und doch sei sie immer wieder auf leichtsinnigem Verkehr mit Männern betroffen worden . Sie nannte sich Luise und war sehr kümmerlich und spärlich gekleidet . Wenn sie beim Ausfegen manchmal die Tür herumschlug , so daß der Wärter auf der Türschwelle oder weiter zurück auf dem Korridor uns einige Augenblicke nicht sehen konnte , dann erhob sie ihre gutmütigen , schönen Augen so sanft und lockend gegen mich , und es lag ein so merkwürdiger Ausdruck darin , daß ich sie gern weitläufiger befragt hätte . Sorgloser Leichtsinn war so unverkennbar dabei , und doch so zutraulich und harmlos ! Sie sagte mir auch , daß sie wohl diesmal ins Zuchthaus kommen würde , sprach aber dies für mich so entsetzliche Wort so leicht aus , wie wir einst vom Kaffeehause redeten . ' s ist schlimm , meinte sie , und nickte dabei mit dem Kopfe . Wenn man ihr aber die Backe streichelte , so war das Lächeln gleich wieder da und sie flüsterte : » Vielleicht kann ich mich einmal des Abends zu Ihrer Tür heraufschleichen . « - » Aber mein Kind , meine Tür ist ja zugeschlossen . « - » So ? Das ist freilich schlimm , aber vielleicht geht ' s doch ; ach , da unten ist ' s langweilig ! « - Längere Zeit , als zu dieser Mitteilung nötig war , dauerte unsere halbe Einsamkeit nicht ; sie mußte wieder fort , ich ward wieder eingeschlossen , und ich konnte über die pikante Situation nachdenken , wie mit einer Zuchthauskandidatin getändelt werde . Sie kam jetzt jeden Morgen und flüsterte mir immer zu : Ich komme nächstens . So gab ' s doch eine ordentliche Romananknüpfung dort ; wie duftig erscheint mir jetzt das unvorsichtige Mädchen ! Eine gemeine Spitzbübin , die mir ihre Lebensgeschichte erzählen wollte , wäre mir jetzt sehr erwünscht , man hörte doch etwas , verkehrte mit einem Menschen . - Wirklich huschte es eines Abends um meine Türe her und klopfte leise , die kecke Luise war da ; der Schließer unten hatte den Schlüssel nicht umgedreht und sie war heraufgeschlichen . Aber bei mir war der Schlüssel zweimal umgedreht , das leichtsinnige Kind fragte , ob ich kein Mittel wüßte ; die Wache kam unterdes vom anderen Ende des Korridors langsam aber sicher herzugeschritten und Luise mußte fort . Ich hab ' sie nicht wieder gesehen ; mit den guten , treuen Augen hat sie wahrscheinlich aufs Zuchthaus gemußt . Aber auch dort wird sie jetzt mitunter lachen und sich glücklicher fühlen als ich . Ich lerne so klein schreiben und , wahrscheinlich auf Kosten meiner Augen , so undeutlich Geschriebenes lesen , daß ich gestern mit meinem Kuchenpapiere nicht fertig geworden bin . Das hat mir den besten Eindruck gegeben , dies Stückchen übrig bleibendes Papier hat mir die Möglichkeit eines Überflusses verschafft , eines Überflusses , und ich bin ordentlich zufrieden gewesen im Verhältnisse zu der sonstigen Zeit . So macht das Verhältnis alles in der Welt , so elastisch ist der Mensch . - Bei allen den Abwechslungen meines vorigen Gefängnisses fiel doch die Länge der Abgeschlossenheit immer schwerer auf mich , laß mich Dir ' s offen gestehen : manchmal glaubte ich erdrückt zu werden , so einsam , verlassen , unglücklich erschien ich mir , und die heißen , dichten Tränen brachen über mich herein . Ach , wie ein Kind habe ich geweint , manchmal stundenlang ; ich werde es nie vergessen , wie ich den Kopf an die Wand lehnte und mich rücksichtslos dem schneidenden Weh hingab , von der Welt ausgeschlossen zu sein Tag um Tag , Nacht um Nacht ! - Und wenn ich in einer gewissen Süßigkeit des ganz freigelassenen Schmerzes erschöpft war , da trat ein Vers von Goethe so oft mir auf die Lippen , ach so oft , und brachte immer wieder neue Tränen . Durchgefühlt , durchgeweint habe ich jedes Wort , jede kleinste , mögliche Bedeutung desselben ; es war das Lied aus dem Wilhelm Meister , das der Harfner und Mignon zu Wilhelms Schmerze singen : Nur wer die Sehnsucht kennt , Weiß , was ich leide : Allein und abgetrennt von aller Freude Seh ' ich ans Firmament Nach jener Seite . Ach , wer mich liebt und kennt , Ist in der Weite , Es schwindet mir , es brennt Mein Eingeweide - Nur wer die Sehnsucht kennt , Weiß , was ich leide ! Eigentlich hätte ich das Lied wie Prosa , ohne Absatz schreiben sollen wegen des Papiermangels , aber ich konnte mich nicht dazu entschließen ; ein König kann in Lumpen gehn , aber nicht betteln . Leb wohl , leb besser , das Papier ist aus ; empfinde nie bis ins Herz die so harmlos aussehenden Worte : » Allein und abgetrennt von aller Freude . « - Habe wieder ein Lied gemacht , Habe mich ausgeweint , Denke nun an die stille Nacht , Meinen einzigen Freund : Wenn die Sonne hinunter ist , Wird sie leichter , die Not - Denke dann : Nicht mehr allein du bist , Ringsum ist alles tot . Was dich in der Ferne liebt , Ist jetzt stille wie du , Manches ist wohl um dich betrübt , Hat eben Zeit dazu . Törichte Leute schmähen die Freude ; es gibt kein Leben ohne die Freude , alle Momente derselben sind allein unser Leben , alles andere ist dumpfe , tote Masse ; selbst in der Traurigkeit , im Schmerze sind es allein die unerkannten kleinen Freudenpunkte , die ein Leben , ein Bewußtsein gestatten . Hier in meinem Elend ist ' s der Tagesschimmer , den ich sehe , das körperliche Leben , das ich in dieser und jener Wendung oder Regung einmal empfinde , des Genüge » Du bekommst etwas zu essen « - oder » Du wirst dich bescheiden lernen « ; diese Freudenatome halten auch mich am Leben .