! Nicht nur aus menschlichem Munde , sondern auch von den Lippen des unter dem unbarmherzigen Messer gemarterten Tieres ertönt dieser Jammerschrei . Nicht nur der Mensch , sondern auch die fälschlicher Weise » leblos « genannte Kreatur wartet auf die Erlösung . Gebt sie ihr ; o gebt sie ihr ! Gebt ihr Liebe , Liebe , Liebe ! Lacht um Gotteswillen nicht , wie der Ghani , über diese Liebe , denn was ihm gesagt wurde , das sage ich auch hier : Die Liebe lächelt nicht immer ! Sie bittet , und was man ihr versagt , was man ihr von ihren Rechten vorenthält , das holt und nimmt sie sich mit unwiderstehlicher Gewalt , nachdem sich ihre linde , milde Hand in die strafende Faust des Zorns verwandelt hat ! Gebt also Liebe aus Liebe , und wartet nicht , bis ihr aus Zwang geben müßt , was mit eiserner Strenge von euch gefordert wird ! Die Worte des Scheikes Abd el Idrak hatten uns so ergriffen , daß keiner von uns sogleich die doch so leichte Antwort gab . Da wiederholte er mit derselben lauten Stimme seine Frage : » Sagt , kann ich sie bekommen ? Wollt ihr sie mir geben ? « » Ja , von Herzen gern ! « antwortete ich nun . Da drehte er sich um und warf seinen Leuten den Befehl zu : » Macht sie frei ! Bindet sie alle los , sofort , augenblicklich ! « Es war gewiß nicht vorher besprochen worden , aber ganz so schnell und einmütig , als ob es so verabredet worden sei , beeilten sich die Beni Lam , dieser Weisung nachzukommen . Im Handumwenden , wie man zu sagen pflegt , waren alle unsere Haddedihn ihrer Fesseln wieder los . Dann rief der Scheik : » Diese tapferen und ehrlichen Krieger der Haddedihn sind von diesem Augenblicke an die Brüder und Gäste unseres ganzen Stammes ! Ihre Freunde gelten als unsere Freunde , und ihre Feinde werden als die unsrigen behandelt . Ich habe es gesagt , Abd el Idrak , der Scheik der Beni Lam ! « Er reichte uns seine Hand , die wir ihm recht herzlich , aber auch ganz und gar herzlich schüttelten ! Wer solche Scenen nicht erlebt hat , der ahnt gar nicht , welche Reichtümer ein Menschenherz in sich trägt ! Und seine Leute thaten mit . Das war ein Drücken und Schütteln der Hände , welches kein Ende nehmen zu wollen schien . Als sich die frühere Ruhe einigermaßen , wenn auch nicht ganz , wieder eingestellt hatte , ergriff unser Gastfreund , der Scheik , von neuem das Wort : » Ihr werdet die Ursachen meines Verhaltens jetzt nur halb verstehen ; ich will es euch nun aber ganz erklären ! Ihr wißt , daß wir die Spur des Ghani fanden und ihr folgten . Dort sitzt er und hört alles , was ich sage ; das mag eine Verschärfung seiner Strafe sein , und Allah gebe , daß die Härte seines Herzens unter ihr nun endlich einmal zu schmelzen beginne ! Nach längerer Zeit führte diese Fährte zwar von unserer Richtung ab , aber so wenig , daß wir auf ihr blieben . Schaut hinüber zu dem Liebling des Großscherifs ! Der alte Mann , der eng an seiner Seite sitzt , ist Abu Kurban , der Vater des Ermordeten , und der fast ebenso alte Krieger an der andern Seite ist der Oheim der drei Brüder , welche mit ermordet wurden . Es ist dunkel ; darum könnt ihr nicht sehen , wie tief der Gram um den Verlust des einzigen Kindes sich in das Gesicht Abu Kurbans eingefressen hat , und wie sehr ihn der Gedanke quälte , daß diese Missethat von ihm im Buche der Rache noch zu durchstreichen sei . Als beide hörten , wen wir vor uns hatten , thaten sie den Schwur , sich Blut für Blut zu nehmen , falls es ihnen gelingen sollte , sich von der Schuld zu überzeugen . Sie haben diesen Schwur gehalten , denn sie mußten es . Der Ghani hatte sich mit seinen Begleitern zwischen zwei niedrigen Ausläufern der Dünenwüste gelagert . Sie erschraken , als sie uns erblickten , denn wir waren über sie gekommen , ehe sie die Anwesenheit einer solchen großen Schar nur ahnen konnten . Wir umringten sie . Wir sahen den Sohn des Ghani ; er besaß die Verschiedenheit der Brauen , und so stand es fest , daß er und die drei andern es gewesen sind . Ich zögerte nicht , ihnen das Verbrechen sofort in die Gesichter zu werfen . Sie erbleichten vor Angst , leugneten aber . Da sahen wir einen Ring am Finger des Sohnes . Abu Kurban betrachtete ihn und that einen Eid , daß er Ibn Kurbans Eigentum gewesen sei . Wir durchsuchten die Mörder und fanden die andern Ringe und Steine . Da glaubte einer der drei , er könne sich durch den Verrat der andern retten . Er erzählte , wie die That sich zugetragen hatte . Die vier Mörder hatten zunächst ohne das Wissen des Ghani gehandelt , ihm aber nach dem Morde gleich alles mitgeteilt . Auf seinen Rat waren sie dann nach El Kasab geritten , in dessen Nähe der Alte mit dem Münedschi auf sie wartete . Was hatten die Mörder verdient ? Sag es mir , Scheik Hadschi Halef ! « » Den Tod , « antwortete Halef . » Hättest du sie begnadigt ? « » Nein . « » Trotz der Liebe , deren Kinder und Söhne ihr seid ? « » Nicht nur trotz , sondern sogar infolge dieser Liebe . Du darfst ja nicht glauben , daß sie eine Beschützerin der Sünde sei . Kann sie nicht durch Güte wirken , so greift sie zur Rettung durch die Strenge . Sie ist nachsichtig und barmherzig , so lange sie glauben darf , daß dies zum