und ernsthaftesten Phrasen abgefaßt , und er erschien mit der Schrift und las dieselbe nach verlangter Erlaubnis mit seinem Silberstimmchen vor . Der Vater und die Söhne , welche letztere durch sein rücksichtsloses Benehmen nun auch gegen ihn eingenommen waren , glaubten nun ihre Sache gewonnen und entschieden , da sie , besonders wenn sie das immer noch zierliche Miniaturgesichtchen des Philosophen ansahen , einer so spaßhaften Wendung unmöglich eine ernste Folge zuschreiben mochten . Aber sie täuschten sich sehr . Sie warfen ihn zwar aus dem Hause , wobei sie auf das Schwesterchen keine große Rücksicht nahmen , allein der seltsame Werber verklagte sie sogleich und begann einen Prozeß um sein Recht , den er mit solcher Konsequenz und Energie durchführte , daß der Oheim entrüstet und aufgeregt schon auf halbem Wege erklärte , das Kind könne laufen , wohin es wolle . Noch glaubte man , das junge Mädchen , das man immer noch als Kind anzusehen gewohnt war , würde jetzt wenigstens noch eine Zeit bleiben , bis es im Frieden gehen könne , und man konnte seinen Abfall von der Familie nicht begreifen und schrieb denselben einem störrischen und mangelhaften Herzen zu ; aber es kümmerte sich nicht darum , sah nicht Vater noch Schwestern und Brüder und kaum das Grab seiner Mutter an und zog ohne Aussteuer , ohne Sang und Klang mit dem Philosophen aus dem Dorfe . Mit Verwunderung sah ich , wie Logik und Leidenschaft im Bunde in noch so jungen Köpfchen wohl soviel Bewegung verursachen können als Erfahrung und gereifter Wille der Alten . Denn das Philosöphchen hatte sich vorgenommen , streng nach seiner Vernunft und seinem Naturrechte zu handeln , und auch seine Handlungen ganz in diesem Sinne durchgeführt , so daß er sich unter der ganzen Lehrerschaft ein großes Ansehen erwarb , als ein Besieger des Vorurteils , während das Mädchen durch seine unerwartete und rücksichtslose Leidenschaft , für die es auf der ganzen Welt keine Richtschnur mehr gab als der Wille des Geliebten , weitherum ein wunderliches Aufsehen erregte . So war in kurzer Zeit die Gestalt des oheimlichen Hauses verändert und durch die verschiedenen Vorgänge alles älter und ernster geworden . Von der traurigen Schaubühne ihres Krankenbettes sah die arme Anna alle diese Veränderungen , aber schon mehr als äußerlich getrennt von den Ereignissen . Sie hatte eine geraume Zeit im gleichen Zustande verharrt , und alle hofften , daß sie am Ende wieder aufleben würde . Aber da man es am wenigsten dachte , erschien eines Morgens im Herbste der Schulmeister schwarz gekleidet bei dem Oheim , welcher selbst noch schwarz ging , und verkündete ihren Tod . In einem Augenblicke war nicht nur das Haus von Klagen erfüllt , sondern auch die benachbarte Mühle , und die Vorübergehenden verbreiteten das Leid im ganzen Dorfe . Seit bald einem Jahre war der Gedanke an Annas Tod großgezogen worden , und die Leute schienen sich ein rechtes Fest der Klage und des Bedaurens aufgespart zu haben ; denn für eine allgemeine Totentrauer war dieser anmutige schuldlose und geehrte Gegenstand geeigneter als die eigenen Verluste . Ich hielt mich ganz still im Hintergrunde ; denn wenn ich auch bei freudigen Anlässen laut wurde und unwillkürlich eine anmaßende Rolle spielte , so wußte ich dagegen , wo es traurig herging , mich gar nicht vorzudrängen und geriet immer in die Verlegenheit , für teilnahmlos und verhärtet angesehen zu werden , und dies um so mehr , als mir von jeher nur die aus Schuld oder Unrecht entstandenen Mißstimmungen , die innere Berührung der Menschen , nie aber das unmittelbare Unglück oder der Tod Tränen zu entlocken vermochten . Jetzt aber war ich erstaunt über den frühen Tod und noch mehr darüber , daß dies arme tote Mädchen meine Geliebte war . Ich versank in tiefes Nachdenken darüber , ohne Schrecken oder heftigen Schmerz zu empfinden , obgleich ich das Ereignis mit meinen Gedanken nach allen Seiten durchfühlte . Nicht einmal die Erinnerung an Judith verursachte mir Unruhe . Nachdem der Schulmeister einige Anordnungen getroffen , wurde ich endlich aus meiner Verborgenheit hervorgezogen , indem er mich aufforderte , nunmehr mit ihm zurückzugehen und einige Zeit bei ihm zu wohnen . Wir machten uns auf den Weg , indessen die übrigen Verwandten , besonders die noch im Hause lebende Tochter und die junge Müllerin , versprachen , sogleich nachzukommen . Auf dem Wege faßte der Schulmeister sein Leid zusammen und gab ihm durch die nochmalige Schilderung der letzten Nacht und des Sterbens , das gegen Morgen eintraf , Worte . Ich hörte alles aufmerksam und schweigend an ; die Nacht war beängstigend und leidenvoll gewesen , der Tod selbst aber fast unmerklich und sanft . Meine Mutter und die alte Katherine hatten die Leiche schon geschmückt und in Annas Kämmerchen gelegt . Da lag sie , nach des Schulmeisters Willen , auf dem schönen Blumenteppich , den sie einst für ihren Vater gestickt und man jetzt über ihr schmales Bettchen gebreitet hatte ; denn nach solchem Dienste gedachte der gute Mann diese Decke immer zunächst um sich zu haben , solange er noch lebte . Über ihr an der Wand hatte Katherine , deren Haar nun schon ganz ergraut war und die aufs heftigste und zärtlichste lamentierte , das Bild hingehängt , das ich einst von Anna gemacht , und gegenüber sah man immer noch die Landschaft mit der Heidenstube , welche ich vor Jahren auf die weiße Mauer gemalt . Die beiden Flügeltüren von Annas Schrank standen geöffnet , und ihr unschuldiges Eigentum trat zutage und verlieh der stillen Totenkammer einen wohltuenden Schein von Leben . Auch gesellte sich der Schulmeister zu den beiden Frauen , die vor dem Schranke sich aufhielten , und half ihnen die zierlichsten und erinnerungsreichsten Sächelchen , deren die Selige von früher Kindheit an gesammelt , hervorziehen und beschauen . Dies gewährte ihm eine lindernde Zerstreuung , welche ihn doch nicht von dem Gegenstande seines Schmerzes abzog . Manches holte er sogar aus seinem