, als sie sich je gekannt hatte , und doch fand sie sich durch diesen Zorn erniedrigt und er that ihr selber wehe , furchtbar wehe ! - Das Herz klopfte ihr beängstigend , die Stirn schmerzte sie , die Pulse flogen ihr wie im Fieber . Sie konnte sich nicht in ihre Lage finden , sie spielte mit Bewußtsein eine Rolle , in der sie sich mißfiel . Und Alles , Alles mißfiel ihr heute , die Geräthschaften , für die sie sich endlich ausgesprochen hatte , der Verkäufer und ihr Gatte , das Leben und die Welt ! Komm ' , Renatus , rief sie endlich , als Herr Flies , sich verbeugend , die gewählten Gegenstände in das Hotel zu schicken versprach , komm ' Renatus , wir sind fertig : laß uns gehen ! Als sie sich aber mit diesen in unmuthiger Eile ausgesprochenen Worten zu ihrem Sohne wandte , erblickte sie plötzlich einen anderen , älteren Knaben neben diesem stehend . Er war groß , schien breitschulterig werden zu wollen , und sein dunkles , schönes Antlitz mit den mächtigen Augen und den hochgeschwungenen Brauen , sein voller , stolzer Mund sahen noch kräftiger neben dem blonden und sehr zart gebauten jungen Freiherrn aus . Das ganze Aeußere des fremden Knaben , der feste und doch angstvolle Blick , mit dem seine Augen an dem Freiherrn hingen , fielen ihr auf . Sie hatte sein Eintreten nicht bemerkt , sie war ihn überhaupt nicht gewahr geworden , bis eben jetzt , aber ein räthselhaftes Etwas in des Knaben Wesen und Erscheinung erfaßte sie mit plötzlicher Gewalt . Auch der Freiherr schien seiner erst in diesem Momente ansichtig zu werden . Angelika sah zu ihrem Gatten , sah zu dem Knaben hinüber . Da begegneten sich auch die Blicke des Freiherrn mit dem Blicke des fremden Knaben , und Angelika täuschte sich nicht , der Freiherr wurde bleich , während eine dunkle Röthe die Wangen des kleinen Fremden überzog . Sie sah es , wie der Freiherr sich finster von ihm wandte , sie sah , wie des Knaben Brauen sich düster zusammenzogen , sie fühlte den scharfen , stechenden Blick , den er auf den Freiherrn , auf Renatus warf . Sie wollte ihren Sohn entfernen ; aber auch dieser schien von den dunklen Augen des fremden Knaben festgehalten zu werden , und ihm nahe tretend , rief er : Aber der Knabe da sieht ja ganz wie Du aus , lieber Vater , leibhaftig wie Dein Bild im Ahnensaal ! Der Ausruf von Renatus machte auch die Herzogin auf den Vorgang aufmerksam . Sie wandte sich nach dem kleinen Fremden hin ; Paul ' s Aehnlichkeit mit seinem Vater mußte Jeden überraschen . Des Freiherrn Auge war über den Sohn Paulinens schnell und flüchtig fortgeglitten . Er hatte sich entfernt und Renatus mit hinaus geführt . Der Juwelier gab Paul ein Zeichen , das Zimmer zu verlassen ; aber der Knabe blieb wie angewurzelt auf derselben Stelle stehen , und sein Blick , sein finster glühender Blick mit aller seiner Noth und Pein traf nur noch die Baronin , traf nur noch sie bis mitten in das Herz . Sie konnte den Blick nicht ertragen . Auch das noch , auch das noch heute ! rief sie und brach zusammen , während ein heißer Blutstrom ihren Lippen entquoll . Sechstes Capitel Es war Alles still im Hause , aber Niemand schlief . Schrecken und Sorge hielten Jedermann wach . Als die Baronin von dem Blutsturze befallen und der Arzt herbeigekommen war , hatte er es für unmöglich oder doch für höchst gefährlich erklärt , sie in diesem Zustande nach ihrem Hotel bringen zu lassen , in welchem ohnehin kaum die für eine solche Kranke unerläßliche Ruhe und Bequemlichkeit zu finden waren , und Herr und Madame Flies hatten augenblicklich mit der größten Bereitwilligkeit dem Freiherrn ihre ganze Wohnung und ihre Dienste zur Verfügung gestellt , die man unter diesen Verhältnissen annehmen zu müssen geglaubt hatte . Vorsichtig hinaufgetragen , lag Angelika in dem besten Zimmer des Hauses , das in den Garten hinaussah , wohl gebettet , vor dem Schimmer der Nachtlampe geschützt , und hörte schlaflos die leisen Pendelschläge der Uhr aus dem Nebenzimmer an ihr Ohr klingen , die sich langsamer , ach , viel langsamer bewegten , als der fiebernde Schlag ihres müden Herzens . Ihre Kammerfrau befand sich an ihrem Lager , hinter dem Bettschirme wachte geräuschlos Madame Flies . Nebenan in ihrer Stube saß Seba an dem offenen Fenster . Sie hatte sich nicht ausgekleidet . Sie mußte etwas erwarten , denn sie sah in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf die Straße hinaus , und es war nicht die milde Schönheit der warmen Sommernacht , die sie dazu verlockte . Paul war verschwunden , und man suchte ihn . Als er am Nachmittage aus der Schule gekommen war , hatte er einen prächtigen Wagen , einen reich geschmückten Jäger vor der Thüre des Hauses stehen sehen . Ganz hingenommen von einem einzigen Gedanken , war er , wie er das oftmals that , in das Comptoir gegangen , um zu fragen , wem die schöne Equipage zugehöre . Dem Freiherrn von Arten , sagte ihm der Lehrling . Paul starrte ihn bei den Worten so erschrocken an , daß der junge Mensch nicht wußte , was dem Knaben beigekommen sei , und ihm den Namen des Freiherrn mit der Frage wiederholte , ob Paul ihn nicht verstanden habe . Ja , ich habe ihn verstanden , antwortete er , und ging hinaus ; indeß er wußte nicht , wohin er gehen sollte . Er lief die Treppe hinauf , sich oben zu verbergen . Aber wovor sollte , wovor hatte er sich zu verbergen ? Ich habe ja nichts verbrochen , dachte er , und doch war ihm so bange , doch war er so verwirrt . Er konnte es nicht mehr aushalten oben in seinem Stübchen ; sein