war ein seltener Gast bei ihr ; denn derjenige , auf den sie von Gott und durch die natürlichen Verhältnisse gewiesen war , stieß sie rauh zurück , und bei allen anderen fürchtete sie , bald wehe zu tun , bald schmerzlich berührt zu werden . Bei Uriel fühlte sie eine gewisse wohltuende Sicherheit . Aber so zart hatte ihr demütiges Gebets- und Leidensleben ihr Gewissen gemacht , daß sie , als sie später allein war und vor Gott Rechenschaft über ihren Tag ablegte , mit heiliger Wachsamkeit - mit diesem Gnadenlicht , das um so heller brennt , je reiner die Luft des inneren Lebens ist - ihr Herz durchleuchtete . Und sie dachte daran , daß früher ein leiser , ihr selbst unbewußter Zug von Neigung für Uriel wie ein warmer Hauch ihr Herz berührt habe . Sie verschloß nicht ihr Auge gegen die kleinste Gefahr . Sie verließ sich nicht auf ihr schwesterliches Verhältnis zu ihm ; nicht auf ihren reinen Willen . Sie betete um himmlischen Schutz und faßte ihren Vorsatz . » Heilige Mutter Gottes , beschirme Du mein Herz ! ich will mich nicht so sehr über Uriel freuen ! « - So heiligt man sich . - Auf Windeck war sie zwiefach willkommen , da sie Uriel mitbrachte . Graf Damian rief vergnügt : » Geh ' nur gleich mit uns nach Rom ! « » Ich bleibe erst noch etwas bei Onkel Levin , « sagte Uriel ; » aber ich komme . Es ist recht seltsam , daß ich trotz meiner Weltfahrten noch nie in Rom war . « - Graf Damian betrieb rasch die notwendigen Reiseanstalten , umsomehr , als Corona täglich nach Kloster Engelberg hinüberfuhr . Er brach gegen Uriel in heftige Klagen über Orest aus . » Was sagst Du zu einem solchen Benehmen ? Ist ' s nicht empörend ? Die Hälfte des Jahres sitzt er bei dieser Sängerin , dieser Judith Miranes - Du weißt ja deren Geschichte ! und wenn er auf Stamberg ist , würde man wünschen , daß er nur lieber fortginge - so mißmutig , so verstimmt , so gelangweilt , so lebenssatt , so durch und durch unerträglich benimmt er sich und besonders gegen Corona . Hätte sie nicht eine übermenschliche Geduld , so wäre sie längst davongelaufen ! Wer hätte je eine solche Geduld von der kleinen lebhaften Corona erwartet - und je , daß Orest so ausarten könne ! Leichtsinnig war er zwar immer ; allein solche Leute werden oft die allerbesten Ehemänner . Früher war er doch munter , guter Laune , auch so gewiß gutmütig und gescheut . Jetzt - alles fort ! aber alles ! untergegangen in Egoismus , verschlungen von verrückter Leidenschaft . Ich sag ' Dir , verrückt ! denn wenn Du mit ihm sprichst , wie ich es einmal getan habe , so antwortet er Dir : höchst edle Freundschaft - platonische Liebe - etc. etc. Stelle Dir dies vor : Orest und platonische Liebe ! - Was hab ' ich von seinem Platonismus , wenn er all ' seine Standespflichten versäumt , Frau und Kind verläßt , der Welt Skandal gibt ! Aber die Sache ist so : die Donna ist klug ! sie weiß , wie sie ihn fesseln kann . Ich weiß nur nicht , wie lange das währen soll ! « » Mein Gott , « sagte Uriel niedergeschlagen , » wie schwer ist die Kunst , glücklich zu sein ! für Orest sind doch wahrlich alle Elemente , alles Material dazu vorhanden und er benutzt es nicht und macht sich selbst und Corona unglücklich . « » Mein Trost ist der , « sagte Graf Damian mit einer an ihm ganz ungewöhnlichen inneren Erhebung , » daß Corona sich wirklich zu einer kleinen Heiligen bildet . Ich war diesen Sommer mit ihr in Ems . Sie ist ja eine ganz charmante Person und einer solchen fehlt es in der Welt nie an Leuten , die ihr das sagen oder zu verstehen geben . Aber es war als ob sie von dem Mann im Mond oder zu ihm sprächen ! Ich habe sie oft in der Stille bewundert wegen ihres unvergleichlich taktvollen Benehmens . Und das weiß ihr leichtfertiger Patron von Mann gar nicht zu schätzen . « - Am Tage nach Allerseelen reiste Graf Damian mit Corona und Felicitas gen Italien . » Du bleibst bei uns alten Leuten ! « sagte die Baronin Isabelle freundlich zu Uriel . » Du magst auch recht müde von dem rastlosen Umherschweifen dieser vierthalb Jahre sein ! Was willst Du denn nun beginnen ? « So hatte auch Graf Damian gefragt und Onkel Levin ebenfalls . Ja - wußte er es denn ? Was er nicht wollte , das wußte er . Aber was er wollte ? - » Lieber Onkel , « sagte er einmal in einem stillen Gespräch zu Levin , » ich weiß durchaus nicht , was ich auf der Welt anfangen soll . Ich bin ausgereist , um etwas zu suchen , das ich hier nicht fand ; ich habe mir in fernen Weltteilen das menschliche Treiben und Wirken betrachtet und überlegt , das mir in dem unseren so fürchterlich mißfiel . Es ist dort wie hier . Ich bin nach Europa zurückgekehrt - vielleicht mit der leisen Hoffnung , es werde mir jetzt einen besseren Eindruck machen . Aber im Gegenteil ! ich habe dies letzte Jahr fast ausschließlich in Petersburg , London und Paris zugebracht , und zwar nicht in dem Teil der Gesellschaft , welche sich exklusiv die Gesellschaft nennt . Die kenne ich aus früherer Zeit ! die ist so blasiert , so entsittlicht , so verkommen im brutalsten Materialismus , daß der Duft von Eßbouquet und Patchouly , in welchem sie schwimmt , ihren eigentümlichen Verwesungsgeruch nur zurückdrängt , aber nicht verscheucht . Die kenne ich mit ihrer moralisch versunkenen Männerwelt und ihrer durch Eitelkeit sinkenden Frauenwelt , und deren Losungswort ,