» warum sollte für diesen unsteten Geist ein endliches Bedürfnis der Treue undenkbar sein ? Warum sollte er nach der alle Kräfte überspannenden Aufregung in häuslicher Herzlichkeit nicht Frieden suchen und finden ? Rose liebt ihn , so wie er ist , und so wie sie ist , das heißt viel charaktervoller , als ich das anmutsvolle Kind bisher beurteilt hatte , wüßte ich kein geeigneteres weibliches Wesen , um ihn nicht nur zu reizen , sondern auch dauernd zu fesseln . Für sie selbst und auch für Sie , Freund , wäre dieser Abschluß aber jedenfalls weit natürlicher als der , welchen Sie hochherzig in das Auge gefaßt haben . « Sie schlug nun vor , daß Rose ihren Bruder auf seiner kleinen Reise begleiten und einige Zeit bei Frau von Hartenstein , die sie wiederholt freundlich zu sich eingeladen hatte , verweilen solle . Dezimus ging in Rosens Zimmer ; der Abend dämmerte . Sie lag auf dem Sofa , die Augen halb geschlossen , die Lippen halb geöffnet , die Wangen flammend wie im Fieber . » Du weißt es ? « rief sie ihm entgegen und - aufgewachte Erinnerungen , aufgewachtes Verlangen , aufgewachte Hoffnung - nur nicht aufgewachte Furcht klang aus dem Vibrieren ihrer Stimme . Hatte er Lydias Vorschlag ihrer Wahl anheimgeben wollen , so sprach er ihn jetzt aus als unumstößlichen Entschluß . Sie machte jach eine abwehrende Bewegung , sann aber dann eine Weile nach und sagte endlich : » Ja , ja ! bringe mich fort ! « Freiwillig versprach sie auch , da die Reise erst am übernächsten Tage angetreten werden konnte , sich nicht aus dem Schlosse und Lydias Nähe zu entfernen . Hätte Sidonie ihr Gebaren zu deuten gehabt , sie würde gesagt haben : » Es heißt hoffen , nicht verzichten . Der kleine Schlaukopf hat gelernt , wie ein Max zu fesseln ist . « Lydia und Dezimus dahingegen sagten : » Sie kämpft gegen einen natürlichen Zauber , aber mit dem Willen , ihn zu besiegen . « Beide hatten vielleicht recht . Im Wogen der Leidenschaft tauchen Dämonen und Genien nebeneinander in die Höh und wieder unter . In den Krisen , die sie aufwirbelt , entscheidet aber ohne Wahl ihr Erstgeborener , der Affekt . Der folgende Tag verging ohne Behelligung und ohne Spur von dem feindlichen Zauberer . Hielt er sich zurück ? Hatte er die Gegend wieder verlassen ? War er - eine Phantasmagorie des Hasses und der Sehnsucht - vielleicht gar nicht dagewesen ? Um nicht schlechthin in das Blaue hinein zu handeln , war Dezimus nahe daran , geradenweges Sidonien zu befragen , ob ihr Bruder die Absicht hege , sich in der Heimat niederzulassen . Nach besserem Besinnen verschob er indes die Frage bis nach seiner Rückkehr . Er gönnte unter allen Umständen der armen Rose einen zerstreuenden Wechsel , und hatte die Gefahr sich verzogen , war eine Heimholung ja leicht bewerkstelligt . Sie fuhren ab . Rose lachte , und Dezimus lachte selbst über die Figur , welche er in seinem Reisekostüm spielte . Weil eine scharfe Luft wehte und der verbundene Arm sich nicht bequemlich in den wärmenden Paletot fügen wollte , hatte er über den langen schwarzen Pfarrerrock den kurzen , bunten Soldatenmantel gehängt und dementsprechend im Coupe den hohen , steifen , schwarzen Hut mit der handlichen Feldmütze vertauscht , die er zufällig in der Tasche des Mantels fand . Zahlreiche Wehrleute füllten von Station zu Station den Zug , da der morgende Tag der der Gestellung war . Der Nachmittag war vorgerückt , bevor das Ziel erreicht ward . Als man das dunkle Festungstor passiert hatte , fand man den Bahnhof militärisch besetzt , der umgebende Wall war mit Kanonen bepflanzt , aus dem Inneren der Stadt hörte man Schüsse fallen . Auf dem Perron wirres Treiben und Drängen ; Angst und Entsetzen krächzten wie Raben in der Luft ! Eine Revolte , so hieß es , sei ausgebrochen , mit Hülfe der renitenten Landwehr die schwache Besatzung überrumpelt worden . Barrikaden , lange Zeit heimlich vorbereitet , ragten im Handumdrehen häuserhoch aufgetürmt ; das Blut flösse in Strömen ; der Belagerungszustand sei erklärt . Die Reisenden , welche in der Stadt hatten einkehren wollen , eilten ohne Aufenthalt weiter nach der nächsten Station ; die Fremden , die in der Stadt geherbergt hatten , drängten fliehend nach den abgehenden Zügen . Sie wurden streng gemustert , und wenn sie der Legitimation entbehrten , polizeilich zurückgehalten . Der Pfarrer von Werben und seine Schwester waren die einzigen zurückbleibenden Passagiere , und da er sich weislich mit einem Paß für sich und sie versehen hatte , durften sie ungehindert sich in den Wartesaal , dem einzig gestatteten Ein-und Ausgang , verfügen , von dort aus aber ihre Schritte lenken , wohin ihnen beliebte . Zu den ungeheuerlichen Gerüchten , welche auf dem Bahnhofe gespukt hatten , stimmte indessen verwunderlich wenig die Öde der Straße , welche die Geschwister jetzt betraten . Nur aus der Ferne fiel dann und wann noch ein Schuß . Ortsfremd , wie er war , hielt Dezimus es für geraten , Rose in einem dem Bahnhofe zunächst gelegenen Gasthause unterzubringen , während er selbst über die Lage der Dinge Erkundigung einzog . Der Wirt stand vor der Torfahrt , wie er lachend sagte , als einziger häuslicher Insasse , mit Ausnahme seiner Frau , die vor Schrecken krank zu Bett liege . Die Gäste seien entflohen , für Kellner und Mägde sei kein Halten gewesen . Die liebe Neugier habe sie samt und sonders auf den Tummelplatz des Skandals im Inneren der Stadt getrieben . Während er die Herrschaften in das erste beste Zimmer zu ebener Erde führte , erklärte er indes zu ihrer Beruhigung die sogenannte Revolte für einen erbärmlichen Krawall und auch diesen für so gut wie unterdrückt . Nur aus Übermut werde noch hier und dort ein Gewehr abgefeuert . Die Zahl der Gefallenen auf seiten