Die Zeit wird lehren , ob sie eine augenblickliche Aufregung ist . « Er entfernte sich , Alle ehrfurchtsvoll grüßend - gegen Viktorinen einige Worte schwärmerischer Verehrung aussprechend . - Wenn wir einen Blick in die verschiedenen Gemächer thun , in die sich die drei Hauptpersonen dieses schweren Abends zurückgezogen hatten , nachdem es ihnen verstattet , sich zu trennen , so werden wir erfahren , was ihr Loos war , als die äußeren Rücksichten für sie aufhörten . Die Marschallin hatte sich entkleiden lassen , und ihre Frauen warteten im Vorzimmer . Sie horchte dem Schließen der Thür , was ihr endlich Alleinsein , dieses dringendste Bedürfniß , sicherte . - Fünf Minuten später würden wir die Marschallin von Crecy , die eben mit stolzer Ruhe ihre Frauen nach dem Vorzimmer entließ , kaum wieder erkannt haben . Die zurückgepreßten Leidenschaften , die diese letzte , verhängnißvolle Zeit ihres Lebens höher , wie jemals gesteigert hatte , brachen , wie ihres Zügels beraubt , plötzlich hervor . Bald durcheilte sie mit großen , ungleichen Schritten das Gemach , während ihre krampfhaft gepreßten Hände ihre ungestümen Gedanken ausdrückten ; - bald sank sie in ihren Sessel , und ein kurzes , zorniges Schluchzen rang sich hervor . - Doch , wir halten inne , denn wir werden genug erfahren haben , um unsere Ueberzeugung anzudeuten , daß Jeden die Vergeltung erreicht , daß uns kein äußerer Schein täuschen sollte über die Gerechtigkeit des Himmels hier auf Erden , die , wenn sie das äußere Schaugerüst unberührt läßt , in dem Inneren des trotzigen Herzens erscheint und es beugt und zerreißt und demüthigt und die fürchterliche Strafe verhängt , mit lächelnder Miene aufrecht erhalten zu müssen , was , jedes Reizes entblößt , eine leere , tödtende Qual geworden ist und doch der Preis der Sünde war . Die Marschallin , die nie einem Menschen seine eigene Entwicklung , seine eigene Ansicht gestattet , die ihr ganzes Leben als eine Aufgabe ihres Willens gehandhabt , die Menschen , die hineinfielen , ohne jede Rücksicht als Hebel und Stützen verbraucht hatte , deren eigene Bedürfnisse übersehend , gering achtend , oder die ihrigen doch wichtiger haltend ; die durch das zeitherige , materielle Gelingen dieser Bestrebungen zu einer Sicherheit über den Werth derselben gelangt war , der sie auf die dünkelvollste Isolirhöhe des Stolzes erhoben - ihr war es plötzlich , als ob der Boden dieses ihr so fest erscheinenden Gebäudes ein Sieb geworden sei , das Alles unter ihren Händen unaufhaltsam zerrinnen , zerfließen , in ein Nichts zurücksinken ließe , vor dem sie verarmt stehen bliebe , wie vor dem ganzen Ergebniß ihres berechneten Lebens , das ihr damit verloren erschien . Sie erfuhr die Strafe , die ihr die härteste sein mußte , und ihr Zustand , wie wir ihn andeuteten , war dem gemäß . Sie wollte in dieser qualvollen Stunde etwas erdenken , womit sie sich rächen könnte . Aber die Beleidigung , die jeden Blutstropfen in ihr vergiftete , kehrte immer wieder auf den einen Gegner zurück , der alle zahllos erlebten Kränkungen veranlaßt hatte ; und dieser Gegner war ihr Sohn ! Der Sohn , den sie zu ihrem Dienste erzogen , zur Stütze ihrer ehrgeizigen Pläne ; er war es , der plötzlich seine Abstammung nicht gänzlich in sich erloschen zeigte und ihr , ehe sie es ahnte , mit eigensinnigem , rücksichtslosem Willen entgegen trat . Sie dachte alle Möglichkeiten durch , ihn noch ein Mal gedemüthigt , - ihres Willens Unterthan - zu sich zurück zu führen . Sie hatte , ehe sie ihn sah , so sicher darauf gerechnet ; sie hatte ihm ein Zürnen zugedacht , was nur um den Preis einer gänzlichen Uebergabe Versöhnung hoffen lassen sollte , und jetzt kam er in einer Stimmung des Zürnens zurück , die weder Ausgleichung suchte , noch nöthig hatte ; da er sich sogleich damit unabhängig erklärte . Sie konnte nicht einmal irgend etwas erdenken , worin sie ihm nachgeben konnte ! - Nur eine leise Hoffnung blieb ihr . Souvré war entweder selbst betrogen , oder er hatte sie auch betrogen . Sie hatte Fennimor ' s Tod wirklich vor der Vermählung ihres Sohnes angenommen , und es war klar , daran zweifelte Leonin - er bezüchtigte sie des Frevels , ihn in das doppelte Verhältniß getrieben zu haben ! Dieser Irrthum sollte sich nun auflösen . Die Reue darüber - blieb ihre einzige Hoffnung ; - aber sie ward dennoch kein Ruhekissen , worauf die Marschallin den Schlaf gefunden hätte . - Von ihrem geheimen Leben wenden wir uns nach dem stillen Schlafgemache , aus dem Viktorine für die ersten Stunden der Nacht gleichfalls ihre Frauen entfernt hatte , um , mit ihrem Kinde allein , jedes Zwanges enthoben , sich ihres Zustandes bewußt zu werden . Es giebt Menschen , deren edle Natur sich überall gleich bleibt ; sie behalten eine Decenz des Ausdruckes selbst in ihrer tiefsten Aufregung , die ihren einsamen Stunden ein Maaß verleiht , durch das sie vor sich selbst gesichert bleiben . Dies war bei Viktorinen der Fall . Sie war sich eine Achtung gebietende Gesellschaft - die Vertraute , von der wir wissen , nicht mißverstanden zu werden , und deren Billigung wir uns doch zu erhalten wünschen , da sie uns schwerer zu erreichen scheint , als der Beifall der Welt . Sie knieete nieder und beugte sich über das süß schlafende Kind . Schwere Seufzer deuteten es an , daß ein lang bezwungener Zustand sich Luft schaffte ; dann weinte sie lange und schmerzlich , und endlich wurden ihre Empfindungen Gebete . Als sie aufstand , sagte sie : » Weise Freundin , ich habe Dich verstanden ! Du hast mein Schicksal geahnet ; - ich werde Dir folgen . Ein Weib ist an sich etwas Göttliches und Großes ; - ich habe einen Heerd ! Ich habe ein Kind ! Beides werde ich hüten zur Ehre Gottes und der