Vater war ja unten ! Er wartete eine kleine Weile ; er meinte , der Freiherr werde , da er nun im Hause sei , zu seinen Pflegeeltern kommen und ihn rufen lassen . Er horchte , ob die Thüre nicht aufgehe , ob Niemand die Treppe emporsteige , ob der Wagen fortfahre . Es blieb Alles still . Mit Einem Male sagte er sich : Wenn der Wagen fortfährt , dann ist es zu spät , dann ist Er auch fort ! - und wie ein Pfeil schoß er die Treppen hinunter . Er öffnete die Stube , welche an den Laden anstieß ; es war Niemand darin . Er suchte Seba , er hätte sie etwas fragen mögen , aber er mochte sich nicht noch einmal entfernen . Die Thüre nach dem Laden war nur angelehnt ; er drückte sie behutsam weiter auf . Nun konnte er die Stimmen unterscheiden und hören , was man sprach ; aber nur Herr Flies und eine Dame redeten . Sollte mein Vater schon fortgegangen sein ? fragte er sich , und das Verlangen , sich zu überzeugen , trieb ihn vorwärts . Wenigstens sehen wollte er seinen Vater doch . Er trat in den Laden hinein , man bemerkte es nicht , und doch mußte er mit beiden Händen den Tisch anfassen , um nicht aufzuschreien . Ja , das war er ! Nun kannte er ihn ! Das war sein Vater , sein lieber Vater ! Nun besann er sich auf Alles ! Wie oft hatte er ihn in die Höhe gehoben , wie oft hatte er ihn geküßt , sein Vater , der Onkel Baron ! Auf seinen Knieen hatte er ihn reiten lassen ; auf dem Stuhle hinter dem Onkel Baron hatte er gestanden und seine kleinen Arme um dessen Hals geschlungen , bis der Onkel ihn zu sich gezogen und ihm die Geschichte erzählt hatte , die Geschichte - auf die er sich nicht mehr recht besinnen konnte und die ihm doch noch immer in den Sinn kam . - Sein ganzes Herz flog dem Freiherrn entgegen . Onkel Baron , lieber Vater ! wollte er rufen im vollen Glücksgefühle - aber er ist ja nicht Dein Onkel , sagte er sich , und Vater darfst Du ihn nicht rufen , denn er will nichts von Dir wissen , weil Du in Sünde und in Schande geboren bist ! - Er schauderte zusammen , er fühlte es wie einen Fluch über sich liegen . Er blickte den Freiherrn an , er blickte die schöne , schlanke Dame an , er stand dicht neben dem blonden Knaben , er kannte sie alle ! Das war sein Vater , das war seines Vaters Frau , das war sein kleiner Bruder ; der Bruder , welcher hinter den goldenen Fenstern des schönen Schlosses wohnte und der die Rehe und die Hirsche hinter dem Gitter füttern durfte . Er hätte ihm die Hand geben mögen , wenigstens mit dem Bruder hätte er sprechen und wissen mögen , wie er heiße . Er ging an ihn heran , indeß in dem Augenblicke bemerkte ihn Madame Flies , und dringend und leise befahl sie ihm : Geh ' , geh ' , lieber Paul ! Geschwind , mach ' , daß Du fortkommst , Kind ! Aber diese Anweisung bewirkte gerade das Gegentheil , obwohl er ihre Bedeutung ganz und gar verstand . Die Rührung , die Sehnsucht , welche er gefühlt , machten einer trotzigen Empfindung Platz . Er wollte nicht gehorchen , nicht hinausgehen ; er wollte bleiben , er wollte sehen , was denn daraus werden würde . Endlich mußte der Freiherr sich doch umdrehen , endlich mußte er ihn doch erkennen , denn er war ja sein Sohn ; und wenn er ihn erkannte - Da drehten sie sich Alle um , da schlug die Bemerkung seines Bruders , der Aufschrei der Baronin an sein Ohr . Er sah , wie sein Vater sich kalten Auges von ihm wendete , wie man die Baronin als eine Sterbende davontrug , er fühlte , wie Madame Flies ihn heftig zurückstieß , und als falle es mit klingenden Hammerschlägen auf ihn nieder , so tönte es immerfort in seinem Kopfe : Mache , daß Du fortkommst ! Sie waren Alle hinausgegangen . Er blieb ganz allein in dem Laden zurück . Was gehe ich sie auch an ? Was gehen sie mich an ? dachte er , und doch fiel ihm die Einsamkeit sehr schwer . Er sah sich in dem Laden um , als müsse er sich Alles recht einprägen , damit er es nicht vergesse . Den Laden sehe ich auch nicht wieder , sagte er sich , und dabei merkte er erst , daß er beschlossen habe , fortzugehen . Er hatte schon die ganze Nacht daran gedacht . Er konnte es nicht aushalten , hier zu bleiben , wo Jedermann es wußte , daß er in Sünde und in Schande geboren sei . Er wollte seinem Vater nicht wieder vor die Augen treten , denn er liebte den Vater nicht mehr , er wollte von ihm nichts mehr wissen , nichts mehr hören , nichts mehr haben , gar nichts mehr haben ! Trotz und Verzagtheit , Liebe und Haß , erwachtes Ehrgefühl und erlittene Kränkung stürmten wild durch einander auf ihn ein , und dazwischen tauchte das Bild seiner Mutter , wie er es sich gestaltet hatte , vor seiner Seele auf , und er erinnerte sich , wie sie geendet , wie die Verzweiflung sie aus der Welt und in den Tod getrieben hatte . Er wußte auch nicht , was er hier sollte ; er mochte Niemanden sehen , von Niemandem gesehen werden , und am wenigsten von seinem Vater , der sich von ihm abgewendet , und von der Kriegsräthin , die ihm gesagt hatte , daß er in Sünde und Schande geboren sei und daß ein Schimpf auf ihm ruhen werde all sein