schöne Blume bleicher und immer bleicher sich neigen , aber ihr Geist loderte immer sichrer und heller auf , ihre Theilnahme an dem Leben ihrer Freunde entwickelte sich immer freudiger . Diese durften sie jetzt fast gar nicht mehr verlassen , denn sie schien mit jeder Minute des Beisammenseyns noch geizen zu wollen und wendete alle ihr noch immer zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit daran , sie alle so lange als möglich in ihrer Nähe festzuhalten . Ihr Auge wandte sich in dem kleinen Kreise mit unaussprechlicher Liebe von einem zum andern . Lächelnd suchte es den treuen Ernesto , der liebenden Freundin Muth und Licht in die Seele zu strahlen ; dann ruhte es wehmüthig auf Hippoliten , der , ganz in sich verloren , sich und den Schmerz , und jede Klage , selbst Zukunft und Vergangenheit in ihrem Anblick vergaß , während Frau von Willnangen und Ernesto nur mit der mühsamsten Anstrengung aller ihrer Kräfte ihrem tiefen Schmerz gebieten konnten . Gabriele redete in diesen Tagen ungewöhnlich viel von Ottokar , und von einer frohen Ahnung seines nahen Wiedersehens nach so langer Trennung . » Ernesto war nur sein Vorläufer , gebt Acht , unversehens ist er da ! « sprach sie mit einer eignen Art von Gewißheit , für die sie doch selbst keinen rechten Grund anzugeben wußte , denn er hatte nur kürzlich geschrieben , und den Willen , Rom zu verlassen , auf keine Weise geäußert . Am dritten Morgen nach dem Todestage ihrer Mutter ließ Gabriele etwas früher als gewöhnlich Hippoliten zu sich entbieten . Er eilte herbei . Alles im Zimmer hatte ein eignes festliches Ansehen . Wölkchen von Wohlgerüchen durchkräuselten es in bläulichem Duft , Gabriele schien auf ihrem gewohnten Sessel im Fenster wie in einer Blumenlaube zu ruhen , denn aller Schmuck des sinkenden Jahres stand in schönen Vasen zierlich um sie her geordnet und Blumen und Früchte fügten sich im gefälligsten Vereine um ihre Umgebung zu verherrlichen . Die durch die herabgelaßnen rothen Vorhänge gemilderten Sonnenstrahlen verbreiteten ein lieblich-rosiges Scheinen im ganzen Gemach und liehen auch der bleichen Gabriele noch einmal den flüchtigen Schimmer der Gesundheit . Sie selbst hatte mit mehr als gewohnter Sorgfalt wie zu einem Feste sich schmücken lassen , ihre reichen Zöpfe waren zierlicher aufgeflochten , ihre Locken umkräuselten die schöne Stirn in gewählterer Form , und ein weiter , kostbarer Shawl von himmelblauer Farbe umwallte in reichen Falten die im zierlichsten weißen Morgenkleide ruhende schlanke Gestalt . Nie war Gabriele schöner gewesen als in diesem Moment , doch war ihre Schönheit nicht mehr von dieser Welt . Freundlich winkte sie dem Eintretenden , näher zu kommen . Er that es und sank unwillkürlich zu ihren Füßen hin , in Anbetung und Liebe verloren . Eine eigne Freudigkeit des Herzens hatte sich seiner bei ihrem Anblick bemächtigt , sie leuchtete aus seinen Augen , während er bewundernd die Hochgeliebte betrachtete . » Hippolit , « flüsterte sie leise , » theurer , geliebter Hippolit ! ja ich fühle es , Sie werden durch ungestümen Schmerz die heiligste schönste Stunde meines Lebens mir nicht stören ; sie ist die Krone unsers Daseyns , ihr darf keine andre folgen . Auch gehöre ich den Lebenden nicht mehr an ; - erschrick nicht so über dieses Wort , erschrick nicht , daß ich gewiß weiß , ich werde die Sonne , die jetzt uns leuchtet , nicht mehr sinken sehen . « Mit einem kaum unterdrückten Schrei fuhr Hippolit in die Höhe , der Thüre zu , als wolle er Beistand , Hülfe herbei rufen oder suchen , doch ihre sanfte Gewalt , ihr flehendes Auge und die innre Ueberzeugung , daß jeder Versuch , zu helfen , hier nur quälend mißlingen könne , zogen ihn wieder zu ihren Füßen hin . Sein starrendes Auge , sein Beben , sein tödtliches Erbleichen machten ihn einem Sterbenden weit ähnlicher als Gabriele es war . » Erwache , o erwache , « rief sie , » geliebtester aller Menschen , erwache und segne mit mir diese Stunde , die den lange gehegten einzigen Wunsch meines Herzens , den Lohn alles meines Strebens mir gewährt . Die Sterbende darf gestehen , was der Lebenden strenge Pflicht war , tief in der Brust , unter unsäglichen Schmerzen zu vergraben . « Ihr Auge strahlte von neuem himmlischen Feuer , ihre Wangen färbten sich , alle ihre Züge verklärten sich zu unaussprechlicher Schönheit . » Ja Dich , Dich habe ich geliebt ! « sprach sie mit vor Entzücken bebender Stimme , » Dich liebe ich , Dich allein , Du Einziger , Geliebtester , Du mein Hippolit , nur Dich ! ich liebe Dich wie Du mich liebst , und lange schon trage ich Dein Bild im Herzen . Ich sterbe , weil ich Dich liebte , ich sterbe beglückt , daß ich nur einmal mein Herz Dir öffnen darf , entzückt , beglückt , und nun laß mich enden . Die Erde beut mir nichts mehr nach dieser Stunde , die alle meine Fesseln zerreißt ! Ich darf dem Leben nicht mehr angehören , aber ich gehöre Dein ! Dein ! von nun an , und an diesen Moment gränzt eine wonnevolle Ewigkeit ! « Das seligste Entzücken , der zerreißendste Schmerz , Gabrielens geliebte Stimme rief Hippolit schnell wieder zu klarem Bewußtseyn ; in Thränen , Seufzern , Blicken mehr noch als in Worten , tauschten die Liebenden alles Weh und alle Wonnen ihres Daseyns gegen einander aus . Die Stunde , die sie so mit einander zubrachten , gehört nicht ins irdische Leben , keine Vergangenheit , keine Zukunft begränzt sie ; sie steht da , einzig , für sich allein gleich der Ewigkeit , jedem Versuch , sie zu schildern , unerreichbar . Es war stille im Zimmer geworden , ganz still . Ernesto trat leise herein , ihm folgte Frau von Willnangen . Die Geschichte eines großen unverhofften frohen Ereignisses glänzte in Beider Augen , schwebte sichtbar auf