» Und da bist davongrennt ? « Alle Gedanken der letzten Minuten waren in Franzl ausgelöscht , und nur noch der Jäger war in ihm lebendig . » Statt daß die Büchs in d ' Hand nimmst und einispringst zur Tür ! Die hättst alle zwei im Sack ghabt . « » Mit ' m Maul is bald einer gfangt . Und daß ich d ' Wahrheit sag - ich hab die zwei was reden hören . Und da war mein einzigs Denken : da mußt den Franzl holen ! Meiner Seel , ich trau mir ' s gar net sagen - « Franzl blieb wie angewurzelt stehen . Seine Lippen bewegten sich ohne Laut . Was hatte er ? Furcht war ihm fremd . Dennoch schnürte ihm jetzt ein beklemmendes Gefühl den Hals zusammen . » Was ich dir sagen muß , is hart für dich . « Das klang wie kameradschaftliches Erbarmen . » Aber es muß sein ! « Unter Schippers Hutrand funkelten die Augen . » Wie ich so einilus in d ' Hütten , hör ich , wie der jüngere meint : ob net hinter der Dippelhütten der bessere Pirschgang wär ? Da beutelt der ander den Kopf und sagt kein Wörtl und schaut ins Fuier eini . Und der jünger lacht so gspaßig , stupft den andern mit ' m Ellbogen an und sagt : Gelt , du , dem Franzl gehst lieber aus ' m Weg - der Alte und der Junge - so was wär a bißl z ' viel auf ein Gwissen auffi ! « Mit ersticktem Laut riß Franzl die Büchse von der Schulter , stürzte auf Schipper zu und faßte ihn an der Brust . » Auf Ehr und Seligkeit , Schipper ? Is dös wahr ? « » Auf Ehr und Seligkeit ! « Da löste sich Franzls Faust von der Brust des anderen . » Jetzt sag ich dir Vergelts Gott , daß d ' mich gholt hast ! Komm ! « Schipper blieb noch ein paar Augenblicke stehen ; ein Frösteln , das ihn plötzlich befiel , zog ihm den Kopf in den Nacken . Sie sprachen kein Wort mehr . Als sie mit schweißüberronnenen Gesichtern aus dem Latschental hervortraten , lag der Nebel so dicht , daß sie im Schutze des grauen Schleiers ungedeckt gegen die Höhe steigen konnten ; sie hatten die Schuhe abgelegt und sprangen mit nackten Füßen . Kaum auf dreißig Schritt vermochten sie zu sehen . Doch immer näher klang , wie ein wegweisender Ruf , vom Grat des Schneelahners der lustige Balzgesang des Spielhahns . Da fiel in der von Dunst umwobenen Höhe ein Schuß , dessen Echo im Nebel erstickte . Der Spielhahn schwieg . » Dem Hahn hat ' s gegolten ! « zischelte Schipper . » Franzl , jetzt ghört er uns ! « In seinem gierigen Eifer merkte Schipper nicht , daß er nur von einem sprach . » Jetzt muß er uns in d ' Händ laufen ! Nimm du die linke Seit , Franzl , ich nimm die rechte . So haben wir ihn in der Mitt ! Und sei gscheit , Franzl ! Wenn ' s drauf ankommt , wart net lang ! Lieber der ander als du ! « Franzl antwortete nicht ; sein brennender Blick bohrte sich in den grauen Dunst , der die Höhe verschleiert hielt . Sich zur Linken wendend , stieg er lautlos in die Felsen ein . Schipper huschte nach der anderen Seite . Als er um die Ecke war , öffnete er die Büchse , zog die beiden Patronen hervor , musterte sie genau und schob sie wieder in den Doppellauf . » Für alle Fäll ! Ich will mei ' Ruh haben ! « Auch Franzl hatte , als er den Einstieg des Wechsels erreichte , den Schritt verhalten , um seinen Atem zur Ruhe kommen zu lassen . Dabei nahm er den Hut ab und drückte ihn an die Brust . Er wußte , daß der Weg , den er betrat , ein Gang auf Leben und Tod war . Ein Windstoß fuhr über das Gehänge herunter und jagte die Nebelfetzen , während die Dämmerung der Frühe sich in hellen Tag zu verwandeln begann . 18 Immer schärfer zog der Morgenwind über die Berge gegen das Seetal . Immer dichter trieb er die Nebel zusammen und ballte sie zu schweren Wolken , die sich von den Almen gegen die Wälder senkten . Schwerfällig lösten sie sich aus den Wipfeln , schwammen über das Tal und schlossen sich über ihm zu einer grauen Decke . Im Seedorf regte sich noch kaum das Geräusch des erwachenden Tages . Vor dem Brucknerhause saß Mali auf der Bank mit übernächtigem , von Angst entstelltem Gesicht , den Kopf an die Mauer gelehnt , die Hände wie gebrochen im Schoß . Ihre Sinne schienen taub für das Leben , das sich immer lauter in den Nachbarhäusern regte ; doch jeden Bauer , der hinter den Hecken auftauchte , verschlang ihr Blick mit banger Erwartung . Jetzt kam der Doktor Eisler mit zwei fremden Herren über die Straße her ; ihnen folgte ein Diener , der eine mit Leder bezogene Kassette trug . Sie gingen am Brucknerhaus vorüber und nahmen den Weg nach Schloß Hubertus . In der Ulmenallee blieben sie eine Weile vor dem Käfig stehen , in dem die vier Adler unruhig von einer Stange zur anderen hüpften . Fritz , der von dem Besuche schon zu wissen schien , empfing die Gäste auf der Veranda , flüsterte mit dem Dorfarzt und führte die Herren ins Billardzimmer . Doktor Eisler ging allein zur Kruckenstube . Vor der Tür zögerte er . Dann drückte er die Klinke nieder . Nur ein mattes Zwielicht fiel , während die Tür sich öffnete und wieder schloß , in die verfinsterte Stube . Moser erhob sich von seinem Sessel , und Graf Egge bewegte sich im Lehnstuhl . » Doktor ? Sie ?