir einst selbst gesagt , als ich mein Taschengeld bei ihr vernaschte . So alt wie mein Vater ! - Ein rauher Wind strich durch die Halle : mich schauderte vom Kopf bis zu den Füßen , und mit eiligem Schritt , der beinahe zum Laufen wurde , hastete ich über den kleinen Marktplatz die abschüssigen Straßen hinunter nach dem Hafen . Da war die Hafengasse und da war das Haus ! Gott sei Dank ! Es schimmert Licht durch die Läden der beiden Fenster linker Hand . Gott sei Dank ! Und jetzt wollte ich , jetzt mußte ich thun , was ich damals gemußt und auch gewollt , und doch nicht gethan ; hineingehen zu ihm und zu ihm sprechen : vergieb mir ! Ich faßte den Messinggriff der Thür - wieder lag er wie Eis so kalt in meiner heißen Hand . Die Glocke an der Thür that einen schrillen Ruf und bei dem Ruf erschien auf der Schwelle des Zimmerchens zur rechten Hand , just wie an jenem verhängnißvollen Abend , das treue Riekchen . Nein , nicht just wie an jenem Abend . Ihre kleine , altergekrümmte Gestalt war in ein schwarzes Gewand gekleidet und ein schwarzes Band war an der schneeweißen Haube , deren breite Frisur strahlenförmig das runzlige Gesicht umgab . Und aus dem runzligen Gesicht flirrten die rothen , verweinten Augen nach dem Ankömmling . » Rieke , « sagte ich - es war Alles , was ich hervorbringen konnte ! » Georg , guter Gott ! « schrie die Alte , mit hocherhobenen Händen auf mich zuwankend , » Georg ! « Sie hatte meine beiden Hände ergriffen und starrte schluchzend , während ihr die Thränen stromweise über die gefurchten Wangen rollten , mit bebenden Lippen , sprachlos zu mir auf . Sie brauchte nicht zu sprechen ; ich fragte nicht , was geschehen sei ; ich fragte nur : » wann ? « » Heute sind es acht