sonst wohl weggeblickt hätte , ein höheres Interesse nehmen ließ . Die verschiedenartigsten Empfindungen bekämpften sich in ihrem Herzen , wie oft an einem tiefblauen Sommerhimmel leichte graue Wolken durcheinander treiben und fließen , bis der Sturm in seiner Vollgewalt hereinbricht . Siebenundvierzigstes Capitel Die Baronin hatte dem von Felix geäußerten Rath , sich an dem geselligen Leben des Adels der Umgegend lebhafter zu betheiligen , nach reiflicher Ueberlegung folgen zu müssen geglaubt , und es dauerte nicht lange , als fast kein Tag verging , an welchem nicht die Familie entweder in die Nachbarschaft gebeten war , oder , was noch häufiger geschah , selbst Besuch zu empfangen hatte . Man schien entzückt , daß Schloß Grenwitz , früher wegen seiner Gastlichkeit mit Recht weit und breit berühmt , wieder der Vereinigungspunkt der geschäftigen Müßiggänger werden sollte : man billigte höchlichst Anna-Maria ' s Entschluß , das klösterlich stille Leben mit einem neuen glänzenderen und einer so alten ruhmreichen Familie würdigeren zu vertauschen ; man sagte ihr so viele Schmeicheleien über ihre Unterhaltungsgabe , über ihr Talent , große Gesellschaften zu arrangiren , daß sie die Kosten , welche diese ihr ganz ungewohnte Gastfreundschaft veranlaßte , vor ihrem eigenen Gewissen durch die unumgängliche Nothwendigkeit der Maßregel , so gut es gehen wollte , zu entschuldigen suchte . Oswald hatte auf diese Weise schon mehrere der ihm vom Balle in Barnewitz her bekannten Gesichter wieder gesehen ; aber noch keines von denen , die ihm ein vorzüglicheres Interesse abgewonnen hatten . Es war ein eigenthümlicher Zufall , daß an einem Nachmittage , theils gebeten , theils ungebeten , sich beinahe Alle zusammenfanden , die damals für ihn mehr oder weniger merkwürdig geworden waren . Mit sehr verschiedenen Empfindungen sah er nach und nach Barnewitz mit seiner Gemahlin Hortense , Cloten , den Grafen Grieben und Andere eintreten und sein Interesse wurde geradezu ein peinliches , als zuletzt ganz unerwartet noch ein Wagen vorfuhr , aus welchem Adolph und Emilie von Breesen und die Tante Breesen stiegen , deren zahnlosen Mund und spitze Zunge er noch sehr wohl in Andenken hatte . Hierher , mein feiner , junger Herr ! rief die alte Dame , als sie nach den ersten Begrüßungen ihn erblickte ; warum sind Sie nicht uns zu besuchen gekommen , wie Sie versprochen hatten ? habe ich Sie deshalb meinem ungerathenen Neffen als das Muster eines wohlerzogenen jungen Mannes , der da weiß , was er alten Damen schuldig ist , vorgestellt ? habe ich deshalb Ihre Aussprache des Französischen meiner naseweisen Nichte als mustergültig gerühmt ? Schämen Sie sich ! ich beehre Sie mit meiner Ungnade ! Ich verdiene diese durchaus nicht , gnädige Frau ! sagte Oswald . Ich konnte nicht kommen , wie ich wollte , und gesetzt , ich hätte wirklich eine Unterlassungssünde begangen , so bin ich doch wahrlich , auch ohne Ihre Ungnade schwer genug gestraft . Ja , ja - schöne Redensarten , daran fehlt es Ihnen nicht . Sind Sie auch im Herzen nicht weniger unartig , wie die andern jungen Leute , so sind Sie doch manierlicher , und schon deshalb muß ich Ihnen verzeihen . Hier haben Sie meine Hand ; und nun sehen Sie zu , wie Sie mit meiner Nichte fertig werden , ohne daß sie Ihnen die hübschen Augen auskratzt . Damit wandte die alte lebhafte Dame Oswald den Rücken und ließ ihn allein mit der hübschen Emilie , die , ohne die Augen von dem Boden zu erheben , mit leicht gerötheten Wangen und unruhig wogendem Busen vor ihm stand . Oswald war fest entschlossen , das kindische und doch gefährliche Spiel mit dem leidenschaftlichen Mädchen nicht wieder zu beginnen . Er wünschte und hoffte , daß sie selbst zur Besinnung gekommen sei , und er sah es deshalb nicht ungern , als Fräulein Emilie einige gleichgiltige Worte , die er an sie richtete , scheinbar unbefangen beantwortete und sich sodann zu einer Gruppe junger Mädchen gesellte , die sich um Helene geschaart hatte , den modischen Schnitt eines weißen Kleides zu bewundern , das sie heute zum ersten Mal trug . Auch seine Begegnung mit Herrn von Cloten war weniger unerquicklich , als er nach ihrem letzten unverhofften Zusammentreffen auf Oldenburg ' s Solitude erwarten konnte . Der junge Edelmann that sehr erfreut , ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen , erkundigte sich angelegentlich nach Oldenburg , erinnerte an das Pistolenschießen in Barnewitz , und fragte , ob Oswald ihm heute Revanche geben wollte . Oswald war einigermaßen gespannt zu sehen , wie sich Cloten und Barnewitz gegen einander benehmen würden . Zu seiner nicht geringen Verwunderung schien zwischen diesen beiden Herren das vollkommenste Einvernehmen zu herrschen . Oldenburg hatte sich in dieser Angelegenheit als ein ausgezeichneter Diplomat bewiesen . Er hatte Jedem der Beiden eingeredet , daß der Andere nach seinem Blute lechze , und so die beiden Männer , die , nicht ohne alle Ursache , das Leben , welches sie führten , viel zu behaglich fanden , um ohne gewichtige Veranlassung daraus zu scheiden , für seine Vermittelungsvorschläge geneigt gemacht . Herrn von Barnewitz hatte er Cloten ' s Liebeshandel mit Hortense als eine ganz unschuldige Tändelei dargestellt , und geschworen , wie er überzeugt sei , daß dieser junge Mann mit jener Dame zu keiner Zeit einem intimeren Verhältniß gestanden habe , als viele andere Bekannte , zum Beispiel er selbst . Dem jungen ländlichen Don Juan dagegen hatte er den Rath gegeben , in Barnewitz ' Gegenwart ein paar Mal ungezogen gegen Hortense zu sein , und vor Allem sich irgend eine der Damen ihres Cirkels auszuwählen , um ihr möglichst auffallend den Hof zu machen . Cloten , äußerst froh , sich so leichten Kaufs aus dem fatalen Handel zu ziehen , hatte Oldenburg ' s Rath pünktlich befolgt und von Stund an begonnen , Fräulein von Breesen in seiner läppischen Weise zu huldigen . Er war indessen bisher in seinen Bemühungen sehr wenig glücklich