trieb mich nicht zu solchen Fragen , nein , gewiß nicht ; andere , tiefer liegende Gründe waren es welche meine so ernste Theilnahme für den muthmaßlich Verschollenen und sein Geschick wachgerufen hatten . In dem ersten Theil seines Manuscriptes war ja das Land so genau beschrieben , in welchem ich selbst meine glückliche Jugendzeit verlebte , standen ja so manche Namen , die mir seit meinen Kinderjahren unvergeßlich geblieben , war ja sogar das Haus erwähnt , in welchem ich nur des Lebens allerheiterste Seiten kennen lernte . Was war also natürlicher , als daß ich das lebhafteste Verlangen trug , mehr über den zu erfahren , der gleich mir den lieben Vater Rhein den ersten Gespielen seiner Jugend nannte , und gleich mir , wenn auch aus anderen Ursachen , nach dem fernen wilden Westen verschlagen wurde . » Aber ist er denn auch verschollen ? « fragte ich mich zuweilen , wenn meine Blicke auf den regelmäßigen Schriftzügen hafteten und ich mir die Zeit zu vergegenwärtigen suchte , in welcher eine lebenswarme Hand auf dem vor mir liegenden Papier ruhte , und die Feder mit leisem Knistern die Gedanken niederschrieb , welche aus einem , ernst und sinnend über den als Tisch dienenden Felsblock geneigten Haupte entsprangen , während die großen melancholischen Augen der Mandanenwaise bald die zwischen ihren zierlichen , Fingern befindliche Arbeit , bald den Verfasser der Schrift bewachten und aus seinem Anblick ein ganz anderes Leben , einen ganz anderen Begriff von der Bestimmung des Weibes gleichsam einsogen . » Ist er denn auch verschollen ? « fragte ich mich , und fast unwillkürlich begann ich zu rechnen , und die Jahre , so weit ich klar zu denken vermochte , vor meinem Geiste vorüberrollen zu lassen : Im Frühling des Jahres 1833 betheiligte er sich an der Frankfurter Bewegung . Im Herbst desselben Jahres entfloh er nach Amerika , und im Jahre 1839 , als er sein Zusammentreffen mit der Familie Dalefield beschrieb , konnte er das dreißigste Jahr kaum erreicht haben . Jetzt schreiben wir 1852 ; er wäre also höchstens erst dreiundvierzig Jahre alt . Aber das Manuscript , das Manuscript , es ist nicht leicht denkbar , daß er es gutwillig aufgegeben haben würde . Vielleicht vermag Wakitamone mir darüber Aufschluß zu verschaffen . Also hin zu meinem alten Gastfreunde , und auf die Gefahr , von der Tochter tüchtig ausgezankt , und von dem Herrn Vater aus dem Wigwam hinauskomplimentirt zu werden , einen Angriff auf den so merkwürdig gezeichneten Skalp gewagt . Warukscha empfing mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit , indem sie mir zum Beweise ihrer Hochachtung sogleich einen gesottenen Biberschwanz mit gestampften Maiskörnern vorsetzte . Doktor Wakitamone streckte mir seine biedere Rechte entgegen und fragte sehr herablassend , ob ich den Sioux ' s , und wenn nicht den Sioux ' s , so doch irgend einem Andern Pferde gestohlen habe , um ihm seine Töchter ablaufen und damit in die Rechte seines sehr lieben Schwiegersohnes eintreten zu können . Ich dagegen gab nach besten Kräften zu verstehen , daß ich einen wunderschönen Traum gehabt habe , und in Folge dessen zum Pferdestehlen seines Amuletts , des gekennzeichneten Skalpes bedürfe . Wakitamone holte sein Medicinränzel herbei und löste Blackbird ' s Skalp von demselben ab , und das Herz lachte mir förmlich vor Freude darüber , daß diese Naturmerkwürdigkeit nunmehr in meinen Besitz übergehen sollte . Doch ich täuschte mich . Mein edler Gastfreund wollte mit seiner Trophäe nur etwas liebäugeln und mir deren besondere Vorzüge anschaulich machen ; denn nachdem er dieselbe mit wahrhaft rührender Liebe an seine wunderbar schön roth gefärbten Wangen gelegt – eine zärtlichere Art zu liebkosen kennen die Indianer im Allgemeinen noch nicht – hielt er sie in Armeslänge von sich ab , um das Licht mit den wohlgeordneten zweifarbigen Haaren spielen zu lassen und mir das ebenfalls sehr geschmackvoll angestrichene Innere der weich gegerbten Kopfhaut zu zeigen . Seine Augen leuchteten dabei vor Stolz und Freude , und eine Anrede hielt er an mich , die ich zwar nicht verstand , deren Sinn aber ohne Zweifel war , daß er sich von dem theuren Andenken nicht trennen würde , und wenn alle seine Töchter deshalb unverheirathet bleiben sollten . Gegen einen so entschieden ausgesprochenen Willen ließ sich allerdings nicht ankämpfen . Die Hoffnung auf den Besitz von Blackbird ' s Skalp gab ich daher sogleich auf , doch schied ich nicht eher von Wakitamone , um zu den Omahas zurückzukehren , bis ich über die merkwürdige Siegestrophäe alle diejenige Auskunft erhalten hatte , welche mein alter Gastfreund mir zu ertheilen im Stande war . Aus diesen Nachrichten ging hervor , daß Wakitamone den Blackfoot-Häuptling , nachdem er von demselben einen klaffenden Schnitt über die Brust empfangen , eigenhändig mit feiner Lanze aufgespießt habe , und zwar nicht nur einmal und nachdrücklich , sondern so oft , daß der arme Blackbird , nachdem er zum Ueberfluß auch noch seinen stattlichen Skalp verloren , mehr einem Sieb , oder – um mich in Wakitamone ' s Sinn auszudrücken – einem abgetragenen Mokassin ähnlich gewesen sein mußte , als einem Blackfoot-Krieger . Nach dem Manuscript fragte ich nicht weiter , die Sache schien mir aus leicht erklärlichen Gründen zu gefährlich ; doch aus der Art , in welcher der Ottoe auf seinen Zauberranzen schlug , errieth ich , daß er in demselben noch eine ganz besonders wirksame Medicin verborgen glaubte , – womit nur das entwendete Manuscript gemeint sein konnte , – welche er zugleich mit dem schönen Skalp erbeutet habe . Also Blackbird hatte das Manuscript besessen ; das war das Ganze , was ich aus Wakitamone ' s Mittheilungen schöpfte , und diente dies am wenigsten dazu , einiges Licht über des deutschen Studenten Endschicksal zu verbreiten . Meine Nachforschungen auf dem Pelztauscherposten bei den Omahas blieben ebenfalls erfolglos . Das dort stationirte Personal war in den letzten Jahren wenigstens viermal verändert worden , wie auch der Vorsteher der nahen Mission bereits vor