eigenen Verwahrsam herbei , wie z.B. ein Bündelchen Briefe , welche das Kind aus Welschland an ihn geschrieben ; diese legte er , nebst den Antworten , die er nun im Schranke vorfand , auf Annas kleinen Tisch und ebenso noch andere Sachen , ihre Lieblingsbücher , angefangene und vollendete Arbeiten , einige Kleinode , jene silberne Brautkrone . Einiges wurde sogar ihr zur Seite auf den Teppich gelegt , so daß hier unbewußt und gegen den sonstigen Gebrauch von diesen einfachen Leuten eine Sitte alter Völker geübt wurde . Dabei sprachen sie immer so miteinander , als ob die Tote es noch hören könnte , und keines mochte sich gern aus der Kammer entfernen . Indessen verweilte ich ruhig bei der Leiche und beschauete sie mit unverwandten Blicken ; aber ich ward durch das unmittelbare Anschauen des Todes nicht klüger aus dem Geheimnis desselben oder vielmehr nicht aufgeregter als vorhin . Anna lag da , nicht viel anders , als ich sie zuletzt gesehen , nur daß die Augen geschlossen waren und das blütenweiße Gesicht auf den Wangen wunderbarerweise mit einem leisen rosigen Hauche überflogen , wie vom Widerschein eines fernen , fernen Morgen- oder Abendrotes . Ihr Haar glänzte frisch und golden , und ihre weißen Händchen lagen gefaltet auf dem weißen Kleide mit einer weißen Rose . Ich sah alles wohl und empfand beinahe eine Art glücklichen Stolzes , in einer so traurigen Lage zu sein und eine so poetisch schöne tote Jugendgeliebte vor mir zu sehen . Erst als mir die alte Katherine jene Stickerei in die Hände gab , welche Anna zu einer Mappe für mich bestimmt und mühsam vollendet hatte , mit dem Bericht , daß die Leidende während der verwichenen Nacht plötzlich einmal gesagt , man solle nicht vergessen , mir das Geschenk zu übergeben , sobald ich wiederkomme , erst jetzt fiel es mir ein , daß wir unsterblich sind , und fühlte mich durch ein unauflösliches Band mit Anna verbunden . Auch meine Mutter und der Schulmeister schienen stillschweigend mir ein nahes Recht auf die Verstorbene zuzugestehen , als man verabredete , daß fortwährend jemand bei der Toten weilen und ich die erste Wache halten sollte , damit die übrigen sich in ihrer Erschöpfung einstweilen zurückziehen und etwas erholen konnten . Ohne jene Voraussetzung hätten sie mir eine solche zugleich zarte und ernste Zumutung wohl nicht gestellt . Ich blieb aber nicht lange allein mit der Anna , da bald die Basen aus dem Dorfe kamen und nach ihnen viele andere Mädchen und Frauen , denen ein so rührendes Ereignis und eine so berühmte Leiche wichtig genug waren , die drängendste Arbeit liegenzulassen und dem ehrfurchtsvollen Dienste des Menschengeschickes , des Todes , nachzugehen . Die Kammer füllte sich mit Frauensleuten , welche erst einer feierlich flüsternden Unterhaltung pflagen , dann aber in ein ziemliches Geplauder gerieten . Sie standen dichtgedrängt um die stille Anna herum , die jungen mit ehrbar aufeinandergelegten Händen , die ältern mit untergeschlagenen Armen . Die Kammertür stand geöffnet für die Ab- und Zugehenden , und ich nahm die Gelegenheit wahr , mich hinauszumachen und im Freien umherzuschlendern , wo die nach dem Dorfe führenden Wege ungewöhnlich belebt waren . Erst nach Mitternacht traf mich die Reihe wieder , die Totenwache zu versehen , welche wir seltsamerweise nun einmal eingerichtet . Ich blieb nun bis zum Morgen in der Kammer ; aber so schnell mir die Stunden vorübergingen , wie ein Augenblick , sowenig wüßte ich eigentlich zu sagen , was ich gedacht und empfunden . Es war so still , daß ich durch die Stille hindurch glaubte das Rauschen der Ewigkeit zu hören ; das tote weiße Mädchen lag unbeweglich fort und fort , die farbigen Blumen des Teppichs aber schienen zu wachsen in dem schwachen Lichte . Nun ging der Morgenstern auf und spiegelte sich im See ; ich löschte die Lampe ihm zu Ehren , damit er allein Annas Totenlicht sei , saß nun im Dunkeln in meiner Ecke und sah nach und nach die Kammer sich erhellen . Mit dem Morgengrauen , welches in das reinste goldene Morgenrot überging , schien es zu leben und zu weben um die stille Gestalt , bis sie deutlich und reglos im goldenen Tage dalag . Ich hatte mich erhoben und vor das Bett gestellt , und indem ihre Gesichtszüge klar wurden , nannte ich ihren Namen , aber nur hauchend und tonlos ; es blieb totenstill , und als ich zugleich zaghaft ihre Hand berührte , zog ich die meinige entsetzt zurück , als ob ich an glühendes Eisen gekommen wäre ; denn die Hand war kalt wie ein Häuflein kühler Ton . Wie dies abstoßende kalte Gefühl meinen ganzen Körper durchrieselte , ließ es mir nun auch plötzlich das Gesicht der Leiche so seelenlos und abwesend erscheinen , daß mir beinahe der erschreckte Ausruf entfuhr » Was hab ich mit dir zu schaffen ? « als aus dem Saale her die Orgel in milden und doch kräftigen Tönen erklang , welche nur manchmal in leidvollem Zittern schwankten , dann aber wieder zu harmonischer Kraft sich , ermannten . Es war der Schulmeister , welcher in dieser Morgenfrühe seinen Schmerz und seine Klage durch die Melodie eines alten Liedes zum Lob der Unsterblichkeit zu lindern suchte . Ich lauschte der Melodie , sie bezwang meinen körperlichen Schrecken , ihre geheimnisvollen Töne öffneten die unsterbliche Geisterwelt , und reuevoll gelobte ich Anna ewige Treue . Ich fühlte mich stolz und glücklich durch diesen Entschluß ; aber zugleich wurde mir nun der Aufenthalt in der Totenkammer zuwider , und ich war froh , mit dem Gedanken der Unsterblichkeit hinauszukommen ins lebendige Grüne . Es erschien an diesem Tage ein Schreinergesell aus dem Dorfe , um hier den Sarg zu machen . Der Schulmeister hatte vor Jahren schon eigenhändig ein schlankes Tannlein gefällt und zu seinem Sarge bestimmt . Dasselbe lag in Bretter gesägt hinter dem Hause , durch das Vordach geschützt , und hatte immer zu einer