, der Dich kennt , wird mir zugeben , daß es eine Gewissenlosigkeit gewesen wäre , Dich mit achtzehn Jahren , unreif und unerfahren , wie Du warst , Deinem Schicksal zu überlassen . Es war eine Eigenmächtigkeit von mir — aber es war wohlgemeint , es geschah aus übertriebener Liebe und Sorge für Dich . Der Gedanke , daß Du ohne mich leben solltest und ich ohne Dich , war mir unerträglich , unfaßlich , dies ist mein ganzes Unrecht , ist Alles , was ich Dir sagen kann ! Auf die Anklage dieses Herrn antworte ich nicht . Mein Leben liegt rein vor aller Augen , es verfloß in beschaulicher Ruhe , in stiller Wissenschaftspflege , in dem — ach , nun gestörten Glück , Dich zu erziehen ! — Ich sehe mit Gleichmut Ihren angedrohten Maßregeln entgegen , mein Herr . Ihre erhitzte Phantasie würde meiner Verteidigung doch keinen Glauben schenken — Sie würden es doch zu einer gerichtlichen Untersuchung treiben und nur eine solche kann meine Unschuld dartun , wozu soll ich noch ferner die Luft mit Worten erschüttern ? “ Johannes lächelte : „ Auf den ersten Teil Ihrer sehr gelungenen Rede behalte ich mir die Antwort vor . Auf den zweiten kann ich nicht umhin , Sie zu fragen , wie Sie es wagen können , noch von Unschuld zu sprechen , nachdem Ihre Nichte in meinem Beisein jede Urheberschaft des fraglichen Dokuments abgelehnt hat und so die Fälschung zur Evidenz nachgewiesen ist ? “ „ Ja , mein Herr — eine Fälschung liegt vor . Wer will das leugnen ? Aber folgt daraus , daß ich sie gemacht ? Ich hatte einen Freund in Italien , dem ich rückhaltlos vertraute , dem ich leider mehr , als die Vorsicht erlaubte , über unsere Familienverhältnisse mitteilte — und Angesichts dieser unabweislichen Tatsache muß ich fürchten , daß der Verräter an meiner und Ernestinens Statt mit Hilfe irgend eines bestechlichen Notars — “ er zuckte mit den Achseln , als wolle er die schreckliche Beschuldigung nicht vollenden . Johannes lächelte wieder fast mitleidig : „ Auf ein so jämmerliches Fundament wollen Sie Ihre Verteidigung stützen und wagen es , mir auf Grund dessen zu trotzen ? “ „ Ja , mein Herr — denn das Gericht wird , so hoffe ich , die Zeugen des Verbrechens ausfinden , die dartun werden , ob ich oder jener falsche Freund dasselbe verübt . “ Johannes überlegte einen Augenblick , dann sagte er Leuthold scharf ins Auge fassend : „ Ist jener falsche Freund vielleicht auch der Käufer der Fabrik in Unkenheim ? Wie oder hatten Sie in Italien solchen Überfluß an dem , was Sie sich hier nicht zu verschaffen gewußt , an Freunden ? “ Leuthold erbleichte aufs Neue und Johannes sah sogleich , daß seine Sonde in eine tiefe Wunde , gedrungen . Er nützte schnell den Vorteil : „ Ich denke , der Werkmeister von Unkenheim wird bei seiner Bekanntschaft mit Ihren italienischen „ Freunden “ wohl bald im Stande sein , den gewünschten Entlastungszeugen für Sie zu finden — und ich werde mich selbst bemühen , diese glückliche Lösung der Sache so rasch als möglich herbeizuführen . “ Er beobachtete Leuthold , der sich kaum aufrecht hielt . „ Nun , mein Herr Geißert , ich gebe Ihnen noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit , ob Sie eine Auseinandersetzung mit mir — oder den Behörden vorziehen . Wenn Sie sich bis morgen Abend nicht über das Vermögen des Fräuleins ausweisen und entweder das Vermögen selbst — oder falls es in der Unkenheimer Fabrik steckt — jede gesetzliche Garantie für dasselbe beibringen , so nimmt Ihr Schicksal seinen Lauf . Ich werde von dieser Stunde an Ihr Haus bewachen und die Nacht vor der Tür bleiben ; Sie sind von jetzt an mein Gefangener , so wie Sie aber Miene machen zu entfliehen , liefere ich Sie der Obrigkeit aus und wenn ich Sie mit meinen eigenen Händen vor den Richter schleppen müßte . Sie sehen , ich bin zum Äußersten entschlossen , hoffen Sie nichts mehr , weder von meinem Schwachsinn — noch von Ihrem Scharfsinn . Denn selbst wenn das Unglaubliche geschähe und Ihnen das kostspielige Wagstück gelänge , irgend einen italienischen Gauner gegen gute Bezahlung zu erkaufen , daß er den „ falschen Freund “ vorstellte , Ihre Schuld auf sich nähme und Ihre Zuchthausstrafe absäße , selbst wenn der Notar nicht mehr lebte , der die Identität Ihrer Person , die Aufnahme der Akte nachweisen könnte — selbst dann wären Sie für die bürgerliche Gesellschaft unmöglich , denn Sie verfielen der Strafe des Briefdiebstahls ! “ Leuthold zuckte zusammen . „ Die zwei gesunden Augen eines hiesigen Bauern würden Sie doch nicht Lügen strafen , die es mit angesehen , daß Sie in Ermangelung anderer Vergnügungen den Inhalt des hiesigen Briefkastens nächtlicher Weile zu Ihrer Lektüre wählten und das , was Sie besonders interessierte , für sich behielten ! “ Johannes wandte sich an Ernestine : „ Ich weiß nicht , mein Fräulein , ob Sie mir in dieser Zeit einmal schrieben — wenn Sie es aber getan , so kennt Ihr Oheim den Brief besser als ich , der ihn nie erhielt . Jedenfalls ist diese kleine Geschichte , für die ich Zeugen habe , ein verhängnisvoller Beitrag zur Charakteristik Ihres Oheims . Sie aber , Herr Gleißert , werden nun begreifen , daß für Sie keine Rettung ist , wenn Sie die Bedingungen nicht erfüllen , unter denen allein ich dem Fräulein die Schande ersparen will , einen so nahen Verwandten im Zuchthaus zu haben . Sie sind von allen Seiten umstellt , umzingelt von Ihren eigenen Verbrechen , Sie entkommen mir nicht mehr ! “ Er schwieg . Leuthold saß bleich und stumm im Sessel . Ernestine sah mitleidig auf den zerschmetterten Mann herab . Dann blickte sie zu Johannes auf mit einem Ausdruck von Bewunderung , der an Furcht grenzte . „ Sie sind , wie ich Sie