Haupt gesenkt , die Arme schlaff am Leibe niederhangend , den Leib matt in den Hüften wiegend , setzte sie die kleinen , wie durch Starrsucht gefesselten Schritte , lieblich immer , aber träge in die Runde . Es war mehr ein Schleichen , als ein Gehn , die Augen hielt sie halbgeschlossen , die Lippen waren wie von Erschöpfung geöffnet . So gab sie das Bild einer sterbenden Magdalena , an deren süßen Fleische schon der grimmige Freudenhasser nagt . Bald ging dieses Schleichen in ein völliges Stocken über , kaum merklich waren noch die Bewegungen , sie erstarrte endlich , sich auf die Knie niederlassend , zu einer Gestalt von Stein , durch deren Adern und Fibern es nur noch wie ein unseliges Rieseln und Wirbeln lief . Der Anblick dieses schönen Mädchenkörpers , seiner leisen , zuckenden Regungen war unbeschreiblich rührend , die Augen tat sie auf , und warf auf Hermann einen erloschnen Blick , vor dem er gleichwohl die seinigen senken mußte . Denn es rief aus demselben wie mit schluchzendem Munde : » Erlöse mich , o du mein Geliebter , aus den Krallen der zerwühlenden Elemente ! « So blieb sie einige Sekunden haften , dann aber warfen die raschen schneidenden Strophen der Alten den Aufruhr auch in ihre Glieder . Sie erhob die Arme , sie richtete sich auf ihre Füße , vorwärts und rückwärts flog der Leib , von den geschwungnen Schenkeln bewegt ; immer wilder , zerbrochner wurde dieser rasende Tanz , die Glieder schienen sich voneinander zu lösen und dahin und dorthin zu zerflattern , endlich schwebte das lemurische Gebilde hauchartig in den Lüften , denn kaum den Fußboden noch berührten die Spitzen der Zehen . Die Kreise hatte das tanzende Schattenähnliche aufgegeben , in einer geraden Linie schwebte es gegen den Sarkophag in der Nische , von welcher die Alte den Vorhang hinweggezogen hatte , und zitterte dann mit ängstlichem Wenden von seinem Mumieninhalte zurück . Nachdem dieses Hinan - und Zurückschweben einige Male stattgefunden hatte , verklang das Lied der Alten . Welches Ende das geisterhafte Schauspiel genommen , hat Hermann nie erzählen können . Er hatte , als er das gespenstische Schweben eine Zeitlang angeschaut , vor dem verwirrenden Anblicke die Augen geschlossen , und sich mit abgekehrtem Gesichte wider die Wand gelehnt . Da er sich umwendete , war er allein . Noch immer rauschten die Weisen des Balls fort , noch immer hüpften unfern fröhliche Menschen , und hier waren ihm Offenbarungen des Grabes geworden ! Die Menschen , welche Zauberstätten betreten , deren Augen und Ohren in das Wesen und Weben solcher Orte verstrickt werden , büßen Sinn und Willen ein , die überwältigte Seele lebt Jahre in Augenblicken , das Fernste , Unglaublichste tritt ihr als Wahrheit nahe , die Wirklichkeit hat keine Macht mehr auf sie . In solcher Verfassung war Hermann . Seinen durch Tanz und Wein aufgeregten Geist hatten im Verlauf einer Stunde die fremdesten Gegensätze berührt . Das edelste Menschliche hatte ihm in tiefster Brust mit Liebesarmen geschmeichelt , höllischer Spuk war dieser Seligkeit in aller Pracht des Abgrunds gefolgt . In den Haushalt der Engel und in den der Teufel hatte sein erblindendes Auge schauen müssen , leider fehlte ihm die Festigkeit des Dante , welcher einst die Last solcher Gesichte unverzagt zu ertragen wußte . Ohne zu wissen , was er tat , hob er jetzt selbst den Deckel des Sarkophages ab , und starrte gedankenlos die trocknen Züge der Mumie an . Eine Weile hatte er so gestanden , als durch die Türe , die nach dem Naturalienkabinette führte , der Kurator eintrat . » Ich bringe eine gute Neuigkeit « , sagte dieser . » Johanna verlangt noch nach Ihnen , zu so später , oder so früher Stunde , denn es geht auf zwei Uhr , kann diese Bestellung nur das Beste bedeuten . Gewiß ist in ihr der einzige richtige Entschluß , den sie fassen konnte , aufgekeimt , und Sie sollen ihr denselben ausführen helfen . Gehen Sie schnell zu ihr . « Hermann ging . Draußen auf dem Gange verließ ihn jener . Der Ball hatte aufgehört , unten fuhren die Wagen ab . Die Alte sah er umhertaumeln und auf den Vorsälen die Lichter und Lampen auslöschen . Als er bei ihr vorbeiging , lachte sie ihn an , und rief : » Ihr schleicht noch zu Eurem hohen Lieb ? Nun , eine glückselige Nacht ! « Er öffnete sacht Johannas Zimmer . Es war dunkel , der Duft süßen Räucherwerks floß ihm entgegen . Er meinte , sich geirrt zu haben , trat einen Augenblick auf den Gang zurück , und sah die Türe an . Aber das war seine , das war Johannas Türe ! Er tastete im Zimmer nach einem Stuhle , setzt sich auf denselben , und wollte erwarten , daß seine Freundin mit Licht komme . Da hörte er leise die Vorhänge des Betts rauschen . Was er noch von Besinnung gehabt hatte , schwand . Er wankte der Gegend zu , von welcher das Rauschen vernommen worden war . » Johanna ? « fragte er glühend , bebend . » Ja « , antwortete es kaum hörbar unter innigem Weinen . Ein Busen und Leib , dessen Berührung die Glut des Fiebers in ihm entzündete , drängte sich aus den Kissen ihm entgegen . Weiche Arme umschlangen ihn , er sank auf das Lager , welches ihn erwartete , und die Wogen des höchsten Genusses schlugen über ihm zusammen . Fünfzehntes Kapitel Man hat den Maler gelobt , welcher , die Grenzen seiner Kunst erwägend , auf dem » Opfer der Iphigenia « dem Vater Agamemnon das Haupt verhüllte . Zu diesem oft angeführten Beispiele müssen auch wir unsre Zuflucht nehmen , wenn wir bekennen , daß unsre Feder die Empfindungen nicht schildern mag , welche Hermanns Brust zerrissen , als der Tag in sein Gemach schien . Es gibt ein Bewußtsein