' ich aber den Einzelnen mich zuwende , muß ich noch meiner Einführung als solcher gedenken . Ich meinerseits war im Frack erschienen und unterwarf mich eben der herkömmlichen Begrüßungsanrede von Seiten des Bürgermeisters , als ein älteres Mitglied den Sprechenden ohne Weiteres unterbrach , um ihn darauf aufmerksam zu machen « daß zwei Collegen ohne Frack erschienen seien , was gegen die Etiquette verstoße und zuvörderst gerügt werden müsse ‹ . Nun erst , nach erteilter Reprimande , konnte der Sprecher in seiner Anrede fortfahren . Wie sich denken läßt , war das Collegium , dem ich von da ab angehörte , von sehr verschiedener Zusammensetzung . Da waren zunächst der Rathszimmermeister Söhnel , Kürschnermeister Emden und Buchbindermeister Siecke , – gute , treffliche , wohlwollende Herren , der letztere , vielleicht weil er die Kirchenverwaltung hatte , etwas zu zaghaft . Dann war da der Partikulier Loof , eng überhaupt , am engsten aber in Geldsachen , zumal wenn es seinen eignen Beutel anging , in welchem Fall er sich , wo nützlich , noch conservativer erwies , als in der Politik . Ein Fünfter war Möbelfabrikant König . Er genoß des Vorzugs , die beste Rathsherrnfigur zu haben . Auch Kaufmann und Gutsbesitzer Windaus hätte gelten können , wenn er etwas besser auf dem Posten gewesen wäre . Windaus hatte das Einquartierungswesen , kam aber Mobilmachung oder dergleichen , so zog er sich auf sein Gut Herzberg zurück und überließ das Nöthige seinen Deputirten . Partikulier Menzel ( ehemaliger Apotheker ) , der mit der Abschätzung zu thun hatte , war erheblich anfechtbarer . Man wußte nie , was eigentlich seine Meinung war und wäre die Grafschaft Ruppin noch katholisch gewesen , so hätte man glauben müssen , er sei in einem Jesuitenkloster erzogen . Posthalter Höpfner ersetzte , was er an Tüchtigkeit nicht besaß oder wenigstens nicht zeigen wollte , durch ausdrucksvolle Rede , die , je länger sie dauerte , desto schöner wurde . Vor allem bemerkenswerth indeß war der stellvertretende Bürgermeister und Auskultator a. D. Mollius , Sohn des im vorigen Jahrhundert in der Ruppiner Geschichte vielgenannten Rathsherrn Mollius . Vor diesem Auskultator a. D. , wenn man ihm in der Dämmerung begegnete , konnte man sich fürchten , denn zu eingezogenem Kreuz und durchbohrendem Blick trug er das Gesicht bis an die Nasenspitze derartig in ein dickes Halstuch gewickelt , daß man ihn für Robespierre halten konnte . Bei näherer Bekanntschaft wurde man freilich gewahr , daß dies anscheinende Revolutions- und Schreckgespenst , trotz seiner sechzig Jahre , von sehr kümmerlicher Konstitution war und zu nicht viel mehr als einem zarten Knaben zusammenschrumpfte . So war Mollius . Das Lumen des ganzen Collegiums aber und zugleich die Geißel desselben war Mühlenbesitzer und Partikulier Gustav Schultz , den mein Vater immer nur › Gustav von Gottes Gnaden ‹ nannte . Sein Verstand und seine praktische Befähigung waren gut , aber er hütete sich auch , sein Licht unter den Scheffel zu stellen , und wer dies Licht dennoch nicht sehen wollte , der war sein Feind . Das Oberhaupt dieser rathsherrlichen Körperschaft war Bürgermeister v. Schultz , früher Offizier in dem in Ruppin garnisonirenden Infanterie-Regiment . So war der Magistrat . Neben diesem aber gab es auch freiere , natürlich in beständiger Fehde mit- und untereinander lebende Gemeinschaften , die Capulets und Montecchi ' s von Ruppin , von denen jene die Gruppe der Haus- , diese die Gruppe der Ackerbesitzer bildeten . Unter den Capulets der Hausbesitzer ( nur dieser einen Gruppe sei hier in Kürze gedacht ) ragten zwei hervor : zunächst der Sattlermeister Rosenhagen , ein Greis von über achtzig , der aus verschiedenen Gründen als ein Orakel galt . 1789 war er in Paris gewesen und hatte den Bastillensturm miterlebt , weshalb er – wohl mit sehr fraglichem Recht – der › Bastillenstürmer ‹ hieß . Es paßte dazu , daß seine beiden Söhne sich in Frankreich niedergelassen hatten ; er selber trug sich französisch , in der Tracht des vorigen Jahrhunderts . – Neben ihm , auch aus der Gruppe der Hausbesitzer , und von ähnlicher Bedeutung wie Rosenhagen , wenn auch nicht voll so wichtig , stand Schmiedemeister Krausnick , der sich auf den Philosophen hin ausspielte . Von ihm hieß es , daß er die sämmtlichen Bände des Allgemeinen Landrechts besessen habe , was auf seine Mitbürger derartig wirkte , daß seine juristische Befähigung außer Zweifel war . Hausbesitzer und Ackerbesitzer waren zwei große Körperschaften außerhalb des Rahmens der eigentlichen Stadtregierung , während eine mit der Stadtforstverwaltung betraute Bürgergruppe , deren nebenherlaufende Zugehörigkeit zu der einen oder andern der großen Körperschaften unerörtert bleiben mag , schon mehr innerhalb des Regierungsrahmens stand . Es waren ihrer zwölf . Vorsitzender war der schon als Magistratsmitglied genannte Kürschnermeister Emden , ein ordentlicher , einsichtsvoller Mann , dem Drechslermeister Krengemann als › Sachverständiger ‹ beigegeben war . Der wußte von Wald und Forst zu reden , daß es eine Freude war , und wenn Gott für den ausgestreuten Kiefernsamen rechtzeitig Regen und Sonnenschein schickte , so bewies sich unser › Sachverständiger ‹ auch als Sachverständiger commeil-faut . Blieb aber der liebe Gott aus , ja , wo blieben da Krengemann und seine Fichten ! Neben Krengemann lagen dem Schuhmacher Lehmann die vorzunehmenden › Culturarbeiten ‹ ob und er unterzog sich dieser Aufgabe mit einer fast ans Krengemannsche grenzenden Wald- und Forst-Weisheit . Von ähnlicher Bedeutung oder auch von größerer – weil er das Amt eines Kassen-Rendanten verwaltete – war Schlosser Grunow , ein wohlhabender , kinderloser Mann , bei dem die 800 Thaler , die nach stattgehabter Holz-Auktion den jedesmaligen Höhepunkt der Kasse bildeten , wenigstens schloßsicher lagen . Im übrigen war sein Kopf so zäh wie das Eisen , das er schmiedete . Vieler Ehren war er theilhaftig und als er auch noch Schützenmajor wurde , trug er einen Schnurrbart . Fünfter im Kreise war Kürschnermeister Michaelis , ein Mann von frommem Gemüth , dem , weil er richtig schreiben