einen Mann blicken , der auf der Erde liegt , auf den Knieen des alten Wachtmeisters . Und der Mann ist todtenbleich , seine Lippen sind mit blutigem Schaum bedeckt und neben ihm rings umher ist die Erde mit Blut gefärbt , mit frisch vergossenem Blut , seinem Blut , dem Herzblut des Edelsten der Menschen . » Ist er todt ? « höre ich einen der Männer fragen . Aber der Held hier darf noch nicht sterben ; er hat noch eine Pflicht zu erfüllen . Er winkt mir , da ich mich über ihn beuge , mit den Augen und bewegt die Lippen , über die kein Laut mehr kommt ; aber ich habe ihn verstanden , ich umfasse ihn mit beiden Armen und richte ihn empor . So steht sie nun aufrecht an mich gelehnt , die hohe , königliche Gestalt . Sie können ihn Alle sehen die Männer , die er hierher geführt , und die er jetzt zurückführen will . Und wieder winkt er mir mit den Augen nach seiner Hand , und ich nehme die schlaff herabhängende wachsbleiche und sie deutet in die Richtung des Weges , den wir heute Mittag gekommen sind . Und da ist Keiner , der dieser stummen , feierlichen Mahnung nicht zu gehorchen wagte . Sie schaaren sich zusammen , sie treten in Reihe und Glied ; der Wachtmeister und ich , wir tragen den sterbenden Führer . So geht es zurück in langem , langsam feierlichen Zuge . Die Nacht ist hereingebrochen , nur noch einzelne Sturmstöße sausen vorüber und erinnern an den Tag , den furchtbaren , den wir Alle durchlebt haben . Die Arbeitshäusler , die heute außer dem Hause gearbeitet haben , - sie schlafen auf dem Ruhekissen eines guten Gewissens , das ihnen ihr Director zur Nacht versprochen . Ihr Director schläft auch , und sein Kissen ist so sanft , wie der Tod für eine große , gute Sache es machen kann . Ende des ersten Theiles . Zweiter Theil Erstes Capitel . Ein Jahr nach diesen Ereignissen stieg ein einsamer Wandersmann den abfallenden Rücken eines der Haidehügel empor , welche die gute Stadt Uselin nach der Landseite hin umschließen . Er ging langsam , wie Jemand , der von einem weiten Marsche ermattet ist , und seine Füße nur noch mühsam durch jenen grobkörnigen Sand schleppt , mit welchem das Meer seine Schwelle zu bestreuen liebt . Aber der Wandersmann war gar nicht ermüdet ; er hatte während des ganzen Tages nur wenige Meilen zurückgelegt , und für ihn wäre auch wohl eine doppelt so große Anstrengung Kinderspiel gewesen . Das Bündel , das er an einem Stocke auf der Schulter trug , konnte ihn auch nicht drücken , denn es war winzig klein , und doch schritt er langsam und langsamer , je näher er den drei Tannen kam , welche den Rücken des Hügels krönten ; ja , er blieb wiederholt stehen und legte die Hand auf das Herz , als ob ihm der Athem fehlte zu den paar Schritten , die noch übrig waren . Und jetzt stand er oben unter den Tannen ; der Stock sammt dem Bündel entglitt seinen Händen ; er breitete die Arme weit aus nach dem Städtchen , das von dem Strande des Meeres , mit dem Meere , zu ihm heraufschimmerte . Dann warf er sich - der große starke Mann - unter die Tannen in das Haidekraut und schluchzte und weinte wie ein Kind , und dann richtete er sich , kopfschüttelnd , halb auf , stützte den Ellenbogen auf den Boden , und so blieb er eine lange Zeit , immerfort schauend nach dem Hafenstädtchen zu seinen Füßen , auf dessen spitzen Giebeln und steilen Dächern die Abendsonne röthlich lag . Was für Gedanken mochten dem Einsamen da oben durch den Kopf gehen ? Was für Empfindungen seine sich unruhig hebende und senkende Brust erfüllen ? So mancher Poet , der seinen Helden leichtsinnig in eine ähnliche Situation gebracht hat , mag die Beantwortung dieser Fragen nicht ganz unbedenklich finden ; für mich hat sie keine Schwierigkeit , denn glücklicherweise bin ich selbst der Wanderer dort in dem Haidekraut unter den Tannen , und seitdem ich da lag , sind noch nicht so viel Jahre verflossen , daß der Ort und die Stunde und was sie brachten , meinem Gedächtnisse entfallen sein könnten . Was sie brachten ? Einen Schwarm von Erinnerungen aus den Jahren , als der Mann noch ein wilder Knabe war , und Alles , was er hier vor sich liegen sah , der Tummelplatz seiner Spiele : die Stadt von dem tiefsten Grunde der halbverschütteten Wallgräben bis in die Thurmknöpfe hinauf ; die Gärten , Felder , Wiesen und Haiden , die sie umgaben , bis hier zu den Hügeln ; dort der Hafen mit seinen Schiffen und das schimmernde Meer , auf welches er im gebrechlichen Kahn hinauszurudern liebte , während die Thürme der Stadt , wie jetzt , der rothe Abendschein umspielte . Hierhin und dorthin schweiften meine Blicke , und hier und dort und überall trafen sie auf Punkte , die wie alte Bekannte zu mir herübergrüßten . Aber sie blieben auf keinem Punkte lange haften , wie wenn man in einem bekannten Buche nach einer besonderen Stelle blättert , und Blatt um Blatt durch die Finger gleitet und jede Zeile , auf die das Auge trifft , uns bekannt ist und doch immer die Stelle nicht kommen will , nach der wir suchen . - Freilich , es war ja so nieder und klein das alte einstöckige Haus mit dem schmalen Giebel in der engen Hafengasse , und die Hafengasse lag tief , verdeckt von den größeren Häusern der mittleren Stadt - wie konnte ich das kleine Haus mit dem schmalen Giebel von dieser Stelle aus sehen wollen ! Und doch ! weshalb hatte ich den Weg gemacht , die vier Meilen hierher aus dem Gefängniß - den ersten Weg des wieder freien