stillen Abendstunde « gründlichst revidirt werden , so nachlässig behandelte er die Contocorrenten etwaiger Anleihen der Freunde , die mit ihm Sherrypunsch tranken . Wer Piter ' s Verstand anerkannte , konnte bei ihm über alles gebieten . Wer aber zuweilen an seinem Verstande zweifelte , was seine Schwäger , seine Schwestern und die ältern Buchhalter nicht mehr wie gern thaten , hatte einen geschworenen Feind in ihm . Wie Piter von sich selbst dachte , bewies er eines Abends in einem Cirkel seiner Mutter , wo er bei Gelegenheit der damals eben wieder neu aufgekommenen Phrenologie sagte : » Die Phrenologie hat an mir die Zeichen des sanguinisch-nervösen Temperaments entdeckt ! In erschreckendem Grade findet sich an meinem Schädel ( er sah dabei auf seinen Schwager Delring ) die Anlage der gegenständlichen Auffassung ! Sehr groß ist ( er blickte auf seine drei Schwestern ) mein Zerstörungssinn ! Selbstachtung aber und ( nun sah er , doch etwas liebevoller , auf seine hochgespannte und fromme Mutter ) ein bischen Neigung zum Wunderbaren mildert diese gefährliche Anlage ! Gering ist indessen ( die Mutter zuckte schon wieder zusammen und entsetzte sich über den Blick , den Piter auf einige der Domherren warf ) , gering ist mein Verehrungssinn ! Schwach , ganz schwach ist meine Anhänglichkeit ( die Mutter , außer sich über ihre Täuschung , protestirte fast mit Thränen ) und am wenigsten ausgebildet ist mein sogenannter Ingenieursinn ! Aus letzterm muß ich schließen , daß ich nie eine Vorliebe für große Bauten haben werde ! « Diese Bemerkung war die allerbitterste . Sie ging auf eine Summe von 10000 Thalern , die die Mutter zum Ausbau eines gewissen berühmten großen Domes verwilligt hatte . Denn an sich hatte Piter im Gegentheil das ganze altbewährte Haus seiner Aeltern neuerdings fast umgerissen , Treppen gebaut , wo früher keine waren , Alkoven zerstört , Säle geschaffen und vorzugsweise seine Schwester Hendrika Delring so in der langgewohnten Existenz ihres zweiten Stockes beeinträchtigt , daß diese Aermste , wie sie sagte , sich vor dem Bruder kaum rücken und rühren konnte , von dem Lärm seiner nächtlichen Orgien ganz zu schweigen . Nur die Besonnenheit ihres Gatten hielt sie von äußersten Schritten zurück , die niemanden hätten wunder nehmen dürfen , da die vortrefflichste Frau nach zehnjähriger kinderloser ( gemischter ) Ehe Mutter zu werden in nächster Hoffnung hatte ... In Piter ' s Freundeskreise aber schlug es jetzt im Durcheinander der Debatten , vorzugsweise jetzt über Westen und Cigarren und durchreisende Sängerinnen bereits halb zwei Uhr ... und wer hätte nun nicht schon in einem Sylvesterkreise das neue Jahr abgewartet und die Entdeckung gemacht , daß dreißig Minuten vor » des Jahres letzter Stunde « der lebendigste Humor zu der Erkenntniß kommen kann , ob er sich im Abwarten des neuen Jahres auch nicht vielleicht zu viel zugemuthet ? Der Punsch ist in der Terrine kalt geworden , der Witz erschöpft sich schon in Leberreimen und zwei- und dreisilbigen Charaden ; immer müder werden die Augen , immer langsamer schleichen die Minuten , die noch bis zur allgemeinen Umarmung und kußbesiegelten Beglückwünschung hin zu verleben sind . Wer da nicht im Stande ist ans Klavier zu springen und einen elektrisirenden Tanz zu spielen , der kann erleben , daß einer um den andern das große Unternehmen , den letzten Stundenschlag des Jahres abzuwarten , völlig aufgibt und in aller Stille davonschleicht mit einem das ganze Jahr zusammenfassenden Trinkgeld an die gratulirende Bedienung . Um ein Viertel auf vier Uhr hatten die Freunde zwei Wagen zu erwarten , die im Hofe unten auf die Minute sollten angespannt erscheinen . Es war auch ganz bestimmt vorauszusehen , daß sie alle noch etwa eine Stunde auf den Divans ringsum schlafen und tüchtig schnarchen würden , aber zwischen ein und zwei Uhr zeigte sich davon noch keine Spur ... Fehlte auch die lebhafte Mittheilung des auf Spott jetzt sogar verdrießlich werdenden und den Kopf aufstützenden Thiebold de Jonge , stockten die Zungen schon und mußten sogar die sonst ganz ungentilen Anspielungen auf die einzelnen Geschäftsbranchen , wie : » Sie sind auf dem Holzwege ! « zu dem Holzhändler Thiebold , oder » Schenken Sie reinen Wein ein ! « zu dem Weinhändler Moppes , durch die Vermittelung der andern gütlich beigelegt werden , so fehlte es doch immer noch an Stoff der Unterhaltung nicht ; denn es gab zwei Themata , die in diesem Kreise endlos variirt werden konnten . Das waren die Juden und die Frauen . Erstere hatten sich in kurzer Zeit hier sehr emporgeschwungen . Eine nicht zu entfernte Verwandtschaft der Hasen-Jette , die Fulds , rechnete man zu den dreifachen Millionären und wenigstens im Wechselgeschäft hatten die Brüder Moritz Fuld und Bernhard Fuld alle überflügelt . Sie hatten Comptoire in Paris , Brüssel und Amsterdam , machten ein großes Haus , hatten eine Besitzung im Eneper Thal gekauft , dort eine Villa , sogar eine Kirche gebaut . Es konnte zunächst keinen anziehendern Stoff geben , der hier besprochen wurde , als da Haus Fuld und Söhne , und im Verlauf dieser Mittheilungen , die indessen eine Kette nur von Spott und Misgunst waren , wurde auch Thiebold lebendiger und erregter . Gebhard Schmitz und Joseph Moppes hatten zwei Kunstfertigkeiten , die miteinander wetteiferten . Dieser intonirte die anziehendsten Lieder , jener war ein Dialektkünstler . Ob sächsisch oder berlinisch oder frankfurtisch oder im Volkston der eigenen Vaterstadt , war ihm gleich . Er ahmte jede Mundart nach , so weit die deutsche Zunge reicht . Vorzugsweise aber war ihm das Jüdeln geläufig . Er erzählte von Juden nie anders als im rauhsten Kehlkopftone . Und wenn er von Spinoza hätte sprechen können , Gebhard Schmitz würde dessen Philosophie vorgetragen haben wie die eines Hausirers , der von seinen Masematten spricht . Von einem der Fulds , zwei in den pariser Börsencoulissen und Salons gebildeten , höchst eleganten und weltgeschliffenen jungen Männern , die auf einer Jagd in Homburg oder