hätte unverweilt sich mit ihm in der Ferne vereinigen mögen und war doch an den Schlummerstuhl des blöden Greises gefesselt . Im Schlosse von Werben glaubte man , daß Max sich in das Ausland gerettet habe . Der Schlag , der in der Hauptstadt gefallen war , zitterte in den Provinzen nur mäßig nach ; in unserer Gegend war es überhaupt fast ausschließlich die Festungsstadt , als Enklave rings von erregten Kleinstaaten umgeben , in welchen die Schürungen von vornherein einen lebhafteren Anklang gefunden . Hatten doch schwarzsehende Kannegießer schon im Sommer dem sogenannten Doktorputsch eine gefährliche Wichtigkeit zugemessen , indem sie , als sein Ziel , einen Handstreich auf diesen festen Platz ausgewittert . Unbestritten gärte in der niederen Bürgerschaft ein gewisses , unruhiges Treiben , gedämpft allein durch das geschickte und energische Auftreten des kommandierenden Generals . Da ein Teil der Besatzung der Armee in den Marken zugeteilt worden war , hatte man neuerdings zur Verstärkung der Garnison die Reservisten und jüngsten Landwehrklassen der umliegenden Bezirke einberufen , und es gehörte , wie es bei solchem schematischen Verfahren wohl zu geschehen pflegt , der Reservist Frey zu diesen Einberufenen , obgleich er als ordinierter Pfarrer von allen Mordgeschäften entbunden gewesen wäre , selbst wenn er den zum Regieren der Mordwaffen erforderlichen Arm nicht in der Binde getragen hätte . Er hatte sich seit Wochen einen Ausflug nach der Festungsstadt vorgenommen , bevor er in sein neues Amt übersiedelte ; er glaubte dem redlichen Freund Kurze die Mitteilung dieser geplanten Lebenswendung schuldig zu sein , gedachte , von seinen kriegerischen Kameraden Abschied zu nehmen , Martin und seine gütige Mutter noch einmal wiederzusehen , da er ja einen wie den anderen vielleicht für immer aus den Augen verlor ; vor allem aber verlangte ihn , seinem Bruder , der in der Kürze seinen » lieben Herrn « , anjetzo General , in dessen neue Garnison begleiten würde , noch einmal die Hand zu drücken . Die Einberufung beschleunigte nun die Ausführung dieses Plans . Es mutete Held Dezimus plötzlich an , den Schematismus zu übergipfeln und anstatt sich schriftlich abzumelden , es persönlich an Ort und Stelle zu tun . Möglich , daß sogar eine Art von loyaler Demonstration - um ihrer Wohlfeilheit willen verschämt ! - im Hintergrunde schimmerte . Die Einberufung war nirgendwo mit patriotischem Hochgefühl begrüßt worden , die gehorsame Folgeleistung des verwundeten Pfarrherrn dürfte etwa murrenden Wehrkameraden daher immerhin ein wackeres Beispiel geben . Kurz und gut , Held Dezimus war gewillt , für ein paar Tage seine Mißlaune gemütlich und patriotisch zu zerstreuen . Als er am Nachmittag aus der Stadt , wo er die Vorkehrungen für seinen Ausflug getroffen hatte , zurückkehrte , stürzte ihm die litauische Lene , die seine Haushälterin geworden war , mit verstörten Mienen entgegen . Der » schandbare Junker « war wieder da ! Ja , er hatte die Schandbarkeit so weit getrieben , um frank und frei auch auf dem diesseitigen Ufer spazieren zu gehen , am Hünengrabe vorbei , die Gartenmauer entlang , über den Gottesacker , wo er eine lange Weile vor dem frischen Hügel des alten Pfarrers still gestanden , durch das Dorf und unterhalb der Schloßterrassen bis zum Fährboot , in welchem er auf Mehlbornschen Grund zurückgekehrt war . Die alte Lene hatte dem dazumal » scharmanten « Junker mehr als erlaubt goldene Brücken gebaut , solange sie an ihn als ihres Herzblättchens Zukünftigen geglaubt ; nun er das Herzblättchen so schandbarerweise in Verruf gebracht hatte , war die Hölle nicht heiß genug für den Teufelsbraten geheizt . Auch hatte , ihrer Darstellung zufolge , der Höllenkandidat sich bereits zu einem richtigen Räuberhauptmann umgemodelt , trug statt der zierlichen Locken von ehedem einen wilden Haarwuchs , statt des blonden Schnurrbärtchens auf der Oberlippe einen fuchsroten , struppigen Vollbart , und was er auf dem Leibe hatte , war der Wüstigkeit des Hauptschmuckes entsprechend . Aber die alte Lene litt an blöden Augen und nicht bloß im Traume mitunter an feindlichen Erscheinungen . Ihrem jungen Herrn wollte diese neueste Erscheinung nicht recht einleuchten . Selbst Sidonie hatte , da sie keine Kunde von ihm oder über ihn erhalten , ihren Bruder außer Landes in Sicherheit geglaubt . Sollte sie die Gefahr für ihn so wesentlich überschätzt haben ? Indessen ging Dezimus die Sache doch im Kopfe herum , und so begab er sich nach dem Schlosse , sie mit den Freundinnen zu beraten . Rose kam ihm nicht wie sonst , wenn sie seinen Schritt auf der Treppe erlauscht hatte , entgegengesprungen . Auch im Wohnzimmer saß Lydia ruhig lesend allein . Doch bestätigte sie die feindliche Erscheinung . Max war gesehen worden , zwar nicht von ihr selbst , aber von dem alten Wagner und , am entscheidendsten , von Rosen , als er , eine lange Weile am Ufer auf und ab schlendernd , sich mit etlichen begegnenden Landleuten und auch mit dem alten Fährmann unterhalten hatte ; durchaus gegen seine bisherige höflich ablehnende Gewohnheit . Denn der volksfreundliche Dichter besaß die feinen , empfindlichen Sinnesnerven geistreicher Köpfe ; er konnte den gemeinen Mann - selbstverständlich nur buchstäblich genommen - nicht riechen . Wo aber eine reale Antipathie der idealen Sympathie in das Gehege kommt , behält leider gewöhnlich , und nicht bloß bei für Gleichheit schwärmenden Aristokraten , die Antipathie die Oberhand . Kein Zweifel demnach : Max wollte bemerkt sein , wollte zeigen , daß er nicht so kompromittiert sei , als selbst seine Schwester angenommen , daß er sich vollkommen sicher fühle und vielleicht sogar die Absicht hege , das ländliche Herrenleben fortzuführen . Lydia konnte nicht verhehlen , daß Rosen , trotz der Herrschaft , die ihr über das bewegliche Temperament gelinge , eine starke Erregung anzuspüren gewesen sei ; sie riet , das arme Kind aus der beunruhigenden Nähe zu entfernen , bis der Grund jenes geflissentlichen Gebarens sich aufgeklärt haben werde . » Denn , « so sagte sie , in seltener Übereinstimmung mit Sidonien ,