Wahrheit zu gestehen , keinen Sinn . - Dagegen ist nichts zu sagen , versetzte er mit einem kleinen Zucken der Nase und Augenbrauen . Bei den Gemälden machte er hier und da eine kurze Bemerkung , welche bewies , daß er mit der Kunst bekannt ist , und das Schönste gesehen hat . Auf Kleombrot warf er im Vorbeigehen einen ernsten Blick , und kehrte sich sogleich wieder von dem Bilde weg ; bei dem sterbenden Sokrates hingegen verweilte er desto länger , zwar stillschweigend , aber mit großer Aufmerksamkeit und einigen leisen Zeichen von Rührung . Auch die schöne Anadyomene fesselte seine Augen eine kleine Weile ; er rühmte den Maler , der den Zeuxis selbst in einem Theil , worin dieser am größten sey , in der Kunst die Farben in einander zu schmelzen , noch zu übertreffen scheine . Als er im Begriff war , sich wieder davon zu entfernen , heftete er einen Blick auf mich , als ob er mich mit dem unverschämten jungen Gaffer im Gemälde vergleiche . Vermuthlich eine Scene aus deiner eigenen Geschichte , sagte er zu mir mit einem kaum merklichen Lächeln . Die schönste , versetzte ich mit gebührender Dreistigkeit , und ( wie sich von selbst versteht ) ohne roth zu werden . Er weilte noch einige Augenblicke bei dem Tode des Sokrates , und sagte dann im Weggehen etwas feierlich : » es war ein Unglück für mich , Aristipp , daß ich unpäßlich war ; aber daß du nicht zu Aegina warst , magst du deinem Glücke danken . « - Ich fürchte , er hat Recht . Die Hoffnung mit Euphranor künftigen Sommer durch deine Vermittlung in ein näheres Verhältniß zu kommen , hat nun einen ungleich größern Reiz für mich . Ich werde dir dafür , wenn du es erlaubst , in der Person meines jungen Landsmannes Antipater , der sich seit einiger Zeit bei mir aufhält , einen Jüngling vorstellen , dessen gleichen man auch nicht alle Tage sieht . 27. An Kleonidas . Dein junger Freund Antipater hätte sich durch nichts einer bessern Aufnahme versichern können , als daß er mir einen so lange erharrten Brief von meinem Kleonidas überbrachte ; wiewohl ich gestehe , daß er keiner andern Empfehlung bedarf , als sich bloß zu zeigen . Ich bin wirklich stolz darauf , einen so unverdorbenen , kraftvollen und vielversprechenden Sohn der Natur , wie Antipater ist , als meinen Landsmann bei den Athenern aufzuführen . Wohl wird es ihm kommen , wenn er so fest und unreizbar ist , als sein ganzes Wesen ankündigt ; denn ich sehe schon drei oder vier unsrer jungen mädchenhaften Bathylle94 mit Rosen duftenden Locken , schmachtenden Augen und zarten lispelnden Stimmchen , die um ihn herumbuhlen , und alle ihre kleinen Hetärenkünste aufbieten , sich von ihm bemerken zu machen , und ihm zu zeigen , daß sie keine Gefälligkeit zu groß finden würden , um sich eines Liebhabers von seinem Schlage zu versichern . Ich habe meinem jungen Landsmann ein Zimmer in meinem Hause ( das gerade Raum genug für uns beide hat ) angewiesen ; er ist , so oft es ihm gefällt , mein Tischgenoß , und bedient sich meines Umgangs , ohne mir lästig zu seyn , so viel als ihm gemüthlich ist : dieß ist aber auch alles , was ich ( vor der Hand wenigstens ) für ihn thun kann , und wirklich schon mehr als er vonnöthen hat . Jünglinge wie er werden nicht gebildet , sondern bilden sich selbst , oder bringen vielmehr ihre schon vorausbestimmte Form mit sich auf die Welt ; wie sie sind , sollen sie seyn ; was sie werden , sollen sie werden . Was eine Pflanze bedarf , um sich zu entwickeln , Freiheit , Licht und angemessene Nahrung , ist im Grund alles , was solche Menschen zu ihrem Wachsthum und Gedeihen brauchen . Athen ist reich an merkwürdigen Menschen aller Arten , deren Vorzüge , Talente , Kenntnisse , Erfahrungen , Tugenden und Untugenden ein Jüngling wie Antipater benutzen kann : er mag sie selbst aufsuchen , und selbst wählen , zu wem er sich halten will . Zwar werd ' ich ihn unvermerkt beobachten , und ihn warnen , sobald ich sehe , daß seine Unerfahrenheit irgend eine große Gefahr laufen könnte ; aber mich nicht gleich für ihn ängstigen , wenn er auch dann und wann zu weit mit der Nase vorwärts kommt , oder einen Mißtritt thut , der ihn künftig vorsichtiger zu seyn lehrt . Selten oder nie werd ' ich ihm mit meinem Rathe zuvorkommen , niemals ihm von einer Person , die er selbst sehen wird , voraus sagen , was ich von ihr halte : begehrt er aber von freien Stücken meine Meinung , worüber es sey , zu wissen , so werd ' ich sie ihm frei und offen sagen . Verlangt er Unterricht über etwas , das ich besser weiß als er , so soll er ihn erhalten . Dieß ist ungefähr die Art , wie ich mit ihm umgehe , bis wir uns näher kennen , und das wahre Verhältniß seiner Natur zu der meinigen sich so bestimmt ausgesprochen hat , daß wir beide genau wissen , wie wir gegen einander stehen , und was wir einander seyn oder nicht seyn können . An eigentliche Bildung ist ( wie gesagt ) bei einem Jüngling wie dieser nicht zu denken . Ja , so einen Onokradias , den Sohn Onolaus des Zweiten , des Enkels von Onomemnon , der ein Urenkel von Onocephalus dem Großen war , so einen Heldensohn kann man bilden , und soll man bilden , so gut als es gehen will , denn er ist für sich selbst nichts ; so einem soll man gesunde Begriffe , Grundsätze und Maximen in den Kopf , oder wenigstens ins Gedächtniß einsammeln , weil er sie ohne fremde Hülfe nie bekommen würde . Wer nicht schon von bloßem